doris_kessel_haende_rucksack„Und was willst du am Tag so laufen?“ war so die Standardfrage derer, denen ich von meinem Vorhaben erzählt habe. Ich sagte: „So 20-25 Kilometer am Tag. Ganz easy.“ Ich dachte mir, früher bin ich das lockerflockig als Wechsel nach 90 Radkilometern gelaufen. Sollte also kein Problem sein. Auch auf die Frage, ob ich meine Schuhe eingelaufen hätte, konnte ich getrost sagen: „Ja, in Island beim Wandern.“ Nur hatte ich den Temperaturunterschied nicht bedacht …

Ich war auch überzeugt, dass ich mittlerweile völlig entspannt bin, was das Nicht-Planen angeht. Einfach loszulaufen und zu schauen, wie weit ich komme und wo ich übernachte. Den Kilometerplan hatte ich ja nur so grob gemacht. Und ich wollte auf keinen Fall in einer Herberge übernachten. Hape Kerkeling hat mich überzeugend davon überzeugt, dass Herbergen nichts für mich sind und ich lieber in eine Pension möchte.

Der Jakobsweg (Camino) hat mich eines besseren belehrt :-) Ja, ich habe sehr viel gelernt und das möchte gerne mit dir teilen. Jedoch weniger als Reise- oder Lebensratgeber, sondern einfach als eine Geschichte, aus der du dir rauspicken kannst, was für dich passt.

Jakobsweg! Jakobsweg?

doris_kessel_mesetas_weg_endlosIm April wollte ich unbedingt den Weg gehen. Im Grunde hatte er mich seit dem Hörbuch „Ich bin dann mal weg“ fasziniert. Jedoch war es zu der Planungszeit eine komplett andere private Ausgangslage. Ich war an einem Punkt in meinem Leben, wo mir alles recht war, um weit weg von allem zu sein. Denn mir ging es gar nicht gut. Mein Mann und ich hatten uns getrennt und ich habe brutal gelitten. Wir haben gelitten. Und nun waren wir wieder zusammen und es fühlte sich so schön an. Im Grunde wollte ich gar nicht weg, sondern lieber bei ihm und unserem neuen Hund bleiben. Aber schließlich hatte ich ja gebucht und irgendein Teil von mir wollte diese Erfahrung machen. Also bin ich dann doch mal weg. Mit dem Flieger nach Bilbao, denn ich wollte von Burgos los. Aufgrund meines mangelnden Resturlaubes waren maximal 20 Tage drin. Hätte ich vorher gewusst, dass der Weg durch die Mesetas der langweiligste Teil ist, wäre ich von Beginn oder noch später eingestiegen. Aber es sollte wohl so sein.

In Spanien spricht man spanisch

Angekommen am Flughafen in Bilbao lief alles super. Ich habe sofort den Bus zur Estacion de autobuses gefunden und der war mit 1.45 Euro richtig günstig und schnell am nächsten Ort. Ich war viel zu früh dort, es dauerte ganze drei Stunden, bis mein bereits gebuchter Bus nach Burgos fuhr. Also entschloss ich mutig an der Information zu fragen, ob es einen Bus früher gäbe – und wurde das erste Mal mit einen mangelnden Spanischkenntnissen konfrontiert. Die meisten Spanier sprechen nämlich kein englisch. Und es ist ihnen auch relativ egal, ob du verstehst, was sie sagen. Sie plappern einfach munter weiter. Irgendwann gibst du es einfach auf und lächelst und nickst. Eigentlich haben sie ja recht. In Spanien spricht man eben spanisch.

Ich hatte Glück, ich konnte mein Ticket umbuchen und 2.5 Stunden früher los. Das war wirklich prima, denn so kam ich nicht bei Dunkelheit in Burgos an. Als hätte ich schon geahnt, dass meine mangelnde Orientierung mich dazu bringt, geschlagene 40 Minuten nach dem Hotel zu suchen, das laut Plan nicht einmal einen halben Kilometer von der Bushaltestelle entfernt war.

So wurde ich mit meiner nächsten Schwäche konfrontiert: Nach dem Weg fragen. Ich bin da mehr, wie ein Mann. Ich will den Weg alleine finden und frage nur ungern. Schon gleich gar nicht mehrmals, weil ich mich wieder verlaufen habe. Und wieder traf ich fröhlich plappernde spanisch-und-nicht-englisch-sprechende Spanier, die nur ungefähr ahnten, wo ich hinwill. Und schon wieder kam die nächste Konfrontation: meine Ungeduld. Dass diese Spanier die Straßennamen nicht gut sichtbar an die Kreuzung anbringen können, sondern irgendwo an einer Häuserwand, die man erst suchen muss. Vielleicht hätte ich doch meine Brille mitnehmen sollen …

Endlich im Hotel angekommen, freute ich mich darauf, die schweren Wanderstiefel auszuziehen und auf eine Dusche. Wie stolzdoris_kessel_wein war ich auf mein Minimalismusprinzip und meine Ideen, was man alles mehrfach verwenden konnte, z.B. mein abgefülltes Kokosöl. Nur zu dumm, dass das ausgelaufen war und mein ganzer ultra-leichter Kulturbeutel mit samt dem Inhalt umhüllt war von Kokosöl. Naja, wenigstens roch es gut. Also erst einmal alles sauber machen. Ein bisschen schimpfen und den bereitgestellten Rotwein trinken. Hab ja schließlich Urlaub. Dann nach Hause schreiben, duschen und ab ins Bett.

Endlich geht es los, oder auch nicht

Ich bin im Training manchmal wie ein Rennpferd in der Box, kurz bevor die Türen aufgehen. Ich will dann einfach endlich los und vor allem raus in die Natur. Wie stolz war ich, dass ich gleich um 10 Uhr morgens den Startpunkt an der Kathedrale gefunden hatte, so wie er im Wanderführer stand. Yes. Nur stimmte die weitere Beschreibung nicht mit dem überein, was ich sah. Hm, vielleicht hätte ich mir einen aktuellen kaufen sollen und nicht einen von 2012 aus der Stadtbibliothek leihen sollen … aber, Doris, Jakobswege ändern sich doch nicht.

doris_kessel_kathedrale_burgosDann laufe ich einfach mal drauf los, die grobe Richtung ist am Fluss entlang, das wird schon irgendwie stimmen. „Lass dich treiben und führen“ sprach sogleich die Yogastimme – „Frag gefälligst nach, wir haben schon zu viel Zeit verloren und hast du überhaupt schon das GPS aktiviert?“ konterte die Triathletin. Natürlich nicht. Und so war es dann jeden Morgen, ich habe schön regelmäßig vergessen, auf Start zu drücken. Auch eine Leistung :-)

Zum Glück traf ich einen netten Spanier, dessen Handbewegungen darauf schließen ließen, dass ich richtig war. Und tatsächlich war es so, denn freudestrahlend erblickte ich die erste Jakobsmuschel, die mir den Weg wies. Und schon kam der kleine Checker in mir hoch, der imaginär zu meinem Mann sagte: „Von wegen mangelnde Orientierung. HA!“

Das machte Spaß. Nur was war mit meinen Schienbeinen los, warum taten die jetzt schon weh? Und warum scheuerten die Rucksackträger im Nacken? Zum Glück hatte ich mein Headtuch dabei, als Abhilfe. Und das war mir ein treuer Begleiter, auch als Sonnenschutz für den Nacken. Und es sollte verdammt heiß werden …

So lief ich dann dahin, stolz, wie eine ganz Große. Immer entlang den Wegmarkierungen. Cremte mich brav ein. Trank regelmäßig und machte kreative Fotos. So konnte es weitergehen. Bis auf dieses Ziehen in den Schienbeinen … und was war das? Eine Scheuerstelle am Fuß – gleich zupflastern! Das bedeutet: alles ablegen und Suchaktion in den unendlichen Weiten des Rucksacks starten. Obwohl der eher klein war. Und da war sie wieder meine Ungeduld – warum hat noch niemand den ultimativen Knopf erfunden, so wie bei einem Getränkeautomaten? Pflaster marsch und zwar PRONTO!

 

Viel zu früh am 1. Etappenziel

Halb vier? Was soll ich denn schon um halb vier in der Pension? „Lauf weiter“ sagte die Stimme in mir. Als hätte ich schon geahnt, dass es wichtig ist, weiterzulaufen. Damit ich Menschen treffe, die mir helfen, dass ich nicht gleich aufgeben muss.

doris_kessel_mesetas_sonnenblumenAlso lief ich weiter. Strahlend blauer Himmel. Goldgelbe Felder. Und viele viele Sonnenblumen.

Autsch, wieso tun den die Füße auf einmal so weh? Und warum ist weit und breit niemand mehr zu sehen? Und da war sie, die Angst, die ich mir hab machen lassen von Kommentaren wie „Du willst gaaaaanz alleine als Frau laufen? Ist das nicht gefährlich? Du weißt schon, dass da immer wieder was passiert …“

Na toll, also eine Runde EFT-Klopfen und gute Musik einlegen – auch wenn der innere Yoga-Kritiker sagt: „Pah, so funktioniert das nicht mit dem In-die-Stille-kommen und der Laufmeditation!“ – „Mir egal, ich brauche das jetzt!“ Da waren sie wieder diese Stimmen und es ging weiter: „Ich hab keine Lust mehr. Ich hab Durst. Waaaas, noch ganze fünf Kilometer bis zum nächsten Ort?“ – „Jetzt stell dich nicht so an, das bist du sonst in 25 Minuten gelaufen“ – „Ja, aber mit Laufschuhen und ohne diesen dämlichen Rucksack!“

Ich blickte nach links und sah in ein herzliches Gesicht mit einem lieben Lächeln, Sonnenhut auf dem Kopf und zwei weitere sympathische Gesichter. Und sie sprachen deutsch. Was für einen Wohltat! Und schon stand ich vor einem Wegweiser, der Wasser in unmittelbarer Nähe versprach. Ob das wohl noch weit war? Überrascht über meinen Mut, fragte ich die drei netten Menschen, ob sie wüssten, ob das weit wäre. Was für ein glücklicher „Zu-Fall“, dass sie auch Wasser brauchten.

Bleiben oder gehen?

„Hach ist es hier herrlich!“ und Nina hatte recht: Was für eine Oase mitten in der Natur! Eine kleine Herberge mit einem Mininaturpool. Außenherum genossen andere Pilger die Sonne. So auch Nils auf seiner Hängematte, die er tatsächlich immer mit sich herumträgt. Schnell kommt man ins Gespräch und es fühlt sich gut an. So ungezwungen. Das mag ich. Dieses Gefühl von „wir sind alle gleich“. Ein Teil von mir wäre hier gerne geblieben, aber sie hatten keine Einzelzimmer. Die anderen drei, Tim, Nina und ihr Freund Micha, waren auch am Überlegen, ob sie bleiben wollen.

Aber wir entschieden uns, weiterzugehen. Doch zuerst: Füße ins Wasser halten. Ooohh meeeiiin Gootttt! What a feeling! Was für eine Wohltat. Und auf das Geschwätz „man soll seine Füße nicht ins Wasser halten, wenn man noch weiterlaufen will, weil dadurch das Blasenrisiko steigt“ wollte ich gerade überhaupt nicht hören. Wir alle wollten das nicht hören. Hätte ich mal besser darauf gehört …