Emergency Room

Verdammt, warum wurde diese Blasenentzündung nicht besser? Warum fühlte ich mich immer noch so schwach und elend? Warum hatte ich immer noch so fiese Schmerzen trotz Tabletten?

Als dann die Versicherung noch verlauten ließ, dass mein Flugupgrade nicht mehr medizinisch notwendig wäre und ich Economy fliegen könnte, war ich einfach nur noch fassungslos. Laut den Ärzten musste mein Bein für mindesten sechs Wochen gestreckt bleiben. Wie sollte ich mich da in einen normalen Sitz setzen für fast 30 Stunden?

Die Versicherung nahm an, da ich mich nicht mehr gemeldet hatte, dass es mir schon besser ging und ich keine Hilfe mehr bräuchte. Ist schon komisch, denn im Grunde hatten wir uns alleine „durchgeschlagen“, weil sie nach der OP keine weitere Nacht im Krankenhaus übernahmen.

Wenn ich ehrlich zu mir selbst war, war ich krankenhausreif, auch wenn ich in der Vergangenheit immer großen Bögen um Krankenhäuser machte.

Es war an der Zeit gut für mich zu Sorgen und für ich selbst einzustehen, zumindest soweit das mit dem Stehen ging.

So entschieden wir, dass wir noch am gleichen Tag ins große Krankenhaus in die Notaufnahme fahren, um mir helfen zu lassen.

Panik kam mir alleine schon bei der Vorstellung, dass Stau war und ich nicht einfach mal so auf die Toilette konnte. Zum Glück kamen wir gut durch.

Angekommen in der Notaufnahme kamen wir sofort dran und diesmal folgte sofort die Kostenübernahmebestätigung der Versicherung. Thank God. Zumindest das war gesichert.

Nur wollte mich diesmal das Personal nicht da behalten. Ich fühlte mich wie im falschen Film. 

Als ich dann auf die Toilette musste und trotz Hilfe meines Mannes und eines Pflegers fast zusammenklappte und Schüttelfrost bekam reagierten die Ärzte endlich.  Sie legten mir sofort eine Infusion und mir wurde postwendend ein Zimmer vorbereitet.

Ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich in dem Moment war, Hilfe zu bekommen. Da bleiben zu „dürfen“.

Als ich dann in dem kleinen Raum lag, der gefühlt wie eine Abstellkammer aussah, weil nichts anderes frei war, war ich trotzdem selig. Die Schmerzmittel wirkten sensationell und ich fühlte mich wie auf Wolken gebettet und wollte einfach nur Schlafen. Nur Schlafen.

Aber da hatte sich das Universum wieder einen Schalk ausgedacht. In Form des Hausmeisters der immer wieder reinkam, weil die Klimaanlage so kalt war. Ach ja, das hatte ich ja selbst angemerkt. Verdammt.

Kennst du den Film wo Werner Beinhart im Krankenhaus liegt und einfach nur schlafen will? So ungefähr kannst du dir das vorstellen. Trotzdem konnte ich besser schlafen, als die Tage zuvor und dafür war ich sehr dankbar.

Am nächsten Tag kam ich dann in ein anderes Zimmer, wo mir die Klimaanlage nicht direkt ins Gesicht bließ. Eine Erkältung hatte mir gerade noch gefehlt.

Da lag ich nun. Auf Kauai im Krankenhaus. Außen die Palmen, innen der Tropfer.

Laut den Ärzten hatte ich eine Infektion im Knie bekommen und musste Antibiotikum nehmen. Mein Knie hatte auch Blutergüsse, vor allem auf der Rückseite, deshalb tat es so weh und mein Fuß war immer noch Grünblau, von der „Taubmachspritze“ für die OP.

Dazu gesellten sich Fersenschmerzen vom Liegen. Alter, ist sowas fies schmerzhaft.  Und hochlagern konnte ich mein Bein nicht, sonst rebellierte mein Knie. Her mit den Schmerzmitteln!

Du musst wissen, dass ich überhaupt kein Fan von Schmerztabletten oder Medikamenten bin, aber in diesen Tagen war mir das sowas von schnurzpiepegal. Irgendwann bist du an einem Punkt, wo du einfach alles nehmen würdest.  Hauptsache Linderung. Vielleicht kennst du solche Momente. Und hoffentlich eher nicht.

Aber es war nicht nur alles schlimm, es waren auch wunderbare Momente in diesen Tagen dabei.

Zum Beispiel die tollen Schwestern und ihr Team. Du musst wissen, dass in den USA eine „Nurse“ sehr viel Verantwortung hat, fast wie ein Arzt in Deutschland. In ihrem Team sind dann Assistentinnen, die sie unterstützen und auch die waren alle zauberhaft und so hilfsbereit. Auch wenn diese „Bedpan-Sache“ der Horror für mich war, haben sie es so super gemacht!

Ebenso die Chefin der Küche. Sie war selbst Veganerin und ließ mir wundervolles Essen zaubern. Klar, es war nicht wie selbst gekocht, aber ich war trotzdem dankbar für die Mühe, die sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten machten.

Auch meine Ärztin hatte sich so mega für mich eingesetzt bei meiner Versicherung, um ihnen klarzumachen, dass es mir echt scheiße ging und, dass ich auf jeden Fall ein Upgrade brauche. Jedoch kam das nicht wirklich bei denen an …

Jeden Tag hat mich mein Mann besucht und sogar Katharina von Touch Kauai kam vorbei, obwohl sie soviel zu tun hatte. Jeder Besuch war ein Geschenk für mich. 

Einen Moment werde ich nicht so schnell vergessen. Ich weiß es noch wie heute. Mein Mann war zu Besuch da und aus irgendeinem Grund fing ich plötzlich zu Schluchzen an. Ich weiß gar nicht mehr warum und was der Auslöser war. Aber es war so heftig, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte. Vielleicht musste einfach einmal alles aus mir heraus, was sich die letzten zwei Wochen angestaut hatte.

Mein Mann saß regungslos auf seinem Stuhl und sagte irgendwann „Soll ich gehen?“.

Liebe Männer, falls eine Frau völlig verzweifelt in Tränen ausbricht und schluchzt, als gäbe es kein Morgen mehr, ist das Letzte, was wir hören wollen „Soll ich gehen“. 

Früher hätte ich ihn wahrscheinlich rausgeschmissen. Aber mein Herz ließ das nicht zu. Und mein jahreslanges Bedürfnisäußerung-Training auch nicht. Ich sagte ihm, was ich brauche und zwar, dass er mich in den Arm nimmt.

Gemacht hat er es nicht. Warum auch immer. Da musste ich jetzt alleine durch. 

Auch, wenn du dir jetzt vielleicht denkst, dass das nicht ok ist, was es für mich auch nicht wahr, aber wenn ich etwas in den letzten Monaten seit diesem Unfall gelernt habe, dann noch mehr, dass jeder Mensch immer sein Bestes gibt. Und, dass er einfach in manchen Momenten nicht anders konnte und kann. Was keine Entschuldigung ist, aber es hilft mir, ihn besser zu verstehen und weniger darunter zu leiden. Und dabei geht es nicht darum, den anderen zu diskreditieren und klein zu machen. Nein.

Der Moment, als ich das begriffen hatte, was ich zwar theoretisch schon wusste, aber noch nicht integriert hatte, war wie ein „deep impact“. Mir liefen Tränen über die Wangen, weil ich tief in mir spürte, dass er einfach nicht anders kann. Es kam soviel Mitgefühl in mir hoch, das ich dir in Worten gar nicht beschreiben kann. Ich wünschte, ich hätte es Jahre vorher schon so tief verstehen können.

Irgendwann hatte ich mich dann auch wieder beruhigt und die Verabschiedung lief ganz friedlich ab. Doch ich glaube der Moment war ein deutliches Signal, was mich wieder an das Chrystal Healing erinnerte …

Es war Nacht Nummer vier und es war nicht irgendein Datum, sondern der Tag meines ursprünglich gebuchten Rückfluges. Den ich nicht umbuchen konnte, weil ich kein „Flexi-Ticket“ hatte. So musste ich ihn verfallen lassen. 

Ohne zu wissen, ob die Versicherung den Rückflug übernimmt. Ohne zu wissen, wie lange wir noch in dem AirBnb bleiben konnten, denn das untere Zimmer, wo wir hingezogen waren, war die nächsten Wochen ausgebucht. Ohne zu wissen, ob mein Mann einen neuen Mietwagen bekam, denn auch der jetzige war nun abgelaufen.

Denise, die Besitzerin des AirBnB, sagte „this situation has a huge dynamic“. Ja, sie hatte recht.

Jeden Tag standen wir vor neuen Herausforderungen und wir wussten nicht, was der nächste Tag brachte.

Und trotzdem ging im Nachhinein betrachtet alles gut, u.a. konnten wir in dem AirBnB bleiben. Es wurde tageweise immer wieder verlängert und sie fanden andere Möglichkeiten die Zimmer zu verlegen, wofür ich mega dankbar war. Denn alle anderen Unterkünfte waren ausgebucht. Mieten hätte man zwar noch ganze Häuser können und wenn du selbst schon einmal auf Kauai’i warst, weißt du was das kostet. Ja, wir hatten viel Glück.

Am nächsten Tag kamen meine Blutwerte und der Infekt war nicht mehr messbar. Auch mein Knie war abgeschwollen, ich musste weniger auf die Toilette, brauchte weniger Schmerzmittel und konnte wieder ein bisschen mit Krücken laufen.

Die wunderbaren „Physical Therapists“ zeigten mir wie ich die Treppen mit Krücken und gestreckten Bein gehe, ganz nach dem Motto „The good one goes to heaven, the bad one goes to hell.“

Und das Beste war an dem Tag: Ich durfte nach Hause. Jippieh!

Als ich im Rollstuhl aus dem Krankenhaus hinausgeschoben wurde, kam ich mir vor wie in den amerikanischen Filmen und nicht nur das. Mein Mann hatte einen schicken neuen Mietwagen bekommen. Alles war plötzlich wieder gut.

Als wir dann zurück beim AirBnb ankamen, stand die Tochter der Haushälterin oben auf dem Balkon und rief herunter „Auntie is back!“. Du musst wissen, dass auf Kauai’i alle über 40 „Aunties“ und „Uncles“ sind, was ich ziemlich goldig finde. Und Auntie war wahnsinnig berührt von dieser Begrüßung …


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