Schlaue Sprüche und ihre Wirklichkeit

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Ich liebe sie, verwende sie auf meinen Postkarten und teile sie leidenschaftlich gerne auch auf Facebook: Schlaue Zitate oder Sprüche. Jedoch klingt es manchmal einfacher als es im Leben dann wirklich ist, oder?

Ein paar Beispiele:

Postkarten_Doris_KesselDie Sache mit dem Loslassen. Wir Yogalehrer verwenden das Wort häufig in unseren Kursen und Workshops, um mental und letztendlich geistig, Blockaden besser lösen zu können. Jedoch hat man die Rechnung nicht mit dem hartnäckigen inneren Widerstand gemacht, der ein gewaltiges Wörtchen mitzureden hat. Wir Menschen funktionieren nicht auf Kopfdruck, wir sind schließlich keine Maschinen. Alles braucht seine Zeit.

Nehmen wir mentale, festgefahrene Denkmuster oder traumatische Ereignisse in der Vergangenheit, die einfach tief sitzen. Und dann kommt so ein Schlaumeier wie z.B. ich daher, der locker flockig sagt: „Lass es los, dann geht es dir besser.“ – „Ja, wie denn, meinst du ich würde es nicht tun, wenn ich es könnte, du Depp?“ – wie gesagt, alles braucht seine Zeit und auch entsprechende Wiederholung, damit neue Denkweisen in deinem ganzen System bis in die Tiefe aller deiner Zellen installiert werden. Und dazu braucht es wiederum Geduld, Ausdauer, Mut und Beharrlichkeit.

Man kann nichts erzwingen oder beschleunigen, nur immer wieder unterstützen.

Halbherzige Sachen funktionieren auch nicht. Denn dein Unterbewusstsein lässt sich nicht verarschen. Dein Geist und dein Körper sagen dir, wenn sie so weit sind, die Erfahrung habe ich gemacht. Irgendwann macht es plopp und du kannst wirklich loslassen. Wenn die Zeit reif ist, ist es ganz leicht. Und wenn die Zeit noch nicht reif ist, dann nimm es an, dass es gerade ist.

Da sind wir schon beim nächsten schlauen Spruch: „Nimm es an, wie es gerade ist!“ – „Ja, klar, mein Herz ist gerade gebrochen und mein Chef treibt mich in den Wahnsinn – und ich soll es so annehmen, wie es gerade ist …“. Das ist verdammt schwer, ich weiß. Und vielleicht musst du es ja nicht gleich annehmen. Denn, wie gesagt, du kannst nichts erzwingen.

Aber vielleicht kannst du es immer mal wieder versuchen.

In Situationen, die dich völlig aus der Bahn zu werfen drohen, für einen kurzen Moment inne zu halten. Dich dann völlig auf deinen Atem zu fokussieren, in deinen Körper zu gehen und zu beobachten. Den inneren Kritiker in den Urlaubsflieger zu setzen und dich dann auf eine weit abgelegene Wolke weit oben im Himmel oder einen Stern im Universum zu begeben, damit du noch besser durchschnaufen kannst. Ja, es ist nicht einfach. Aber es wird von Mal zu Mal besser. Und manchmal klappt es gar nicht und manchmal auf Anhieb. Probiere es aus.

„Es ist egal, was die anderen denken.“ – auch so ein schlauer Spruch, denn auch ich sehr gerne verwende und trotzdem weiß, dass es leichter gesagt, als getan ist. Denn es ist mir nicht immer egal, was andere denken. Vor allem, wenn ich diese Menschen mag. Oder auch in der Öffentlichkeit hat es mir oft Überwindung gekostet, Dinge zu tun, bei denen gefühlt meine Mutter neben mir stand und sagte: „Das gehört sich nicht.“

Was soll ich sagen, mein inneres Kind und mein Revoluzzer in mir werden Gott sein Dank von Tag zu Tag stärker. Und manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich innerlich schmunzeln muss, wenn ich in der Öffentlichkeit meine Dehnübungen mache und die Leute anfangen zu kucken, tuscheln oder lachen. Zum Beispiel dehne ich gerne an Treppenstufen meine Waden. Neulich kam eine nette Passantin und fragte mich, ob es mir gut ginge. Voll schön, oder? Ich habe ihr versichert, dass ich mich nur dehne und habe mich für ihre Fürsorge bedankt. Die meisten Menschen wissen nicht, wie sie mit ungewohnten Dingen umgehen sollen. Wenn wir alle zu 100% flexibel und tolerant wären, wären wir gelassen mit dem Tun und Handeln anderer (so lange niemand dabei wirklich zu schaden kommt).

Eine weitere Variante ist: „Umgib dich nur mit Menschen, die dir gut tun.“ – ja, macht absolut Sinn, da dir alle anderen unnötig Energie ziehen. Nur: Was ist mit langjährigen Freundschaften oder sogar Familienmitgliedern? Diese einfach so aus dem Leben auszusortieren ohne Rücksicht auf Verluste – und sich dabei noch gut zu fühlen, ist eher unwahrscheinlich. Und manchmal dauert es eine Zeitlang, bis man diese Menschen loslassen kann. Hier lässt sich genauso wenig erzwingen – und vielleicht braucht man manche Menschen auch als hartnäckige Lehrer/-innen in seinem Leben, die einem immer wieder etwas aufzeigen.

Dafür gibt es keine allgemeingültigen Regel, die es sowieso für gar nichts gibt.

Jeder Mensch ist anders. Jede Situation ist anders. Alles verändert sich ständig. Ich weiß nur, dass es bei mir (bis jetzt) drei Möglichkeit gab: die Menschen, die in mein Leben kommen und bleiben, die Menschen die kommen, gehen und wiederkommen – und die Menschen die gehen. So hart das gehenlassen auch ist, so wundervoll sind die, die dafür wieder kommen. Für alle diese Menschen bin ich unendlich dankbar!

Der letzte schlaue Spruch für heute, ist für mich persönlich am schwierigsten umzusetzen: „Sei einfach du selbst.“ Dabei stelle ich mir die Frage: „Wer bin ich eigentlich? Wer bin ich hinter oder unter den ganzen Programmen, die in mir von Kindheit an laufen und immer wieder verändert werden – durch mein Umfeld und meine Arbeit an mir selbst?“ Diese Frage kannst du nur für dich selbst beantworten.

Ich weiß nur was passiert, wenn ich versuche mich so zu verhalten, wie ich überhaupt nicht bin. Dann rebelliert mein ganzes System in mir.

Ich fühle mich überhaupt nicht wohl in meiner Haut und es schwächt mich. Als ich vor ein paar Jahren einen neuen Job hatte, dachte ich, ich müsste total gesetzt und seriös sein. Das bin ich aber nicht. Ich habe mich verstellt. Die Folgen habe ich nicht nur psychisch, sondern auch physisch gemerkt. Bis ich wieder anfing, einfach so zu sprechen, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Mal abgesehen davon, das andere es sofort merken, wenn du dich verstellst, bewusst oder unbewusst, und entsprechend darauf reagieren. Zum Beispiel wenn du dich kleiner machst als du bist.

Als ich meine MentalCoach- und meine Yogalehrerausbildung anfing bin ich wieder in die gleiche Falle getappt. Ich dachte, ich müsste ein totales Vorbild sein. Bis ich begriffen habe, dass ich kein fertiges Produkt bin, sondern auf dem Weg, wie alle anderen auch. Und es ein Geschenk ist, dass ich jeden Tag auf das Neue dazulerne – und damit wieder anderen Menschen mit meinen Erfahrungen helfen kann. So hoffe ich, dass du es etwas für dich mitnehmen kannst.