„The Queen of Krankenhaus“ (Herbst 2018)

Das waren Denise’ Worte . Sie meinte, ich wäre wie die Queen behandelt worden und so fühlte ich mich auch. Es war überhaupt keine Wartezeit und ich war gleich von drei Leuten umringt, die sich um mich kümmerten. Wollte meine Seele etwas mehr Aufmerksamkeit? Na, das hätte ich weniger schmerzhaft auch haben können.

Jedenfalls waren sie nicht nur sehr aufmerksam, sondern sahen noch so mega schön aus. Ich finde ja generell, dass die Menschen auf Kauai’i so unglaublich schön sind. Vielleicht liegt das auch an der Energie der Insel. Jedesmal wenn ich den Menschen in die Augen sah, hatte ich das Gefühl, dass sie nicht von dieser Welt waren. Als hätten sie alle kleine Sternchen in ihren Augen, die sie noch mehr funkeln ließen.

Irgendwie war ich auch überhaupt nicht aufgeregt, dass ich alles auf englisch machen musste. Das einzige wovor ich Angst hatte, war eine Operation. 

Und auch hier war das Gesetz der Resonanz ein fleißiges Ding: Meine Kniescheibe war in mehrere Teile zertrümmert, was das Röntgenbild deutlich zeigte. Ich kam um eine OP nicht drum herum. Scheiße. Und dazu brauchte ich im großen Krankenhaus einen Termin.

Als Abschiedsgeschenk bekam ich noch meine allersten „Crutches“ und einen „Kneeimobilizer“. Also „Krücken“ und eine „Orthese“ bzw. „Gehschiene“. Aber der Begriff Crutches gefiel mir für Krücken viel besser und wir drei hatten noch eine Menge Arbeit vor uns. Vor allem, uns gemeinsam geschmeidig fortzubewegen. Ich glaube, ich stellte mich ziemlich dämlich an und war bis zum Ende unserer gemeinsamen Ausgehzeit immer wieder überrascht wie andere damit regelrecht in Lichtgeschwindigkeit durch die Gegend fliegen konnten. Ich hatte Mühe und Not, die Balance zu halten. Da war sie wieder, die mangelnde Balance, die ich schon bei jeder Yogaeinheit verfluchte. Danke, Körper, dass du mir dafür jetzt ein Trainingslager schenkst.

Im Grunde war es nicht nur ein Trainingslager für Balance, sondern ebenso für Achtsamkeit. Denn mit den Metall-Zwillingen laufen und gleichzeitig an etwas anderes denken ging nicht, sonst verlor ich das Gleichgewicht. Und jeder Versuch, die Geschwindigkeit zu erhöhen scheiterte aus dem gleichen Grund. Mein Geh-Meditation-Boot-Camp hatte begonnen.

Hätte ich zu dem Zeitpunkt schon geahnt, dass dieses Teil des Camps noch der Leichtere war. Später kam noch eine riesige Lektion und Konfrontation mit meinen Ängsten hinzu: Die Angst vor Schmerzen und vor allem die Angst vor dem Fallen. Diese hatte ich zu diesem Zeitpunkt seltsamerweise nicht. Das Knie war ja bereits kaputt. So war ich die nächsten Tage sogar richtig mutig und entwickelte neue Geh-Dance-Moves, weil es einfacher war, rückwärts im Moonwalk zu schlürfen oder seitwärts zu twisten, als mit den Crutches mühevoll das Bein anzuheben. Manchmal hüpfte ich auch einfach auf dem linken Bein, das ging noch viel schneller, als meine neuen Weggefährten unter die Achseln zu schnallen. Ja, amerikanische Krücken sehen anders aus als Deutsche und gerade auf dem Rückflug war ich so unendlich dankbar für diese Variante. Aber dazu später mehr.

Jetzt wirst du dich sicher fragen, wann ich denn meine Liebsten daheim verständigt habe. Das hatte ich schon. Vor allem meinem Mann und ich habe ihm gleich gesagt, dass er sich keine Sorgen machen braucht, wenn er ein paar Tage nichts von mir hört, weil ich ja nicht wusste, ob sie mich gleich einliefern werden. Womit ich gar nicht gerechnet hatte, dass es ihn mehr mitnahm als mich. Er war völlig fertig, konnte kaum Schlafen und wollte schon die Botschaft einschalten, damit ich nach Hause transportiert werde.

Ach ja, nach Hause transportiert werden. Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht, weil es für mich undenkbar war, in diesem Zustand zu fliegen.

Vielleicht wachsen die Teile ja auch schnell wieder zusammen und ich muss gar nicht operiert werden. Könnte doch sein, oder?

Dieser grenzenlose Optimismus-Zahn wurde mir spätestens beim Besuch des großen Krankenhauses drei Tage später, weil wir früher keine Termin bekamen, gänzlich gezogen. Ich musste tatsächlich operiert werden und zwar so schnell wie möglich. Ein Rücktransport hätte viel zu lange gedauert und irgendwie kam das für mich auch nicht in Frage, mir das anzutun. Laut meiner Versicherung lag die Entscheidung bei mir. So entscheid ich mich für Kauai’i.

Was für ein abgefahrenes Abenteuer, indem ein Teil in mir immer wieder zweifelte, ob das gerade alles wirklich passierte. Ich kam mir immer wieder vor wie in einem echt fiesen Traum, aus dem ich nur aufwachen musste und alles wäre wieder gut. Ich konnte wieder laufen, Autofahren und mir diese wunderschöne Insel anschauen. Doch mit jedem Tag dämmerte mir, dass ich mir das abschminken konnte. Das tat am meisten weh. Ich wollte doch noch soviel sehen, entdecken, in meiner geliebten Hanalei-Bucht am Strand sitzen und meditieren. Trails erkunden, zum Canyon fahren und meine Lomi-Massage bei Katharina von Touch Kauai’i erleben. Menno.

Jetzt fragst du dich vielleicht, ob ich denn in dieser Situation gar kein Heimweh hatte. Ganz ehrlich? Nein.

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