Laufen kann wie Meditation sein

Früher habe ich beim Laufen ständig auf meine Uhr geschaut, natürlich wegen der Pace. Oder ich habe zur Motivation mir die schönsten Zieleinläufe ausgemalt, die heroischsten Wettkampfabschnitte und wie meine Liebsten mich an der Strecke anfeuern. Ich habe wild visualisiert, analysiert und geplant. Je lauter die Musik in meinem Ohr, desto besser. Ich war mit meiner Aufmerksamkeit überall, nur nicht im Moment. Und schon gleich gar nicht in meinem Körper, vor allem, wenn Schmerzen kamen. Denn die wollte ich ja nicht spüren.

Heute übe ich mich darin, ganz in meinem Körper präsent zu sein und wahrzunehmen, was da gerade abläuft. Da ich gedanklich gerne durch die Lüfte fliege, ist es für mich noch wichtiger, den Boden WIRKLICH zu spüren. Neulich habe ich auf einer Fortbildung folgenden Satz gehört, der mir sehr gut gefällt: „Du kannst nur so hoch fliegen, so tief wie deine Wurzeln in die Erde reichen.“ Deshalb konzentriere ich mich jetzt noch mehr auf meine Füße. Früher habe ich viel über die Arme gesteuert, was beim Laufen auch wichtig ist, denn die Armbewergungen steuern wiederum die Beinbewegungen (Kniehub, Geschwindigkeit etc.) – nur habe ich dabei irgendwann die Verbindung zur Erde verloren.

 

Laufen ist Balance

Ich wundere mich heute, wie ich früher so schnell rennen konnte, denn meine Balance ist unterirdisch. Deshalb kamen wahrscheinlich auch irgendwann die ganzen Verletzungen. Unsere Füße sind unser Fundament. Wenn du schon einmal bei der Dorn-Therapie warst, weißt du, dass dein System von unten wieder aufgebaut wird. Wenn du schon länger läufst, weißt du, wie wichtig das passende Schuhwerk ist. Aber auch eine mentale Zentrierung. Deshalb ist in fast jeder Yogastunde eine Balanceübung dabei, wie z.B. der Baum, den fast jeder kennt. Der Baum ist fest verwurzelt und geerdet. Der Stamm ist fest und stabil. Die Äste sind flexibel und zur Sonne gerichtet. Aus dem Stabitraining kennst du bestimmt die Standwaage. Im Yoga ist das der Krieger III.

Warum ist Laufen Balance? Ganz einfach: Weil du, vor allem bei einem dynamischen Laufstil, nie mit beiden Füßen gleichzeitig aufkommst. Du hüpfst, im übertriebenen Sinn, von einem Fuß auf den anderen. Und wenn du schnell laufen willst, dann ist das Ziel, die Bodenkontaktzeiten zu reduzieren. Das heißt, du gehst mit der optimalen Vorspannung in den nächsten Schritt und nutzt zusätzlich den Energiereturn des Bodens – am besten ausbalanciert für jede Seite gleich.

Probiere mal folgende Mentalübung aus: Wenn du das Gefühl hast, dass die eine Körperseite sich kraftvoll und die andere sich schlapp anfühlt, welche Farbe kommt dir für die eine und die andere Seite in den Sinn? Nimm spontan die erste Farbe. Dann visualisiere beiden Farben je in der Körperhälfte, wo die sie wahrnimmst. Dann lass beide Farben ineinander fließen und sich mischen. Und, wie fühlt es sich jetzt an?

 

Laufen, Körperwahrnehmung & Yoga

Wie schon in meinem Schwimmbeitrag beschrieben, probiere ich immer wieder neue Dinge aus, um mich weiterzuentwickeln und meinen Körperwahrnehmung zu verfeinern. Ich nutze dazu meine Vorstellungskraft, indem ich zum Beispiel in meine Füße wandere und mit jedem Schritt den Boden abscanne. Ich nehme jeden Millimeter des Fußaufsatzes wahr und welche Auswirkungen es auf die darüber liegenden Strukturen hat.

Doris Kessel LaufworkshopIch kombiniere die Bandhas (Körperverschlüsse) aus dem Yoga mit dem Laufen, indem ich z.B. meinem Beckenboden anspanne. Wie so was geht? Stell dir vor, du musst auf die Toilette und hältst es zurück – so ungefähr fühlt sich das an ;-) Im Yoga nutzt man die Bandhas, um die Energie im Körper zu halten. Auch eine gute Sache. Und wenn du dabei noch stabiler wirst, dich mehr aufrichtest und deinem unteren Rücken stärkst, umso besser! Dann richte ich den Fokus auf mein Brustbein, indem ich es anhebe und unterstütze die Aufrichtung, indem ich mir eine Krone auf dem Kopf vorstelle. Ein Yogalehrer sagte mal in einer Fortbildung: „Stell dir vor, du machst den Sonnengruß wie ein König oder eine Königin – nimm den Unterschied wahr.“

Spüre selbst, was bei jeden Schritt passiert. Spüre deine Aufrichtung, den Abdruck über deine Großzehenballen, deine Atmung und nimm deine Gedanken war. Schrubbst du die Einheit nur runter oder genießt du wirklich fast jeden Schritt? Bist du in deinem Körper und auf der Erde? Oder schwirrst du gerade durch Raum und Zeit, durch Vergangenheit oder Zukunft? Klar ist das auch schön, nur dann verpasst du vielleicht einen wunderbaren Moment in der Natur, der dich auftanken und aufladen könnte, wenn du die Kraft der Bäume, des Himmels und der Erde mit all deinen Sinnen wahrnimmst.

Ach ja, ist auch nicht neu, aber macht gerade wieder richtig Spaß: Das Gehen in Barfußschuhen. Und nein ich bekomme keine Provision für den gleich folgenden Werbeblock ;-) – ich habe mir die Winteredition der Vikram Five Finger Schuhe geholt und ebenso die „Optische-Schuhversion“ der Leguanos. Mein Mann testet die auch gerade und wir beide merken sehr deutlich die veränderte Fußwahrnehmung beim Laufen. Ich kann mich noch sehr gut an den Nike Mayfly erinnern, das war die Vorversion des Free. Was war das für ein Laufgefühl! Ich habe danach einige andere Varianten ausprobiert, aber für mich kam kein Schuh mehr an dieses himmlische Laufgefühl ran – na vielleicht, weil ich mich auch mehr erden sollte ;-)


 

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