Wo würdest du dich einordnen? Wenn du mich vor ein paar Jahren gefragt hättest, hätte ich Vollgas gesagt. Letztes Jahr wäre die Antwort das Gegenteil gewesen. Ich hatte an manchen Tagen Mühe und Not aus dem Bett zu kommen. Voll Luschi. Seitdem komme ich mehr und mehr in meine Balance. Aber ich bin noch lange nicht am Ziel. Die Frage ist …

 

… gibt es überhaupt einen Mittelweg?

 

Bestimmt. Nur glaube ich, dass dieser nicht beständig ist. Es ist eher wie ein bewegtes Hin und Her, mit dem Ziel, sich irgendwo zwischen den Extremen einzupendeln. Denn, weder das eine, noch das andere, ist auf Dauer gesund. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass weder ein Burn- noch ein Boreout erstrebenswert ist.

So ist jeder Tag wie ein Pendelspiel zwischen den Polaritäten. Und das nicht nur für uns Menschen, sondern auch für die Dinge um uns herum. Wir leben mit Tag und Nacht, mit Sonne und Mond, mit Wärme und Kälte, mit Weiblichkeit und Männlichkeit, mit Anspannung und Entspannung, mit Aufstehen und wieder Hinlegen, mit Gesundheit und Krankheit, mit Glück und mit Trauer, mit Leben und Tod – eben Yin & Yang. Das eine geht nicht ohne das andere. Und ganz im Ernst: Würden wir das eine wirklich von Herzen zu schätzen wissen, wenn wir das andere nicht gekannt hätten?

 

Warm-up and Cool-down

 

Mir kommt es manchmal vor, als wäre es eine Lebensaufgabe mit den eigenen Kräften „hauszuhalten“. Sich runterzufahren, wenn der Stresspegel steigt – oder die Energie wieder anzuheben, wenn man zu sehr im Entspannungsmodus ist. Dafür entwickle ich immer wieder neue Übungen für meine Workshops und Seminare.

Die Kunst ist für mich dabei, frühzeitig zu merken, wenn es an der Zeit ist, den Modus sanft zu wechseln. Denn wenn der Pendelausschlag schon zu extrem geworden ist, wird es anstrengender sich wieder „einzupendeln“ und in Balance zu kommen. Zumindest kommt es mir, als leidenschaftliche Grenzentesterin so vor.

 

Für Langsamkeit gibt es keine Anerkennung

 

Ich habe mein System fast 40 Jahre auf Vollgas trainiert. Denn wenn ich besonders schnell war, habe ich Anerkennung bekommen: von meinen Eltern, von meinem Chef, von den Wettkampfkollegen im Triathlon. Schnelligkeit wird belohnt, Langsamkeit nicht. Zumindest war das in meiner Wahrnehmung so. Und jetzt dir stell einmal vor, man würde anstelle von „Ich muss noch schnell …“ sagen „Ich darf jetzt ganz langsam und in Ruhe …“ – wäre ja mal ein Experiment wert ;-)

Die Sache ist nur die: Sobald du zu lange im Vollgasmodus bist, beschleunigst du nicht nur dich, sondern auch deine Umwelt. Je schneller du mit irgendwas fertig bist, gibt es Nachschub. Je flinker du Nachrichten beantwortest, desto postwendender kommen sie wie ein Bumerang zurück.

 

Deshalb mag ich Wellenreiten

 

Und weißt du warum? Weil ich so am wenigsten Energie verliere. Wenn ich das Gefühl habe, dass die Welle kommt, dann nutze ich sie und tobe mich aus. Plötzlich kann ich sogar Dinge erledigen, die eigentlich für später geplant waren – aber warum sich an den strikten Plan halten, wenn es gerade so gut läuft?

Und sobald ich merke, dass der Strom abebbt, versuche ich, so gut es geht, die nichterledigten Dinge auf später zu verschieben. Ja, manchmal muss ich mich da echt selbst disziplinieren, es liegen zu lassen. Und spannenderweise erledigen sich manche Dinge sogar in der Zwischenzeit von selbst :-)