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An diesem Tag meinten meine Füße es gut mit mir. So hatte ich Kraft, Nina zu unterstützen, die trotz ihrer Schmerzen weiterlaufen wollte. Tim gab ihr seine Stöcke, damit sie ihren Fuß etwas entlasten konnte, Mischa trug zum Teil ihren Rucksack und ich versuchte sie abzulenken und zum Lachen zu bringen. Kilometer um Kilometer quälte sie sich über die Strecke. Von Verpflegungspause zu Verpflegungspause. Von Ort zu Ort. Wie gut konnte ich mich in sie reinversetzen. Und wie dankbar war ich über meine neuen Sandalen, die tatsächlich viel viel besser waren, als die Wanderstiefel. Noch.

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Ich diskutierte mit Tim über Philosophie und erzählte ihm, als es bergauf ging, wie sehr ich mich auf die Berge und das Cruz de Hierro freute. Dort ist es ein alter Pilgerbrauch, einen mitgebrachten Stein abzulegen und damit auch all seine Sorgen, Probleme, Ängste oder Schmerzen. Davon hatte ich dieses Jahr genug abzulegen.

Dann blickte ich in das schmerzvolle Gesicht von Nina an der Hand von ihrem Freund Micha und ich war so dankbar, dass ich heute einfach laufen konnte.

 

Im Blasenpflaster-Shoppingrausch

Nach 23 Kilometer waren wir am nächsten Etappenziel angekommen. Hut ab Nina. Klasse gekämpft. Sie konnte es selbst kaum glauben, dass sie es geschafft hatte. Angekommen in einer äußerst coolen Herberge, mit abgetrennten Betten im Schlafsaal und tollen Matratzen, zog ich gleich weiter in die Apotheke und in den Supermarkt. Glückselig mit drei Packungen Blasenpflaster, Arnika-Gel und leckerem Obst kam ich zurück. Neben dem Standard-Bocadillo mit Käse und Tomate brauchte ich heute mal was Frisches. Und wir gönnten uns zusammen eine Waschmaschine. Ich schwelgte quasi im Luxuskomfort.

Beim Abendessen wurde unsere Runde wieder größer. Am Tisch saßen weitere Vertreter aus Deutschland, Spanien und Amerika. Unter anderem gesellte sich noch Nicole zu uns. Als sich unsere Blicke trafen, ahnte ich irgendwie, dass wir morgen zusammen weiterlaufen würden. Nina, Micha und Tim wollten morgen nicht soviel laufen. Ich musste nach meinem dämlich-strikten Zeitplan jedoch in zwei Tagen in León sein und hatte 31 Kilometer auf dem Programm. Nicole gefiel der Plan und so liefen wir tatsächlich an nächsten Tag zusammen weiter. Es war nun so weit, sich von meinen Pilgerfreunden zu trennen, die mir soviel gezeigt hatten.

 

Abschied

doris_kessel_abschiedJa, es machte mich ein wenig traurig, als ich mich von den Dreien nach unserem letzten gemeinsamen Frühstück verabschiedete. Es ist schon erstaunlich, wie dir Menschen so schnell ans Herz wachsen können.

Also liefen Nicole und ich weiter Richtung Religios. Gönnten uns zwischendurch einen leckeren Smoothie und Gemüse. Nicole war auch Vegetarierin. Sie machte Yoga, hatte sich schon sehr intensiv mit sich selbst auseinandergesetzt und interessierte sich ebenfalls für psychologische Themen. Wir hatten also genug Gesprächsstoff für den ganzen Tag :-)

Am Spannendsten fand ich das Thema ihrer Doktorarbeit. Sie schrieb über das Scheitern. Exakt. Das Scheitern. Am zentralsten war für mich der Satz „Knowing when to quit“. Und da war es wieder, mein Heimweh. Nach meinem Mann, unserem Hund und nach Rumlümmeln auf unserem nagelneuen apfelgrünen Sofa, das an diesem Tag geliefert wurde.

doris_kessel_stein_loveUnd wir sprachen auch über die Liebe, Liebeskummer und Schmerzen. Da läufst neben jemand wildfremden und unterhältst dich, als würdest du dich schon jahrelang kennen. Das kann dir nur am Jakobsweg passieren.

Irgendwann begannen meine Füße wieder zu schmerzen. Ich musste anhalten. Ich hatte mir eine Blutblase gelaufen. Bei mir hilft da nur eins: aufstechen. Also, alles rauskramen, desinfizieren, aufstechen, Blasenpflaster drauf und weiter geht’s. Aber so locker ging es dann doch nicht mehr, denn ich hatte wieder Hitzepusteln an den Füßen und das Reiben der Socken machte es nicht besser.

Knowing when to quit

Somit war ich wieder am gleichen Punkt angekommen wie in Villalcázar. Nicole meinte, dass es am Jakobsweg vielleicht die Menschen gibt, die lernen müssen, sich durchzubeißen und die, die lernen dürfen, wann es Zeit ist, damit aufzuhören, sich zu quälen. Bei diesem Gedanken musste ich fast heulen. Ja, ich quälte mich. So wie damals 2013, als ich mir eingebildet hatte mit einer entzündeten Achillessehne und einer Bandscheibenvorwölbung eine Langdistanz zu machen und den Marathon, ohne Gehen, durchzulaufen. So etwas wollte ich meinem Körper nie wieder antun. Ich wollte mich nie wieder quälen. Und am Camino tat ich es wieder: Tag für Tag. Wenn ich keine Schmerzen hatte, hatte ich Heimweh. Wollte ich das wirklich? Etwas in mir sagte: NEIN! Und dann war mir plötzlich bewusst, dass ich keine drei Wochen hier bleiben werde. Ich wollte nach Hause und das möglichst bald.

Gesagt, getan: Als wir in der Herberge ankamen, recherchierte ich schon einmal nach Flügen ab León. Allerdings waren die viel zu teuer. Andere Flüge gab es erst in ein paar Tagen ab Santiago. Ich wollte auch noch nach dem Abendessen mit meinem Mann darüber sprechen.

Glücklicherweise waren wir in einer Herberge, die vegetarisches Essen hatte. Und nicht nur das: sie war einfach so was von wohlfühlmäßig: Alles neu, hell, freundlich, mit Garten – und: Yogaraum :-) Betrieben wurde diese von Jesus (ja, er hieß tatsächlich so) und seiner Tochter Ada. Witzigerweise war Ada’s Hund ein Golden Retriever, so wie unserer.

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Und falls du dich auch vegetarisch ernährst und den Camino laufen willst, habe ich gleich mal den dortigen Plan an der Pinnwand fotografiert. Ist leider mit dem Handy ein wenig unscharf geworden.

Deutschland, England & Neuseeland

Der Abendessenstisch war erneut international bunt gemischt. Eine Pilgerin kam sogar aus Neuseeland. Ich war wieder beeindruckt, wie viele junge Leute hier unterwegs waren. Und das Essen war sowas von lecker. Jesus zauberte uns ein 4-Gänge Menü und wir alle waren uns einig, dass es das BESTE Essen war, vom ganzen bisherigen Camino.

James aus London erzählte, dass er Morgen mit Jesus und seiner Tochter zur nächsten Bushaltestelle fährt, um dort den Bus nach León zu nehmen. Er hatte das gleiche Problem wie ich: Blasen. Bei mir war noch der untere Rücken dazu gekommen. Ich hatte ja schon vor Jahren Probleme mit meinen Bandscheiben. Mein linker Oberschenkel war fast dauertaub und fühlte sich zeitweise an, als würde er verbrennen. Auch der linke Hüftbeuger war, trotz ständigen Dehnens, total verkürzt. Das war nicht gut.

Als James mich fragte, ob ich mitfahren möchte, merkte ich, wie sich ein Teil in mir weigerte. Ich hätte nie gedacht, dass es mir das so eine Überwindung kostet. Deshalb sagte ich zu James erst einmal, dass ich es noch nicht wüsste. Vielleicht ging es ja doch irgendwie … ich hatte ja erlebt, wie schnell sich die Füße über Nacht erholen. Doch nicht aufgeben und weiterlaufen?

Busfahren? Busfahren!

Nach dem Telefonat mit meinen Mann war ziemlich klar, dass ich mit dem Bus fahre. Er vermisste mich auch und wollte nach einem Flug suchen, der mich schnell nach Hause brachte.

Also nahm ich am nächsten Morgen wieder Abschied, diesmal von Nicole und stieg ins Auto ein. Was für ein komisches Gefühl, gefahren zu werden. Angekommen in León wollte James in die Stadt und fragte, ob ich mitkäme. Aber ich wollte alleine sein. Somit verabschiedete ich mich auch von ihm und ging erst einmal auf die Busbahnhofstoilette, um die Flipflops mit den Sandalen zu tauschen und meine Füße zu verarzten.

Da saß ich nun und hatte absolut keine Ahnung was ich tun sollte. Nach León zum Flughafen fahren und dort spontan nach Flügen kucken? Oder mit dem Bus nach Santiago? Oder vielleicht noch ans Meer? Mir schoss die zentrale Frage aus Veit Lindaus Büchern in den Kopf, die ich mir immer wieder gerne stelle: „Was willst du WIRKLICH WIRKLICH?“