Schweinehund vs. Achtsamkeit

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Kennst du das? Du hast nach der Arbeit manchmal überhaupt keine Lust noch einmal rauszugehen und dich zu bewegen. Du bist müde und der Hunger oder das Wetter machen es auch nicht besser.

Und nun?

Früher war ich mir oft nicht sicher, ob ich nun wirklich müde bin und eine Pause brauche -oder, ob es nur der innere Schweinehund ist, der mich davon abhält. Heute kann ich den Unterschied sehr gut spüren. Vielleicht kannst du das auch. Falls nicht, dann kann dir diese Mentaltechnik weiterhelfen:

Stell dir vor, du bist schon mitten im Training und spüre genau in deinen Körper, wie es ich anfühlt.

Ja, geh richtig in die Situation rein.

Du bist da geistig schon. Und dein Körper wird dir ein Feedback geben. Und bitte lass dich nicht von deinem inneren Kritiker beeinflussen, der ständig in deinem Kopf dazwischen quatscht.

Wandere in deinen Körper. Der ist gerade dein Ansprechpartner.

Ich kann dir heute ziemlich genau sagen, wie ich mich fühlen werde. Entweder spüre ich Kraft und Stärke oder einen mittleren Energielevel der sagt „es ist schon okay, aber es wird nicht der Burner“ oder ich nehme Schwäche wahr und mein ganzes System rebelliert, weil es eine Pause braucht.

Und wenn das bei dir nicht funktioniert, dann hilft nur eines: Raus und ausprobieren. Wenn du nach den ersten 15-20 Minuten keine Besserung merkst, dann weißt du selbst, dass es einfach keinen Sinn hat, sich weiter zu quälen. Sei achtsam mit dir und …

… listen to your Body-Buddy :-)

Laufen kann wie Meditation sein

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Früher habe ich beim Laufen ständig auf meine Uhr geschaut, natürlich wegen der Pace. Oder ich habe zur Motivation mir die schönsten Zieleinläufe ausgemalt, die heroischsten Wettkampfabschnitte und wie meine Liebsten mich an der Strecke anfeuern. Ich habe wild visualisiert, analysiert und geplant. Je lauter die Musik in meinem Ohr, desto besser. Ich war mit meiner Aufmerksamkeit überall, nur nicht im Moment. Und schon gleich gar nicht in meinem Körper, vor allem, wenn Schmerzen kamen. Denn die wollte ich ja nicht spüren.

Heute übe ich mich darin, ganz in meinem Körper präsent zu sein und wahrzunehmen, was da gerade abläuft. Da ich gedanklich gerne durch die Lüfte fliege, ist es für mich noch wichtiger, den Boden WIRKLICH zu spüren. Neulich habe ich auf einer Fortbildung folgenden Satz gehört, der mir sehr gut gefällt: „Du kannst nur so hoch fliegen, so tief wie deine Wurzeln in die Erde reichen.“ Deshalb konzentriere ich mich jetzt noch mehr auf meine Füße. Früher habe ich viel über die Arme gesteuert, was beim Laufen auch wichtig ist, denn die Armbewergungen steuern wiederum die Beinbewegungen (Kniehub, Geschwindigkeit etc.) – nur habe ich dabei irgendwann die Verbindung zur Erde verloren.

 

Laufen ist Balance

Ich wundere mich heute, wie ich früher so schnell rennen konnte, denn meine Balance ist unterirdisch. Deshalb kamen wahrscheinlich auch irgendwann die ganzen Verletzungen. Unsere Füße sind unser Fundament. Wenn du schon einmal bei der Dorn-Therapie warst, weißt du, dass dein System von unten wieder aufgebaut wird. Wenn du schon länger läufst, weißt du, wie wichtig das passende Schuhwerk ist. Aber auch eine mentale Zentrierung. Deshalb ist in fast jeder Yogastunde eine Balanceübung dabei, wie z.B. der Baum, den fast jeder kennt. Der Baum ist fest verwurzelt und geerdet. Der Stamm ist fest und stabil. Die Äste sind flexibel und zur Sonne gerichtet. Aus dem Stabitraining kennst du bestimmt die Standwaage. Im Yoga ist das der Krieger III.

Warum ist Laufen Balance? Ganz einfach: Weil du, vor allem bei einem dynamischen Laufstil, nie mit beiden Füßen gleichzeitig aufkommst. Du hüpfst, im übertriebenen Sinn, von einem Fuß auf den anderen. Und wenn du schnell laufen willst, dann ist das Ziel, die Bodenkontaktzeiten zu reduzieren. Das heißt, du gehst mit der optimalen Vorspannung in den nächsten Schritt und nutzt zusätzlich den Energiereturn des Bodens – am besten ausbalanciert für jede Seite gleich.

Probiere mal folgende Mentalübung aus: Wenn du das Gefühl hast, dass die eine Körperseite sich kraftvoll und die andere sich schlapp anfühlt, welche Farbe kommt dir für die eine und die andere Seite in den Sinn? Nimm spontan die erste Farbe. Dann visualisiere beiden Farben je in der Körperhälfte, wo die sie wahrnimmst. Dann lass beide Farben ineinander fließen und sich mischen. Und, wie fühlt es sich jetzt an?

 

Laufen, Körperwahrnehmung & Yoga

Wie schon in meinem Schwimmbeitrag beschrieben, probiere ich immer wieder neue Dinge aus, um mich weiterzuentwickeln und meinen Körperwahrnehmung zu verfeinern. Ich nutze dazu meine Vorstellungskraft, indem ich zum Beispiel in meine Füße wandere und mit jedem Schritt den Boden abscanne. Ich nehme jeden Millimeter des Fußaufsatzes wahr und welche Auswirkungen es auf die darüber liegenden Strukturen hat.

Doris Kessel LaufworkshopIch kombiniere die Bandhas (Körperverschlüsse) aus dem Yoga mit dem Laufen, indem ich z.B. meinem Beckenboden anspanne. Wie so was geht? Stell dir vor, du musst auf die Toilette und hältst es zurück – so ungefähr fühlt sich das an ;-) Im Yoga nutzt man die Bandhas, um die Energie im Körper zu halten. Auch eine gute Sache. Und wenn du dabei noch stabiler wirst, dich mehr aufrichtest und deinem unteren Rücken stärkst, umso besser! Dann richte ich den Fokus auf mein Brustbein, indem ich es anhebe und unterstütze die Aufrichtung, indem ich mir eine Krone auf dem Kopf vorstelle. Ein Yogalehrer sagte mal in einer Fortbildung: „Stell dir vor, du machst den Sonnengruß wie ein König oder eine Königin – nimm den Unterschied wahr.“

Spüre selbst, was bei jeden Schritt passiert. Spüre deine Aufrichtung, den Abdruck über deine Großzehenballen, deine Atmung und nimm deine Gedanken war. Schrubbst du die Einheit nur runter oder genießt du wirklich fast jeden Schritt? Bist du in deinem Körper und auf der Erde? Oder schwirrst du gerade durch Raum und Zeit, durch Vergangenheit oder Zukunft? Klar ist das auch schön, nur dann verpasst du vielleicht einen wunderbaren Moment in der Natur, der dich auftanken und aufladen könnte, wenn du die Kraft der Bäume, des Himmels und der Erde mit all deinen Sinnen wahrnimmst.

Ach ja, ist auch nicht neu, aber macht gerade wieder richtig Spaß: Das Gehen in Barfußschuhen. Und nein ich bekomme keine Provision für den gleich folgenden Werbeblock ;-) – ich habe mir die Winteredition der Vikram Five Finger Schuhe geholt und ebenso die „Optische-Schuhversion“ der Leguanos. Mein Mann testet die auch gerade und wir beide merken sehr deutlich die veränderte Fußwahrnehmung beim Laufen. Ich kann mich noch sehr gut an den Nike Mayfly erinnern, das war die Vorversion des Free. Was war das für ein Laufgefühl! Ich habe danach einige andere Varianten ausprobiert, aber für mich kam kein Schuh mehr an dieses himmlische Laufgefühl ran – na vielleicht, weil ich mich auch mehr erden sollte ;-)


 

Lust auf mehr? In diesen Workshops geht es um das Thema „Laufen“:

Yoga & Lauftechnik

Lauftechniktraining

 

Wenn du glaubst, es geht nicht mehr …

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2016 war für mich nicht nur ein ziemlich heftiges Jahr. Es war auch das Jahr der Regenbögen. Sie haben mich das ganze Jahr über begleitet. Meistens dann, wenn ich das Gefühl hatte, dass ich jetzt gerade einfach nicht mehr kann.

Angefangen hatte alles im Februar, an meinem Geburtstag, und gleichzeitig dem letzten Tag meiner Abreise von Lanzarote. Als ich in der Früh aus meinem Hotelzimmer Richtung Frühstücksbüffet lief, warf ich, wie jeden Morgen, einen Blick auf die wunderschöne Bergkette. Es hatte den Tag zuvor geregnet und der Himmel war noch etwas dunkel.

Über den Vulkanhügeln war ein wunderschöner Regenbogen zu sehen. Irgendwie zauberte es mir ein Lächeln auf die Lippen. Irgendjemand meinte, dass Regenbögen auf Lanzarote eher selten sind. Hätte ich in dem Moment schon geahnt, was in den nächsten Tagen alles auf mich zukommt, dann hätte ich das Gefühl noch intensiver abgespeichert.

Zeitsprung …

Im Mai durfte ich für meinen Kooperationspartner ein Firmenseminar halten. Auf der einen Seite hatte ich mich sehr darauf gefreut. Auf der anderen Seite war ich zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht in meiner Energie, weil ich seit Februar sehr unter der Trennung zwischen mir und meinem Mann litt.

Ursprünglich wollte ich bei einer Freundin übernachten, aber sie war kurzfristig erkrankt. Das Problem war, dass alle Hotels ausgebucht waren oder völlig überteuert, weil irgendeine Messe in München war. Aber in Früh anreisen, acht Stunden Seminar geben und abends wieder zurück war mir dann doch zu viel. Also versuchte ich mein Glück über AirBnb. Und ich hatte tatsächlich Glück. Ich bekam ein Zimmer, dass genau den anberaumten Übernachtungskosten entsprach und es war nur zwei Kilometer vom Seminarort entfernt. Thank God.

Regentränen

Neben der Dankbarkeit, die ich während der nach Hause Fahrt im empfand, kam wieder der Schmerz hoch und ich ließ es einfach frei fließen. Die Woche zuvor war ich auch in München auf einer Yogafortbildung und ich habe zum ersten Mal in meinem Leben im Auto so richtig geschrien. Zu meiner Überraschung war es tatsächlich befreiend. Nach Schreien war mir jedoch bei der erneuten Fahrt nicht zu mute. Ich habe, passend zum Regen im Außen, nur vor mich hingeschluchzt und irgendjemand im Himmel gebeten, mir zu sagen, dass das Ganze bitte gut ausgeht. Oder, mir zumindest ein Zeichen zu geben.

Plötzlich wurde der Regen weniger und vor mir entfaltete sich ein wunderschöner Regenbogen. Ich war so perplex, dass ich gar nicht weiß, wie ich überhaupt weiterfahren konnte.

Regentränen, die Zweite

Ungefähr eine Woche später war der Trennungsschmerz auf dem Höhepunkt angelangt. Ich war Laufen im Wiesengrund, nicht weit entfernt von dem möblierten Einzimmer-Apartment , dass ich vorübergehend gemietet hatte und es regnete leicht. Auch, wenn ein Teil von mir irgendwie dieses Gefühl hatte, dass für mich alles wieder gut wird, war da auf der anderen Seite sehr viel Angst. Kennst du das Gefühl, wenn du gerade vor einem Scherbenhaufen stehst und trotzdem tief in dir drin weißt, dass du immer behütet und beschützt bist? Und trotzdem ist da der Scherbenhaufen in geballter Realität, der unnachgiebig an deinem Vertrauen ins Leben nagt.

So war ich mal wieder an dem Punkt, wo ich um Hilfe bat. Um irgendein Zeichen. Und hoch und heilig versprach, dass ich immer mein Bestes geben werde. Ich hörte auf zu laufen und ging ein Stück weiter Richtung einer Brücke. Zum Glück war ich alleine, denn so konnte ich wieder ein bisschen vor mit hinweinen. Als ich auf den schmalen asphaltierten Weg, zwischen den Wiesen, blickte, entdeckte ich eine, mit Kreide gezeichnete Ente. In der Ente waren zwei Buchstaben: DH. Mein Mann heißt Holger. Und da war er wieder der Regenbogen am Horizont. Der Regen hörte abrupt auf. (Das Foto habe ich ca. drei Monate danach gemacht, aber man kann die Buchstaben mit viel Vorstellungskraft noch erkennen). Eineinhalb Monate später waren wir wieder zusammen.

Mit dem Regenbogen gehen

Im September war ich auf dem Jakobsweg. Ich hatte das Ganze schon im April gebucht. Und auch, wenn ein Teil gar nicht mehr weg wollte, weil ich lieber zu Hause bei Holger und unserem neuen Hund Emma geblieben wäre, war da ein Teil, der dieses Abenteuer erleben wollte. Also zog ich los. Nach Spanien. Ohne wirkliche Spanischkenntnisse, meiner grottenschlechten Orientierungsfähigkeit (die mich trotzdem immer wieder nach Hause bringt) und falschem Schuhwerk.

Nach ein paar Tagen wollte ich schon alles hinschmeißen. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich von der Mauer, auf der ich am Wegesrand lag, um Pause zu machen, gar nicht mehr aufstehen wollte. Ich beobachtete, total fertig, die Wolken am Himmel. Und völlig unscheinbar schob sich hier und da ein kleiner Regenbogen im Ansatz durch die Wolken.

Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwie ein Regenbogen her …

Mein letzter Regenbogen im Jahr 2016 zauberte mir wieder ein Lächeln ins Gesicht: Als ich die letzte Horrornacht in Spanien, bei Gewitter im knastähnlichen Stockbett in Barcelona-Zwischenflugstation verbrachte, war ich einfach nur froh, als ich am Morgen in das Flughafentaxi Richtung Nürnberg stieg. Zwar verstand ich nicht, was der Fahrer auf Spanisch sagte, aber ich folgte mit meinem Blick dahin, wo sein Zeigefinger hindeutete: Zu einem riesengroßen Regenbogen am Horizont, denn „Hinterm Horizont geht’s weiter, einer neuer Tag …“ ♥

Alles begann in diesem Jahr mit einem Regenbogen. Der erste gab mir Freude auf meinem Weg nach Hause in eine unbestimmte Zukunft. Der zweite schenkte mir Trost. Der dritte Mut und Zuversicht. Der vierte erinnerte mich daran, dass es immer wieder weitergeht. Und der fünfte gab mir, wiederum auf dem Weg nach Hause, Gewissheit, dass immer alles gut ausgeht. Denn: Das Leben hat immer Recht.

→ Hier findest du meine Geschichten, die ich auf dem Jakobsweg erlebt habe.

 

 

Die Magie des Alltags

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Ich liebe dieses Wort: Magie. Es hat für mich etwas außergewöhnliches. Etwas, das nicht von dieser Welt ist. Deshalb liebe ich Fantasy-Filme über alles. Und natürlich Phantasie.

Als Kind war ich schon fasziniert von Magie und Zauberei. So hatte ich z.B. eine riesige Freude an dem kleinen Zauberkasten, den mir meine Mama zum Geburtstag geschenkt hat. Während mich das viel „wertvollere“ Geschenk, ein goldenes Armkettchen, nicht wirklich interessiert hat.

Die Sache ist nur die: Das alles ist ein Fake. Zauberei sind Tricks, die unsere Wahrnehmung
täuschen und Filme sind eben nur Filme. Und doch lieben viele von uns „Herr der Ringe“ oder den Überraschungseffekt in Zaubershows. Wer weiß, vielleicht sind wir alle nur Peter Pans, die vergessen haben, was alles in uns steckt und, dass es Nimmerland und Tinkerbell wirklich gibt ;-)


Als bekennende Phantastin, habe ich es mir zu Aufgabe gemacht, es der Magie zu erlauben, mich jeden Tag zu begleiten. Denn: Wenn du ganz genau hinschaust und hinspürst, erkennst du, dass sie bereits da ist. Überall und an jeder Ecke. Ganz klein und unscheinbar. Wir können sie nur nicht sehen, weil wir noch viel zu oft, wie ferngesteuert, durch die Gegend hetzen. Oder hast du oben den Regenbogen im Bild gesehen?

Deshalb lade ich dich hier und jetzt ein, mit mir gemeinsam, die Magie wieder zu entdecken. Lass die „Runningshoes“ mal stehen und wirf mal einen anderen perspektivischen Blick auf die Dinge. Dann wirst du die Zusammenhänge und Zeichen besser erkennen. Denn: Es gibt keine Zufälle. Ein Zufall ist etwas, was dir „zu fällt“. Alles hat seinen Grund …

In diesem Sinne, viel Freude & Magicflow beim Lesen der kommenden Geschichten ♥

Du magst Magie direkt und kostenfrei in dein Postfach bekommen?

Vollgas oder Luschi – Leben zwischen den Polaritäten

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Wo würdest du dich einordnen? Wenn du mich vor ein paar Jahren gefragt hättest, hätte ich Vollgas gesagt. Letztes Jahr wäre die Antwort das Gegenteil gewesen. Ich hatte an manchen Tagen Mühe und Not aus dem Bett zu kommen. Voll Luschi. Seitdem komme ich mehr und mehr in meine Balance. Aber ich bin noch lange nicht am Ziel. Die Frage ist …

 

… gibt es überhaupt einen Mittelweg?

 

Bestimmt. Nur glaube ich, dass dieser nicht beständig ist. Es ist eher wie ein bewegtes Hin und Her, mit dem Ziel, sich irgendwo zwischen den Extremen einzupendeln. Denn, weder das eine, noch das andere, ist auf Dauer gesund. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass weder ein Burn- noch ein Boreout erstrebenswert ist.

So ist jeder Tag wie ein Pendelspiel zwischen den Polaritäten. Und das nicht nur für uns Menschen, sondern auch für die Dinge um uns herum. Wir leben mit Tag und Nacht, mit Sonne und Mond, mit Wärme und Kälte, mit Weiblichkeit und Männlichkeit, mit Anspannung und Entspannung, mit Aufstehen und wieder Hinlegen, mit Gesundheit und Krankheit, mit Glück und mit Trauer, mit Leben und Tod – eben Yin & Yang. Das eine geht nicht ohne das andere. Und ganz im Ernst: Würden wir das eine wirklich von Herzen zu schätzen wissen, wenn wir das andere nicht gekannt hätten?

 

Warm-up and Cool-down

 

Mir kommt es manchmal vor, als wäre es eine Lebensaufgabe mit den eigenen Kräften „hauszuhalten“. Sich runterzufahren, wenn der Stresspegel steigt – oder die Energie wieder anzuheben, wenn man zu sehr im Entspannungsmodus ist. Dafür entwickle ich immer wieder neue Übungen für meine Workshops und Seminare.

Die Kunst ist für mich dabei, frühzeitig zu merken, wenn es an der Zeit ist, den Modus sanft zu wechseln. Denn wenn der Pendelausschlag schon zu extrem geworden ist, wird es anstrengender sich wieder „einzupendeln“ und in Balance zu kommen. Zumindest kommt es mir, als leidenschaftliche Grenzentesterin so vor.

 

Für Langsamkeit gibt es keine Anerkennung

 

Ich habe mein System fast 40 Jahre auf Vollgas trainiert. Denn wenn ich besonders schnell war, habe ich Anerkennung bekommen: von meinen Eltern, von meinem Chef, von den Wettkampfkollegen im Triathlon. Schnelligkeit wird belohnt, Langsamkeit nicht. Zumindest war das in meiner Wahrnehmung so. Und jetzt dir stell einmal vor, man würde anstelle von „Ich muss noch schnell …“ sagen „Ich darf jetzt ganz langsam und in Ruhe …“ – wäre ja mal ein Experiment wert ;-)

Die Sache ist nur die: Sobald du zu lange im Vollgasmodus bist, beschleunigst du nicht nur dich, sondern auch deine Umwelt. Je schneller du mit irgendwas fertig bist, gibt es Nachschub. Je flinker du Nachrichten beantwortest, desto postwendender kommen sie wie ein Bumerang zurück.

 

Deshalb mag ich Wellenreiten

 

Und weißt du warum? Weil ich so am wenigsten Energie verliere. Wenn ich das Gefühl habe, dass die Welle kommt, dann nutze ich sie und tobe mich aus. Plötzlich kann ich sogar Dinge erledigen, die eigentlich für später geplant waren – aber warum sich an den strikten Plan halten, wenn es gerade so gut läuft?

Und sobald ich merke, dass der Strom abebbt, versuche ich, so gut es geht, die nichterledigten Dinge auf später zu verschieben. Ja, manchmal muss ich mich da echt selbst disziplinieren, es liegen zu lassen. Und spannenderweise erledigen sich manche Dinge sogar in der Zwischenzeit von selbst :-)

Schwimmen mit Phantasie

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Wer mich kennt, weiß, dass ich viel Abwechslung brauche, um meinen kreativen Geist zu fördern. Nach über 20 Jahren Triathlon kann ich so ziemlich alle technischen Übungen auswendig. Deshalb lasse ich mir immer wieder was Neues einfallen, damit mir nicht langweilig wird :-)

Sicher, unser Gehirn lernt durch Wiederholung. Und ja, die Lernpsychologie lehrt „vom Einfachen zum Komplexen“. Und manche Menschen mögen ihre Gewohnheiten und das ist auch gut so, denn jeder Mensch ist anders.

Aber, wenn du auch schon viele Jahre schwimmst, alle technischen Übungen schon in- und auswendig kennst und Spaß daran hast, Neues auszuprobieren, dann wünsche ich dir viel Freude mit den folgenden Übungen.

Kreative Fingerspiele

Wenn du schon länger schwimmst, dann kennst du bestimmt die ganze Palette der Hand- bzw. Fingerübungen: Gespreizte Finger, gepresst, locker, Faust usw.

Lass es mal noch feiner und kreativer werden z.B. indem du nur mit dem erhobenen Zeigefinger schwimmst, dem bösen Stinkefinger, dem hawaiianischen „Hang-Loose“ (nur kleiner Finger und Daumen gestreckt, Rest eingeklappt) oder „Rock out“ (kleiner Finger und Zeigefinger nach oben gestreckt, Rest eingeklappt).

Und weißt du was? Es muss nicht perfekt sein. Denn in dem Moment wo du deinem Körper neue Reize gibst, hat dein Gehirn schon genug zu tun. Und wenn du dabei Spaß hast, dann ist das besonders förderlich für den Lernprozess. Das verfolgt auch das Prinzip der Life-Kinetik. Wenn du der Meinung bist, dass das zu sehr vom „optimalen Schwimmzug“ abweichst, ist das auch ok.

Mir macht es einfach Spaß meine Körperansteuerung weiter zu verfeinern und dadurch, meinen Körper noch besser spüren zu lernen. Denn genau das hilft mir dann wieder, u.a. im Alltag viel schneller wahrzunehmen was mein Körper gerade braucht: Welche Dehnübungen gerade wichtig sind, welches Essen mein Körper verlangt – und man erkennt immer frühzeitiger den Pausenruf ;-)

 

Wahrnehmung volle Kanne trainieren

Es gibt verschiedene Wahrnehmungsebenen, um die Tiefensensibilität zu schulen. Du hast die Begriffe bestimmt schon einmal gehört: Propriozeption, Interozeption und Exterozeption. Und wenn nicht, ist das auch nicht so wichtig. Mir geht es immer darum, was ich mit den ganzen schlauen Begriffen in der Praxis mache. Wie ich es einfach und pragmatisch anwenden kann. Und dann habe ich beim Schwimmen Folgendes ausprobiert:

Interodings: Du tauchst beim Schwimmen völlig in deinen Körper ein. Entweder konzentrierst du dich pro Bahn auf bestimmte Körperteile oder du nimmst deinen Körper als Ganzes wahr – wie eine Einheit. Oder du wanderst durch deinen Körper z.B. in dein rechtes Knie, in deine linke Schulter, in deine Nase usw. Du nimmst jeden Teil ganz bewusst wahr. Und es geht dabei nicht darum, dich auf den perfekten Schwimmzug zu konzentrieren. Lass das mal nebenbei laufen. Wenn du schon lange schwimmst, ist das wie Autofahren. Es geht auch nicht darum, die Empfindung zu bewerten und großartig zu denken. Nein. Es geht nur um das Wahrnehmen. Klingt irgendwie voll meditativ? Ja, Schwimmen kann auch wie entspannende Meditation sein.

Ach ja, ein wenig besuchtes Schwimmbad wäre von Vorteil, weil es sein kann, dass du die Außenwelt dann völlig ausblendest und es dadurch zu unfreiwilligen Kollisionen kommen kann ;-)

Exterodings: Jetzt gehst du mit Hilfe deiner Vorstellungskraft aus deinem Körper heraus und nimmst alles um dich herum wahr: die Geräusche, das Wasser, die anderen Menschen um dich herum. Nicht kucken, nur fühlen. Stell dir vor, du könntest die Beckenränder spüren, so, als würdest du deine Wahrnehmung über deine Körpergrenze hinaus ausdehnen. Natürlich hast du im Hintergrund noch deine Körperwahrnehmung laufen, nur richtest du deine Aufmerksamkeit nach draußen. Das hat den Vorteil, dass du z.B. im Wettkampf Schlägen von außen frühzeitig aus dem Weg schwimmen kannst. Du navigierst sozusagen anders.

 

Propriodings: Jetzt verbinden wir Innen und Außen miteinander. Erst hast du alles im „Innen“ wahrgenommen. Dann bist du ins „Außen“ gegangen. Jetzt stell dir vor, dein Körper ist wie eine Einheit und die Welt da draußen ist eine Einheit – und das Ziel ist es jetzt, den Übergang zu spüren. Sozusagen: Du im großen Ganzen. Klingt schräg? Mag sein. Fühlt sich aber ziemlich gut an, weil du lernst, bei dir zu bleiben. Das hilft dir wiederum im Wettkampfgetümmel deine Energie bei dir zu behalten.

Rumswitchen: So, jetzt kommt die mega Fortgeschrittenenvariante. Du springst mit deiner Aufmerksamkeit nach Belieben zwischen den Ebenen hin uns her. Rein in den ganzen Körper, wieder raus zu den Geräuschen, rein in den linken Fuß, raus zum vorderen Beckenrand, hin zum Übergang von der rechten Hand zum Wasser. Klingt für dich entweder voll kompliziert oder nach Experimentationsspaß? Was auch immer. Pick dir raus, was für dich passt ;-)

 

Lagen mal andersanders

Ja, da gibt es die Begriffe „Große Lagen“ (längere Strecke pro Lage, z.B. 50m und mehr) und „Kleine Lagen“ (Lagen auf eine Bahn verteilt). Und wenn du auch schon mal mit den reinen Schwimmern mitgehechelt bist, dann hast du vielleicht – wie ich – erfahren, dass die für den Geschmack eines Triathleten eindeutig zu viel von dem anstrengenden Lagendingsbums schwimmen.

Normalerweise ist die gängige Reihenfolge: Delphin, Rücken, Brust, Kraul – oder das ganze rückwärts. Wie wäre es, nach jedem Zyklus zu wechseln? Ein Zug Delphin, drehen, einer Rücken, drehen, einer Brust, Kraul usw. Und wenn dir das auch noch zu langweilig ist, dann mach die Reihenfolge anders oder bau zusätzlich noch was mit ein, was dir gerade in deinen verrückten Sinn kommt :-)

Und wenn jetzt der Perfektionismusantreiber in dir protestiert, weil er beim Ausprobieren feststellt, dass ein exakt-abgeschlossener-Zug gar nicht geht und es manchmal eher 1,5 Züge sind, weil man sich ja auch drehen muss – na, und? Macht es Spaß oder macht es keinen Spaß? Je nachdem, was dein innerer Kritiker oder dein emotionales limbisches System dir für eine Antwort gibt – du wirst das tun, was das Richtige für DICH ist.

Viel Spaß beim Experimentieren,

Doris

→ Gewusst? Ich biete auch Schwimmtechniktraining an.