Mein Jakobsweg als Yogitriathletin – Teil 6: Vom Ende der Welt nach Hause

doris_kessel_ende_der_weltKlar war ich enttäuscht. Doch tief in mir drinnen wusste ich genau, warum das passierte. Denn ich bin davon überzeugt, das nichts ohne Grund geschieht: Eigentlich wollte ich ans Meer, zum Ende der Welt. „Deine Seele lässt sich nicht verarschen“ – genau diesen Satz hatte Beatrice Reszat in dem „Mutmachbuch für Träumer“ geschrieben, das ich dabei hatte. Und ich wollte dieses Buch auf dem Camino GANZ lesen. Es fehlten noch einige Seiten …

Somit war klar, dass ich zwei Tage geschenkt bekam, auch wenn es sich im ersten Moment nicht so anfühlte, weil ich mich schon auf zu Hause freute. Ich sollte noch ans Meer. Also tat ich das und recherchierte nach Bussen von Santiago aus.

Santiago? Ganz ok.

doris_kessel_santiago_platzAls ich am nächsten Tag in Santiago ankam, wollte ich gleich weiter ans Meer und erst am Rückflugtag in die City. Leider fuhr der Bus erst in fünf Stunden. Also wieder Planänderung und auf in die Stadt.

Ehrlich gesagt hatte ich mir mehr erwartet. Vielleicht lag es auch daran, dass ich kein Fan bin von Städten mit Menschenansammlungen – und es war Sonntag. Meine Füße passten nur in meine Flip-Flops und wollte einfach nicht soviel rumlaufen. Zja, Pech gehabt Doris, nutze die Zeit und lauf los.

Also lief ich zur Kathedrale, die gerade renoviert wurde. Ja, der Platz, an dem die Pilger einlaufen, hat schon was und die Stimmung fühlte sich gut an. Jedoch hatte ich das Gefühl, dass ich persönlich wahrscheinlich enttäuscht gewesen wäre, wenn ich es auf biegen und brechen durchgezogen hätte, um laufenderweise hier anzukommen. Ich bin einfach den Challenge Zieleinlauf gewohnt :-) Und ich bin ein riesengroßer Fan von Meer und das wäre dann nicht mehr drin gewesen. Ich liebe Kaps, wie in Neuseeland das Cape Reinga, wo die tasmanische See auf den Pazifik trifft oder in Rügen das Kap Arkona – und nun wollte ich endlich ans Kap Finisterre!

Herberge oder Pension?

Am Busbahnhof lernte ich eine nette Littauerin kennen, die mir Fotos von ihrer Pension zeigte. Eigentlich wollte ich noch einmal in eine Herberge. Ja, schon witzig. Erst wollte ich das gar nicht. Dann stieg allerdings die Panik in mir hoch: Was ist, wenn ich bei Dunkelheit ankomme und sie auch ausgebucht sind wie das Hotel in Ponferrada? Das Risiko war mir in dem Moment zu groß. Und irgendwie wurde es mir ziemlich einfach gemacht, mit der Empfehlung meiner Bahnhofsbanknachbarin, dem WLAN-Zugang dort, der Buchungsmöglichkeit über das Internet und dem hammergünstigen Preis. Na gut, überzeugt.

Das beste war, dass ich in Finisterre von der Haltestelle nur einen kurzen Berg hinunterlaufen musste Richtung Meer. Also idiotensicher für Orientierungslose. Und da war sie schon, die Pension – sogar mit Meerblick. Danke, Universum :-)

Laufen ohne Rucksack

doris_kessel_0_km_kap_finisterraWas für ein Gefühl: Laufen OHNE Rucksack! Am nächsten Tag nahm ich nur mein Bauchtäschchen mit, gönnte mir noch ein Frühstück am Hafen und lief gleich danach zum Kap, das knappe drei Kilometer entfernt lag. Für den Nachmittag war Regen gemeldet, also wollte ich gleich am Vormittag los. Und meine Füße machten wieder mit. Danke, danke, danke.

Was für ein Katzensprung im Vergleich. Und was für ein mies-kaltes Wetter. Wo ich mich in den Mesetas noch nach einem eiskalten Pool sehnte, freute ich mich nun auf eine angenehm WARME Badewanne nach meinem Auflug.

Da stand ich nun vor dem letzten Kilometerstein mit der Aufschrift 0,00 K.M. Ein komisches Gefühl. Mir wurde wieder so bewusst, dass du nirgendwo hinkommen musst, um angekommen zu sein …

 

Jakobsmuschel kaputt

doris_kessel_muschel_zerbrochenAm letzten Abend wollte ich noch ein wenig meinen ausgeliehenen Rucksack sauber machen. In meinem Putzwahn ist mir dabei meine Jakobsmuschel kaputt gegangen, die den ganzen Weg über an dem Backpack hing. Sie ist das Erkennungszeichen für Pilger.

Ich wollte die Muschel doch so gerne in meine Muschelschale zu Hause legen, in der ich Muscheln aus der ganzen Welt seit Jahren sammle. Nun war sie kaputt. Aber ich wollte sie auch nicht wegwerfen. Ein Teil in mir wehrte sich massiv dagegen.

Plötzlich fing ich an, zu weinen wie ein Schlosshund. Wegen einer kaputten Muschel. Ich kam mir vor wie Tom Hanks in dem Film „Verschollen“, als sein Ball „Wilson“ davonschwamm. Und ich kam mir echt albern vor. Aber ich konnte nicht anders und musste mich von meinem Mann via Whats App trösten lassen.

Da fiel mir ein, dass ich für die Wanderschuhe Sekundenkleber eingepackt hatte, falls die Sohle abgehen sollte. Also versuchte ich die Muschel zu kleben. Dabei musste ich noch viel mehr weinen. Es erinnerte mich an die doris_kessel_muschel_geklebtTrennungsmonate in diesem Jahr und an ein Zitat, dass ich einmal gelesen hatte: „Man muss nicht immer alles gleich wegwerfen, wenn es nicht mehr funktioniert. Man kann es auch reparieren.“ Wir können alles reparieren und heilen. Es braucht nur seine Zeit. Und ja, es sieht nicht mehr aus wie vorher. Es hat einen Riss, der uns immer daran erinnert und trotzdem kann es noch viel besser halten als zuvor. Denn: Keine Freude ohne Leid, ohne Leid keine Freude. Alles bedingt sich gegenseitig. Und die Erinnerung hilft uns, die schönen Momente noch mehr genießen zu können (wenn der Nadel-im-Heuhaufen-suchende-Denker nicht so häufig dazwischen quatschen würde) …

Letzter Tag am Meer

doris_kessel_finisterre_meer_strandEigentlich war für meinen letzten Tag Regen gemeldet und da mein Flieger erst später am Abend ging, machte ich mir schon wieder Gedanken, wo ich die Überbrückungszeit verbringe, wenn ich aus der Pension mittags raus muss.

Und wieder kam es anders: Der Wettergott meinte es gut mit mir und schenkte mir einen sonnigen Tag, an einem lauschigen Plätzchen am Meer, zum Abschied nehmen.

Kennst du das, wenn es nach Hause geht? Mir fällt es dann oft schwer, einfach still zu sitzen. Ständig musste ich rumkramen und die Position verändern. Vor allem dann, als ich merkte, dass mein Handtuch auf Vogelkacke lag. Na ganz prima. Also, alles wieder zusammenpacken und Handtuch an der Stranddusche auswaschen. Grummel grummel.

Als ich fertig war, wollte ich wieder runter zum Meer und hob meinen Rucksack hoch. Was ich dann sah, zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht. Erst regt man sich wieder völlig umsonst über etwas total Banales auf – und dann wird einem gezeigt, für was es gut war. Unter meinem Rucksack war ein Schriftzug in Stein geritzt, den ich vorher überhaupt nicht wahrgenommen hatte. Dort stand „ANGEL“.

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Schlaflos in Barcelona

Wie immer war ich viel zu früh am Flughafen. Zum Glück hatte ich mein tolles Buch dabei, das die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes „verfliegen“ ließ, auch im Flieger nach Barcelona. Gerne hätte ich noch von der letzten tollen Herbergserfahrung in Barcelona erzählt, aber dem war leider nicht so. Ich kannte das schon aus Neuseeland. Diese übergroßen Herbergen sind so was von unpersönlich, steril und unwohlfühlmäßig. Ich kam mir in dem Vierbettzimmer vor wie im Knast. Ich war zwar alleine und es hätte ruhig sein können, aber das nächtliche Gewitter ließ mich nicht schlafen. Meine Ohrstöpsel wollte ich lieber nicht reintun. Nicht, dass ich noch den Wecker überhöre und den Flieger nach Nürnberg verpasse ;-)

Der Frühstückstisch mit Gummiweißbrot und pappigen Zuckerzeug lud nicht wirklich zum Verweilen ein. Was freute ich mich auf wirklich gesundes und abwechslungsreiches Essen! Leider hatte die Herberge doch keinen Flughafenshuttle, wie im Internet versprochen. Hm, Bus, U-Bahn oder Taxi? Nein, diesmal wollte ich nicht wieder umherirren und gönnte mir von den letzten Euros in meinem spartanischen Plastiktäschchen ein entspanntes Taxi.

Als ich im Taxi saß, deutete der Taxifahrer grinsend nach links aus dem Fenster und ich sah einen wunderschönen Regenbogen. Da war er wieder mein Regenbogen. Der mich schon das ganze Jahr seit meinem Geburtstag auf Lanzarote begleitete. Aber das ist eine andere Geschichte. Ja, manchmal braucht es erst ein reinigendes Gewitter, damit am Ende wieder die Sonne durch die Wolken scheinen kann – und du den Regenbogen sehen kannst. Es war nun so weit, ich durfte wirklich nach Hause.

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Wieder zu Hause

doris_kessel_sofaDu fragst dich vielleicht, ob ich es bereut habe, dass ich früher zurück bin. Ein Teil in mir war einfach froh, wieder im eigenen Bett schlafen zu dürfen, gesunde Sachen zu essen, sich behütet und beschützt zu fühlen – und natürlich auf dem Apfelsofa mit meinen Liebsten zu liegen. Du nimmst die Dinge einfach wieder ganz anders wahr. So wie die Backpacker in der U-Bahn oder die Menschen, die kein zu Hause haben. Natürlich war der andere Teil ein wenig wehmütig, wenn die Nachrichten meiner Pilgerfreunde kamen, wo sie gerade waren – und natürlich mein Ego, wenn die Frage kam: „Und, wie viel bist du gelaufen?“ Ja, so ticken wir Menschen in dieser Leistungsgesellschaft nun mal.

Erst dachte ich, dass ich viel zu kurz am Jakobsweg war und es doch lächerlich wäre, darüber zu schreiben, bis mich meine Freunde ermutigt haben. Danke dafür! Und: Welche Regel besagt, dass etwas so und so lang sein muss, um das mitzunehmen, was man gerade braucht? Mir kam es ewig vor. Und laut Einstein ist Zeit sowieso relativ ;-)

Ich habe in dieser Zeit viel über mich gelernt. Und dafür bin ich im Nachhinein sehr dankbar, auch wenn ich es in verschiedenen Situationen sicherlich nicht war. Trotzdem war alles genau richtig für mich. Der Jakobsweg hat noch mehr an meinem Kontroll-Planungs-Regelzwang gerüttelt. Und ich will noch weitaus mehr meine eigenen Regeln über Bord werfen, um dadurch mehr Freiraum für Möglichkeiten zu schaffen. Danke Camino, dass du mich so vehement aus meiner Komfortzone geschubst hast!

Vielleicht macht man sich auf den Weg, weil man auf ein mega-spirituelles Ereignis hofft. Ich fuhr zum Teil mit der Vorstellung hin, dass ich die ganze Zeit alleine und bei mir bleibe, nach jeder Wanderung Yoga mache und meditiere – und am Ende völlig bei mir selbst angekommen bin. Doch es kam alles anders. Und ich bin froh, dass ich all die Menschen treffen durfte. Denn die sind es, die den Camino wirklich ausmachen. Sowie die vielen kleinen magischen Momente. Die einen nennen es Zufall, die anderen Schicksal. Was auch immer. Das war mein Camino. Völlig anders als geplant. Und während ich hier schreibe, muss ich über mich selbst schmunzeln.

Danke an DICH

doris_kessel_jakobswegIch danke dir für’s Lesen und ich hoffe, es war für dich etwas dabei. Etwas zum Schmunzeln, etwas zum Nachdenken, etwas zum Weitergehen. Und vielleicht sollten wir uns einmal bei unseren Füßen bedanken, die uns jeden Tag durch unser, manchmal nicht so leichtes, Leben tragen. Egal wie weit, in welcher Geschwindigkeit, in welche Richtung, vorwärts oder rückwärts, humpelnd oder nicht. Wir gehen immer weiter, auch wenn wir nicht mehr können. Immer weiter.

Buen Camino!