„Du kannst nicht gewinnen, wenn du nicht spielst“

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Vor ein paar Jahren, während meiner MentalCoach Ausbildung, sagte mein Ausbilder und Coach Peter: „Du hast die Wahl, ob du am Spielfeldrand stehen oder, ob du mitspielen möchtest.“ Irgendwie hat mir das Angst gemacht. Es hat mich an Völkerball in der Schule erinnert. Ich war immer froh, wenn ich außen stand. Ballspiele waren gar nicht meins. So konnte ich nicht Gefahr laufen, „abgeschossen“ zu werden …

Ungefähr 1,5 Jahre später hatte ich ein sehr intensives Gespräch mit meiner liebsten Trainerkollegin Marion, die der Auslöser dafür war, dass ich die MentalCoach Ausbildung machte. (Danke Marion!) Jedenfalls sagte sie ein paar Dinge, die mich sehr lange beschäftigt hatten. Sie meinte, dass Leben sei nur ein Spiel und es ginge nicht darum, irgendwo hinzukommen, weil du schon da bist. Es ist egal, ob man scheitert oder nicht. Es ginge nur darum, zu spielen und Freude daran zu haben – natürlich auch am gewinnen.

Wie? Ein Spiel?

Diese Aussage hat heftigen Widerstand in mir ausgelöst. Schließlich wollte ich ja immer wohin. Ziele erreichen. Bloß nicht scheitern. Aufgaben abhaken. Um wieder 1.000 neue Pläne zu schmieden. Deshalb hat mir meine Freundin Kathrin zu meinem 29. Geburtstag eine Karte mit einem Zitat von John Lennon geschenkt: „Leben ist das was passiert, während du dabei bist, andere Pläne zu schmieden.

Nach dem Gespräch mit Marion vergingen ein paar Monate. Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich auf dem Sofa saß und durchs Fernsehprogramm zappte. Ich war ziemlich am Ende, weil ich sehr unter der Trennung zwischen meinem Mann und mir litt – und mir Vorwürfe machte, weil ich den Stein ins rollen brachte. Auch wenn ich jetzt weiß, dass wir einfach eine Auszeit brauchten. Damals konnte ich den Gewinn noch nicht erkennen.

In einem Sender ging gerade ein Film los, der mich total fesselte. Irgendwas sagte: „Schau dir diesen Film an.“ Trotz meiner Trauer und meiner Zweifel, ob es richtig war, auf mein Herz zu hören, gab mir dieser Film soviel Kraft. Er war für mich irgendwie magisch. Vor allem das Hauptzitat des Films: „Wie Bagger einmal sagte, dieses Spiel kann man nicht gewinnen, nur spielen. Und so spiele ich. Immer weiter. Ich spiel‘ für die Momente die noch kommen. Auf der Suche nach meinem Feld.“ Der Film hieß „Die Legende des Bagger Vance“ mit Will Smith.

Wow.

Hatte nicht ein paar Wochen vorher jemand zu mir gesagt, dass er den Eindruck hat, dass ich noch auf der Suche bin? Auf der Suche nach meinem Feld … doch, was ist mein Feld?

Ein paar Monate später, mein Mann und ich waren wieder zusammen, war ich alleine auf dem Jakobsweg unterwegs. Und wie ich das so aus dem Leistungssport kannte, hatte ich natürlich einen Etappenplan mit genauen Kilometerangaben. Mit einem klaren Ziel vor Augen: Santiago. Und wenn es gut läuft, bis ans Meer. Doch der Jakobsweg machte mir einen Strich durch meine fixen Pläne. Nach ein paar Tagen konnte ich einfach nicht mehr in den Wanderschuhen laufen und das Leben zwang mich dazu, nicht mehr linear abzuhaken, sondern zu pausieren und mir dann das rauszupicken, worauf ich mich am meisten gefreut hatte: Bergwandern zum Cruz de Hierro.

Witzigerweise hatte ich ein paar Tage vorher Nicole kennengelernt, die eine Doktorarbeit über das Scheitern schrieb. Das Puzzle setzte sich mehr und mehr zusammen …

Als ich wieder zu Hause war, kam irgendwann in mir so eine Spielelust hoch. Im SPIEL des Lebens mitzumischen, mitzuspielen. Mitten rein in Völkerball. Ohne Angst davor, „abgeschossen“ zu werden. Es war ein Gefühl von völliger Freude am Ausprobieren, egal wo es hinführt, egal, ob ich gewinne oder nicht – nur um zu erfahren, wie es sich anfühlt. Sich selbst zu erfahren, zu erLEBEN. Um neue Erkenntnisse zu GEWINNEN und daran wachsen zu können. War es das was Marion meinte?

Wieder ein paar Monate später, schenkte mir mein Mann zu meinem 41. Geburtstag ein Postkartenset von Hermann Scherer mit 200 Zitat-Inspirationen. Eine Karte mit folgendem Zitat sprang mich sofort an: „Wenn du gewinnen willst, musst du spielen.“

So schließt sich der Kreis.

1,5 Jahre später nach dem Gespräch mit Marion hatte ich begriffen, was sie meinte. Ich hätte noch so lange darüber Hirnen können. Ich brauchte die Erfahrungen, um fühlen zu können, was die Essenz hinter ihrer Aussage war. Denn vieles kann sich der Kopf gar nicht verSTEHEN. Es braucht für Wachstum einfach BEWEGUNG. Auch wenn es schmerzvoll ist.

Natürlich habe ich immer noch Momente, wo ich lieber am Spielfeldrand stehen würde, weil es dort einfach sicherer und bequemer ist. Doch wie heißt es so schön in einem anderen Zitat: „Ein Schiff, das im Hafen liegt, ist sicher vor dem Sturm. Aber dafür ist es nicht gebaut.“

Mein Feld

Ich schulde dir noch eine Antwort auf die Frage, was mein Feld ist. Weißt du, ich liebe es, wenn ich „Hinweisschilder“ für mein Leben bekomme. Diese kleinen magischen Zeichen, die wir im Alltag manchmal übersehen. Die uns führen und leiten. Die wollen, dass es uns gut geht. Dass wir uns das Leben leichter machen. Dass wir spielerisch rangehen und Freude daran haben.

Vor einer Woche ca. saß ich im Auto. Mich beschäftige wieder die Frage, was meine AufGABE auf dieser Erde ist und bat das Universum um eine Antwort. Die kam prompt. Ich überholte ein schwarzes Auto. Es hatte folgende Buchstaben nach dem Ort: DK. Meine Initialen. Nebendran stand „Caddy“.

Ein Caddy ist jemand, der den Golfspieler auf seinen Spielfeldern begleitet. Ein Helfer an der Seite auf diesem riesengroßen Spielfeld voller Möglichkeiten. Voller Auf und Abs in der Hügellandschaft. Der Ball fliegt und fällt. Voller Gefahren, in die der Ball reinfallen könnte. Wie Wasser oder hohe Büsche. Doch das Spiel geht weiter. Bis zum letzten Abschlag. Bis er ins Ziel rollt. Und wenn er nicht das Spiel gewonnen hat, dann trotzdem so viele Erkenntnisse auf dem Weg dorthin. Der Gewinn ist relativ. Vielleicht gewinnt er beim nächsten Mal. Denn: Nur, wenn du spielst, kannst du auch gewinnen.

Und nun zu dir: Ich möchte dir eine Frage stellen, die nur du selbst beantworten kannst. Vielleicht nicht jetzt. Vielleicht kennst du die Antwort schon: Was ist dein Feld im magischen Spiel des Lebens?

Gib deiner Antwort PHANTASIEvollen FREIraum. Und falls keine Antwort kommt. Dann frage doch einmal die magischen Zeichen am Wegesrand ♥

Wenn du glaubst, es geht nicht mehr …

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2016 war für mich nicht nur ein ziemlich heftiges Jahr. Es war auch das Jahr der Regenbögen. Sie haben mich das ganze Jahr über begleitet. Meistens dann, wenn ich das Gefühl hatte, dass ich jetzt gerade einfach nicht mehr kann.

Angefangen hatte alles im Februar, an meinem Geburtstag, und gleichzeitig dem letzten Tag meiner Abreise von Lanzarote. Als ich in der Früh aus meinem Hotelzimmer Richtung Frühstücksbüffet lief, warf ich, wie jeden Morgen, einen Blick auf die wunderschöne Bergkette. Es hatte den Tag zuvor geregnet und der Himmel war noch etwas dunkel.

Über den Vulkanhügeln war ein wunderschöner Regenbogen zu sehen. Irgendwie zauberte es mir ein Lächeln auf die Lippen. Irgendjemand meinte, dass Regenbögen auf Lanzarote eher selten sind. Hätte ich in dem Moment schon geahnt, was in den nächsten Tagen alles auf mich zukommt, dann hätte ich das Gefühl noch intensiver abgespeichert.

Zeitsprung …

Im Mai durfte ich für meinen Kooperationspartner ein Firmenseminar halten. Auf der einen Seite hatte ich mich sehr darauf gefreut. Auf der anderen Seite war ich zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht in meiner Energie, weil ich seit Februar sehr unter der Trennung zwischen mir und meinem Mann litt.

Ursprünglich wollte ich bei einer Freundin übernachten, aber sie war kurzfristig erkrankt. Das Problem war, dass alle Hotels ausgebucht waren oder völlig überteuert, weil irgendeine Messe in München war. Aber in Früh anreisen, acht Stunden Seminar geben und abends wieder zurück war mir dann doch zu viel. Also versuchte ich mein Glück über AirBnb. Und ich hatte tatsächlich Glück. Ich bekam ein Zimmer, dass genau den anberaumten Übernachtungskosten entsprach und es war nur zwei Kilometer vom Seminarort entfernt. Thank God.

Regentränen

Neben der Dankbarkeit, die ich während der nach Hause Fahrt im empfand, kam wieder der Schmerz hoch und ich ließ es einfach frei fließen. Die Woche zuvor war ich auch in München auf einer Yogafortbildung und ich habe zum ersten Mal in meinem Leben im Auto so richtig geschrien. Zu meiner Überraschung war es tatsächlich befreiend. Nach Schreien war mir jedoch bei der erneuten Fahrt nicht zu mute. Ich habe, passend zum Regen im Außen, nur vor mich hingeschluchzt und irgendjemand im Himmel gebeten, mir zu sagen, dass das Ganze bitte gut ausgeht. Oder, mir zumindest ein Zeichen zu geben.

Plötzlich wurde der Regen weniger und vor mir entfaltete sich ein wunderschöner Regenbogen. Ich war so perplex, dass ich gar nicht weiß, wie ich überhaupt weiterfahren konnte.

Regentränen, die Zweite

Ungefähr eine Woche später war der Trennungsschmerz auf dem Höhepunkt angelangt. Ich war Laufen im Wiesengrund, nicht weit entfernt von dem möblierten Einzimmer-Apartment , dass ich vorübergehend gemietet hatte und es regnete leicht. Auch, wenn ein Teil von mir irgendwie dieses Gefühl hatte, dass für mich alles wieder gut wird, war da auf der anderen Seite sehr viel Angst. Kennst du das Gefühl, wenn du gerade vor einem Scherbenhaufen stehst und trotzdem tief in dir drin weißt, dass du immer behütet und beschützt bist? Und trotzdem ist da der Scherbenhaufen in geballter Realität, der unnachgiebig an deinem Vertrauen ins Leben nagt.

So war ich mal wieder an dem Punkt, wo ich um Hilfe bat. Um irgendein Zeichen. Und hoch und heilig versprach, dass ich immer mein Bestes geben werde. Ich hörte auf zu laufen und ging ein Stück weiter Richtung einer Brücke. Zum Glück war ich alleine, denn so konnte ich wieder ein bisschen vor mit hinweinen. Als ich auf den schmalen asphaltierten Weg, zwischen den Wiesen, blickte, entdeckte ich eine, mit Kreide gezeichnete Ente. In der Ente waren zwei Buchstaben: DH. Mein Mann heißt Holger. Und da war er wieder der Regenbogen am Horizont. Der Regen hörte abrupt auf. (Das Foto habe ich ca. drei Monate danach gemacht, aber man kann die Buchstaben mit viel Vorstellungskraft noch erkennen). Eineinhalb Monate später waren wir wieder zusammen.

Mit dem Regenbogen gehen

Im September war ich auf dem Jakobsweg. Ich hatte das Ganze schon im April gebucht. Und auch, wenn ein Teil gar nicht mehr weg wollte, weil ich lieber zu Hause bei Holger und unserem neuen Hund Emma geblieben wäre, war da ein Teil, der dieses Abenteuer erleben wollte. Also zog ich los. Nach Spanien. Ohne wirkliche Spanischkenntnisse, meiner grottenschlechten Orientierungsfähigkeit (die mich trotzdem immer wieder nach Hause bringt) und falschem Schuhwerk.

Nach ein paar Tagen wollte ich schon alles hinschmeißen. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich von der Mauer, auf der ich am Wegesrand lag, um Pause zu machen, gar nicht mehr aufstehen wollte. Ich beobachtete, total fertig, die Wolken am Himmel. Und völlig unscheinbar schob sich hier und da ein kleiner Regenbogen im Ansatz durch die Wolken.

Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwie ein Regenbogen her …

Mein letzter Regenbogen im Jahr 2016 zauberte mir wieder ein Lächeln ins Gesicht: Als ich die letzte Horrornacht in Spanien, bei Gewitter im knastähnlichen Stockbett in Barcelona-Zwischenflugstation verbrachte, war ich einfach nur froh, als ich am Morgen in das Flughafentaxi Richtung Nürnberg stieg. Zwar verstand ich nicht, was der Fahrer auf Spanisch sagte, aber ich folgte mit meinem Blick dahin, wo sein Zeigefinger hindeutete: Zu einem riesengroßen Regenbogen am Horizont, denn „Hinterm Horizont geht’s weiter, einer neuer Tag …“ ♥

Alles begann in diesem Jahr mit einem Regenbogen. Der erste gab mir Freude auf meinem Weg nach Hause in eine unbestimmte Zukunft. Der zweite schenkte mir Trost. Der dritte Mut und Zuversicht. Der vierte erinnerte mich daran, dass es immer wieder weitergeht. Und der fünfte gab mir, wiederum auf dem Weg nach Hause, Gewissheit, dass immer alles gut ausgeht. Denn: Das Leben hat immer Recht.

→ Hier findest du meine Geschichten, die ich auf dem Jakobsweg erlebt habe.

 

 

Die Magie des Alltags

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Ich liebe dieses Wort: Magie. Es hat für mich etwas außergewöhnliches. Etwas, das nicht von dieser Welt ist. Deshalb liebe ich Fantasy-Filme über alles. Und natürlich Phantasie.

Als Kind war ich schon fasziniert von Magie und Zauberei. So hatte ich z.B. eine riesige Freude an dem kleinen Zauberkasten, den mir meine Mama zum Geburtstag geschenkt hat. Während mich das viel „wertvollere“ Geschenk, ein goldenes Armkettchen, nicht wirklich interessiert hat.

Die Sache ist nur die: Das alles ist ein Fake. Zauberei sind Tricks, die unsere Wahrnehmung
täuschen und Filme sind eben nur Filme. Und doch lieben viele von uns „Herr der Ringe“ oder den Überraschungseffekt in Zaubershows. Wer weiß, vielleicht sind wir alle nur Peter Pans, die vergessen haben, was alles in uns steckt und, dass es Nimmerland und Tinkerbell wirklich gibt ;-)


Als bekennende Phantastin, habe ich es mir zu Aufgabe gemacht, es der Magie zu erlauben, mich jeden Tag zu begleiten. Denn: Wenn du ganz genau hinschaust und hinspürst, erkennst du, dass sie bereits da ist. Überall und an jeder Ecke. Ganz klein und unscheinbar. Wir können sie nur nicht sehen, weil wir noch viel zu oft, wie ferngesteuert, durch die Gegend hetzen. Oder hast du oben den Regenbogen im Bild gesehen?

Deshalb lade ich dich hier und jetzt ein, mit mir gemeinsam, die Magie wieder zu entdecken. Lass die „Runningshoes“ mal stehen und wirf mal einen anderen perspektivischen Blick auf die Dinge. Dann wirst du die Zusammenhänge und Zeichen besser erkennen. Denn: Es gibt keine Zufälle. Ein Zufall ist etwas, was dir „zu fällt“. Alles hat seinen Grund …

In diesem Sinne, viel Freude & Magicflow beim Lesen der kommenden Geschichten ♥

Du magst Magie direkt und kostenfrei in dein Postfach bekommen?

Mein Jakobsweg als Yogitriathletin – Teil 6: Vom Ende der Welt nach Hause

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doris_kessel_ende_der_weltKlar war ich enttäuscht. Doch tief in mir drinnen wusste ich genau, warum das passierte. Denn ich bin davon überzeugt, das nichts ohne Grund geschieht: Eigentlich wollte ich ans Meer, zum Ende der Welt. „Deine Seele lässt sich nicht verarschen“ – genau diesen Satz hatte Beatrice Reszat in dem „Mutmachbuch für Träumer“ geschrieben, das ich dabei hatte. Und ich wollte dieses Buch auf dem Camino GANZ lesen. Es fehlten noch einige Seiten …

Somit war klar, dass ich zwei Tage geschenkt bekam, auch wenn es sich im ersten Moment nicht so anfühlte, weil ich mich schon auf zu Hause freute. Ich sollte noch ans Meer. Also tat ich das und recherchierte nach Bussen von Santiago aus.

Santiago? Ganz ok.

doris_kessel_santiago_platzAls ich am nächsten Tag in Santiago ankam, wollte ich gleich weiter ans Meer und erst am Rückflugtag in die City. Leider fuhr der Bus erst in fünf Stunden. Also wieder Planänderung und auf in die Stadt.

Ehrlich gesagt hatte ich mir mehr erwartet. Vielleicht lag es auch daran, dass ich kein Fan bin von Städten mit Menschenansammlungen – und es war Sonntag. Meine Füße passten nur in meine Flip-Flops und wollte einfach nicht soviel rumlaufen. Zja, Pech gehabt Doris, nutze die Zeit und lauf los.

Also lief ich zur Kathedrale, die gerade renoviert wurde. Ja, der Platz, an dem die Pilger einlaufen, hat schon was und die Stimmung fühlte sich gut an. Jedoch hatte ich das Gefühl, dass ich persönlich wahrscheinlich enttäuscht gewesen wäre, wenn ich es auf biegen und brechen durchgezogen hätte, um laufenderweise hier anzukommen. Ich bin einfach den Challenge Zieleinlauf gewohnt :-) Und ich bin ein riesengroßer Fan von Meer und das wäre dann nicht mehr drin gewesen. Ich liebe Kaps, wie in Neuseeland das Cape Reinga, wo die tasmanische See auf den Pazifik trifft oder in Rügen das Kap Arkona – und nun wollte ich endlich ans Kap Finisterre!

Herberge oder Pension?

Am Busbahnhof lernte ich eine nette Littauerin kennen, die mir Fotos von ihrer Pension zeigte. Eigentlich wollte ich noch einmal in eine Herberge. Ja, schon witzig. Erst wollte ich das gar nicht. Dann stieg allerdings die Panik in mir hoch: Was ist, wenn ich bei Dunkelheit ankomme und sie auch ausgebucht sind wie das Hotel in Ponferrada? Das Risiko war mir in dem Moment zu groß. Und irgendwie wurde es mir ziemlich einfach gemacht, mit der Empfehlung meiner Bahnhofsbanknachbarin, dem WLAN-Zugang dort, der Buchungsmöglichkeit über das Internet und dem hammergünstigen Preis. Na gut, überzeugt.

Das beste war, dass ich in Finisterre von der Haltestelle nur einen kurzen Berg hinunterlaufen musste Richtung Meer. Also idiotensicher für Orientierungslose. Und da war sie schon, die Pension – sogar mit Meerblick. Danke, Universum :-)

Laufen ohne Rucksack

doris_kessel_0_km_kap_finisterraWas für ein Gefühl: Laufen OHNE Rucksack! Am nächsten Tag nahm ich nur mein Bauchtäschchen mit, gönnte mir noch ein Frühstück am Hafen und lief gleich danach zum Kap, das knappe drei Kilometer entfernt lag. Für den Nachmittag war Regen gemeldet, also wollte ich gleich am Vormittag los. Und meine Füße machten wieder mit. Danke, danke, danke.

Was für ein Katzensprung im Vergleich. Und was für ein mies-kaltes Wetter. Wo ich mich in den Mesetas noch nach einem eiskalten Pool sehnte, freute ich mich nun auf eine angenehm WARME Badewanne nach meinem Auflug.

Da stand ich nun vor dem letzten Kilometerstein mit der Aufschrift 0,00 K.M. Ein komisches Gefühl. Mir wurde wieder so bewusst, dass du nirgendwo hinkommen musst, um angekommen zu sein …

 

Jakobsmuschel kaputt

doris_kessel_muschel_zerbrochenAm letzten Abend wollte ich noch ein wenig meinen ausgeliehenen Rucksack sauber machen. In meinem Putzwahn ist mir dabei meine Jakobsmuschel kaputt gegangen, die den ganzen Weg über an dem Backpack hing. Sie ist das Erkennungszeichen für Pilger.

Ich wollte die Muschel doch so gerne in meine Muschelschale zu Hause legen, in der ich Muscheln aus der ganzen Welt seit Jahren sammle. Nun war sie kaputt. Aber ich wollte sie auch nicht wegwerfen. Ein Teil in mir wehrte sich massiv dagegen.

Plötzlich fing ich an, zu weinen wie ein Schlosshund. Wegen einer kaputten Muschel. Ich kam mir vor wie Tom Hanks in dem Film „Verschollen“, als sein Ball „Wilson“ davonschwamm. Und ich kam mir echt albern vor. Aber ich konnte nicht anders und musste mich von meinem Mann via Whats App trösten lassen.

Da fiel mir ein, dass ich für die Wanderschuhe Sekundenkleber eingepackt hatte, falls die Sohle abgehen sollte. Also versuchte ich die Muschel zu kleben. Dabei musste ich noch viel mehr weinen. Es erinnerte mich an die doris_kessel_muschel_geklebtTrennungsmonate in diesem Jahr und an ein Zitat, dass ich einmal gelesen hatte: „Man muss nicht immer alles gleich wegwerfen, wenn es nicht mehr funktioniert. Man kann es auch reparieren.“ Wir können alles reparieren und heilen. Es braucht nur seine Zeit. Und ja, es sieht nicht mehr aus wie vorher. Es hat einen Riss, der uns immer daran erinnert und trotzdem kann es noch viel besser halten als zuvor. Denn: Keine Freude ohne Leid, ohne Leid keine Freude. Alles bedingt sich gegenseitig. Und die Erinnerung hilft uns, die schönen Momente noch mehr genießen zu können (wenn der Nadel-im-Heuhaufen-suchende-Denker nicht so häufig dazwischen quatschen würde) …

Letzter Tag am Meer

doris_kessel_finisterre_meer_strandEigentlich war für meinen letzten Tag Regen gemeldet und da mein Flieger erst später am Abend ging, machte ich mir schon wieder Gedanken, wo ich die Überbrückungszeit verbringe, wenn ich aus der Pension mittags raus muss.

Und wieder kam es anders: Der Wettergott meinte es gut mit mir und schenkte mir einen sonnigen Tag, an einem lauschigen Plätzchen am Meer, zum Abschied nehmen.

Kennst du das, wenn es nach Hause geht? Mir fällt es dann oft schwer, einfach still zu sitzen. Ständig musste ich rumkramen und die Position verändern. Vor allem dann, als ich merkte, dass mein Handtuch auf Vogelkacke lag. Na ganz prima. Also, alles wieder zusammenpacken und Handtuch an der Stranddusche auswaschen. Grummel grummel.

Als ich fertig war, wollte ich wieder runter zum Meer und hob meinen Rucksack hoch. Was ich dann sah, zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht. Erst regt man sich wieder völlig umsonst über etwas total Banales auf – und dann wird einem gezeigt, für was es gut war. Unter meinem Rucksack war ein Schriftzug in Stein geritzt, den ich vorher überhaupt nicht wahrgenommen hatte. Dort stand „ANGEL“.

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Schlaflos in Barcelona

Wie immer war ich viel zu früh am Flughafen. Zum Glück hatte ich mein tolles Buch dabei, das die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes „verfliegen“ ließ, auch im Flieger nach Barcelona. Gerne hätte ich noch von der letzten tollen Herbergserfahrung in Barcelona erzählt, aber dem war leider nicht so. Ich kannte das schon aus Neuseeland. Diese übergroßen Herbergen sind so was von unpersönlich, steril und unwohlfühlmäßig. Ich kam mir in dem Vierbettzimmer vor wie im Knast. Ich war zwar alleine und es hätte ruhig sein können, aber das nächtliche Gewitter ließ mich nicht schlafen. Meine Ohrstöpsel wollte ich lieber nicht reintun. Nicht, dass ich noch den Wecker überhöre und den Flieger nach Nürnberg verpasse ;-)

Der Frühstückstisch mit Gummiweißbrot und pappigen Zuckerzeug lud nicht wirklich zum Verweilen ein. Was freute ich mich auf wirklich gesundes und abwechslungsreiches Essen! Leider hatte die Herberge doch keinen Flughafenshuttle, wie im Internet versprochen. Hm, Bus, U-Bahn oder Taxi? Nein, diesmal wollte ich nicht wieder umherirren und gönnte mir von den letzten Euros in meinem spartanischen Plastiktäschchen ein entspanntes Taxi.

Als ich im Taxi saß, deutete der Taxifahrer grinsend nach links aus dem Fenster und ich sah einen wunderschönen Regenbogen. Da war er wieder mein Regenbogen. Der mich schon das ganze Jahr seit meinem Geburtstag auf Lanzarote begleitete. Aber das ist eine andere Geschichte. Ja, manchmal braucht es erst ein reinigendes Gewitter, damit am Ende wieder die Sonne durch die Wolken scheinen kann – und du den Regenbogen sehen kannst. Es war nun so weit, ich durfte wirklich nach Hause.

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Wieder zu Hause

doris_kessel_sofaDu fragst dich vielleicht, ob ich es bereut habe, dass ich früher zurück bin. Ein Teil in mir war einfach froh, wieder im eigenen Bett schlafen zu dürfen, gesunde Sachen zu essen, sich behütet und beschützt zu fühlen – und natürlich auf dem Apfelsofa mit meinen Liebsten zu liegen. Du nimmst die Dinge einfach wieder ganz anders wahr. So wie die Backpacker in der U-Bahn oder die Menschen, die kein zu Hause haben. Natürlich war der andere Teil ein wenig wehmütig, wenn die Nachrichten meiner Pilgerfreunde kamen, wo sie gerade waren – und natürlich mein Ego, wenn die Frage kam: „Und, wie viel bist du gelaufen?“ Ja, so ticken wir Menschen in dieser Leistungsgesellschaft nun mal.

Erst dachte ich, dass ich viel zu kurz am Jakobsweg war und es doch lächerlich wäre, darüber zu schreiben, bis mich meine Freunde ermutigt haben. Danke dafür! Und: Welche Regel besagt, dass etwas so und so lang sein muss, um das mitzunehmen, was man gerade braucht? Mir kam es ewig vor. Und laut Einstein ist Zeit sowieso relativ ;-)

Ich habe in dieser Zeit viel über mich gelernt. Und dafür bin ich im Nachhinein sehr dankbar, auch wenn ich es in verschiedenen Situationen sicherlich nicht war. Trotzdem war alles genau richtig für mich. Der Jakobsweg hat noch mehr an meinem Kontroll-Planungs-Regelzwang gerüttelt. Und ich will noch weitaus mehr meine eigenen Regeln über Bord werfen, um dadurch mehr Freiraum für Möglichkeiten zu schaffen. Danke Camino, dass du mich so vehement aus meiner Komfortzone geschubst hast!

Vielleicht macht man sich auf den Weg, weil man auf ein mega-spirituelles Ereignis hofft. Ich fuhr zum Teil mit der Vorstellung hin, dass ich die ganze Zeit alleine und bei mir bleibe, nach jeder Wanderung Yoga mache und meditiere – und am Ende völlig bei mir selbst angekommen bin. Doch es kam alles anders. Und ich bin froh, dass ich all die Menschen treffen durfte. Denn die sind es, die den Camino wirklich ausmachen. Sowie die vielen kleinen magischen Momente. Die einen nennen es Zufall, die anderen Schicksal. Was auch immer. Das war mein Camino. Völlig anders als geplant. Und während ich hier schreibe, muss ich über mich selbst schmunzeln.

Danke an DICH

doris_kessel_jakobswegIch danke dir für’s Lesen und ich hoffe, es war für dich etwas dabei. Etwas zum Schmunzeln, etwas zum Nachdenken, etwas zum Weitergehen. Und vielleicht sollten wir uns einmal bei unseren Füßen bedanken, die uns jeden Tag durch unser, manchmal nicht so leichtes, Leben tragen. Egal wie weit, in welcher Geschwindigkeit, in welche Richtung, vorwärts oder rückwärts, humpelnd oder nicht. Wir gehen immer weiter, auch wenn wir nicht mehr können. Immer weiter.

Buen Camino!

Mein Jakobsweg als Yogitriathletin – Teil 5: Alles bleibt anders

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doris_kessel_bergeJa, was wollte ich wirklich tief in mir drinnen? Ich hatte mich am meisten auf die Berge gefreut. Und wenn noch Zeit blieb, wollte ich ans Meer. Offiziell endet der Jakobsweg zwar in Santiago di Compostela, aber für viele Pilger ist das Ende das Kap Finisterre, was auch als das „Ende der Welt“ bezeichnet wird. Da zog es mich ebenfalls hin. Und ich wollte natürlich früher nach Hause. Dann hatte ich sogar noch Urlaubstage übrig, für unseren ersten gemeinsamen Urlaub mit Wauwau :-)

Das Buffet an Möglichkeiten

Und plötzlich wandelte sich dieses Gefühl von „Ich-hab-keine-Ahnung-was-ich-machen-soll-und-steh-vor-dem-Nichts“ in ein Gefühl von „Ich-habe-alle-Möglichkeiten“. Als würdest du vor einem Buffet stehen und darfst wählen, was du jetzt in diesem Augenblick möchtest. Und du darfst dich jederzeit umentscheiden. Man muss nicht immer von A nach B gehen. Du kannst auch erst über C laufen oder rückwärts gehen oder B einfach überspringen. Das fühlte sich verdammt gut an!

Mein möglichkeitenproduzierender Kopf lief auf Hochtouren: „Wie komme ich am schnellsten zum Cruz de Hierro? Indem ich den Bus nach Astorga nehme und von dort nach Rabanal laufe. Das sind knapp 23 Kilometer. Dann kommt meine heißersehnte Bergetappe mit knapp 25 Kilometer, die in Molinaseca endet. Nur da gibt es keinen Bus, erst in Ponferrada. Das zusätzlich noch zu laufen, wäre wohl größenwahnsinnig … vielleicht könnte ich am nächsten Tag von Molinaseca noch ein Stückchen weiter laufen und im nächsten Ort mit dem Bus nach Santiago fahren und dann ans Meer …?“ Ich liebe Möglichkeiten!

Und schön hörte ich meine liebste Kollegin sagen: „Man kann sich nicht immer die Lorbeeren rauspicken.“ Wo steht das eigentlich geschrieben? Auf zum Extreme-Lorbeer-Rauspicking!

Laufen oder bleiben?

doris_kessel_astorga_burgIn Astorga angekommen, wollte ich mir erst die Kirche und die Burg ansehen. Erstaunlicherweise fühlten sich meine Füße viel besser an. Was ist der Körper doch für ein sich selbst regenerierendes Wunderwerk. Natürlich wollte ich es dann doch wieder wissen, was noch geht und nicht über Nacht bleiben. Also lief ich ganz gemütlich in den nächsten Ort, der drei Kilometer entfernt lag. Einfach so, um zu schauen, wie es läuft. Und es lief. Sogar bis zum nächsten Ort, wieder fünf Kilometer weiter. Ich genoss die Musik in meinem Ohr und musste sehr lachen, als von den Ärzten das „Lied vom Scheitern“. kam.

So lief ich von Ort zu Ort, ohne Etappenplan, einfach Stück für Stück. Bis ich tatsächlich am Abend in Rabanal war – und stolz wie ein Honigkuchenpferd, Oskar und Nachbar’s Lumpi gemeinsam. Da ich für mich beschlossen hatte, alleine zu bleiben, nahm ich mir ein Einzelzimmer in einem Hotel. Und kam mir ziemlich komisch vor beim Abendessen. Alle so waren so voll auf Schickimicki und ich saß da, mit meinem Trainingsoutfit. Und das Essen war naja. Teuer ist eben nicht immer gleichzeitig gut. Ich sehnte mich nach Jesus‘ Herberge zurück.

Endlich in die Berge!

doris_kessel_cruz_hierroIch glaube, ich hatte mich auf keine Etappe so gefreut, wie auf diese. Als ich aus dem Ort hinauslief war ich einfach nur glücklich mit mir selbst und genoss jeden Meter, den ich lief. Es fühlte sich richtig gut an. Wie sagte meine Mitpilgerin Nicole so schön: „Das Genießen im Prozess. Und nicht ständig To-Do-Listen abarbeiten.“

Ich liebe Bergauflaufen – und dann nach unten zu blicken und zu denken: „Das bin ich schon alles hochgelaufen.“ Das war cool!

Angekommen am Cruz de Hierro schmiss ich meinen mitgebrachten Stein auf den Hügel, so wie es der Pilgerbrauch ist. Neben mir stand eine Frau, die ganz arg weinte. Ihre Freundin drückte sie fest und sagte auf englisch, dass jetzt alles gut wird. Mit Tränen in den Augen lief ich weiter. Ich fühlte mich irgendwie leichter. Danke liebes Kreuz. Danke liebe Füße.

Vielleicht mögen die Spanier kein englisch sprechen, aber sie haben andere Qualitäten. Sie haben ein Herz für Pilger. Auf dem Weg wirst du von so vielen Leuten gegrüßt mit „Buen Camino“. An jeder Einkehrstation bekommst du kostenfrei Wasser aufgefüllt. Der Weg ist, außer in den Großstädten, wunderbar ausgeschildert oder mit Pfeilen auf dem Boden markiert. Sie haben ein Gottvertrauen mit dem Bezahlen, so auch auf dieser Etappe. Als ich durch den Wald lief, fand ich auf der rechten Wegseite einen Stand mit leckerem Obst und Riegeln auf Spendenbasis. Du wirfst einfach in die Dose, was du geben möchtest. Tolle Sache.

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16 Kilometer bergab

Okay, bis hierhin hatte ich wirklich Spaß. Und ich würde es immer wieder tun. Nur wünschte ich mir nun meine festen Schuhe wieder herbei. Der Weg war gepflastert mit Felsvorsprüngen und auch sehr glatten Steinplatten. Mal schnell runterlaufen war nicht mit den Schuhen – und zu fest wollte ich auch sie auch nicht schnüren, damit meine noch gequetschten Zehen weiterhin genug Platz hatten. Das ging auf die exzentrische Muskulatur. Und natürlich stieß ich trotzdem ständig mit den Zehen vorne an, es war einfach zu steil. Als ich an der Straße ankam, war ich so was von dankbar. Ein flacher Weg, jippie!

Nachdem der Asphalt mich ein wenig glücklich gemachte hatte, kam wieder ein Schotterweg nach unten. Verdammt. Autschi. Da waren sie wieder, die altbekannten Schmerzen. Als dann noch ein paar pfeifende Mountainbiker an mir vorbei fuhren, hätte ich sie am liebsten vom Fahrrad geschubst und ihnen ihren fahrbaren Untersatz unter dem Popo weggezogen! Einfach draufsetzen und runterrollern lassen. Ja, das wär’s jetzt.

Bleiben oder weiterlaufen?

doris_kessel_molinasecaZum Glück bin ich irgendwann in Molinaseca angekommen. Was für ein malerisches Örtchen. Alle saßen draußen und genossen die Sonne. Einige schwammen in dem Fluss unter der Brücke, über die ich lief. Ich suchte mir eine nette Einkehrstation mit WLAN und schrieb mit meinem Mann. Er hatte einen Flug gefunden, der Morgen Abend nach Hause ging. Mit Stop-over in Barcelona. Da war es wieder, die Sehnsucht nach zu Hause. Hm, wenn ich vielleicht doch noch bis Ponferrada weiterlaufe, könnte ich morgen mit dem Bus nach Santiago fahren und von dort aus heimfliegen …

Als ich aus dem Ort hinauslief schüttelte ich über mich selbst den Kopf. Meine Beine und Füße wollten einfach nicht mehr, aber mein Heimweh hatte die Oberhand gewonnen. Und meine Finger folgten ihm, indem sie eine SMS an meinen Mann schrieben, dass er bitte den Flug buchen soll und auch gleich den Bus von Ponferrada nach Santiago. Boah, war das aufregend.

Ein paar Minuten später kam eine SMS: „Flug ist gebucht.“ Ich freute mich. Wieder ein paar Minuten später kam die Nachricht: „Es gibt Probleme mit dem Bus, der ist ausgebucht.“ Das durfte mich wahr sein. Wie komme ich denn dann nach Santiago? Kurzzeitig ploppte das Kap Finisterre wieder in meinen Gedanken auf, aber ich verwarf es schnell wieder, als die nächste Nachricht kam: „Kommando zurück, es hat doch noch geklappt.“ Puh. Wow. Ich fliege Morgen nach Hause. Krass.

„Sorry, we are fully booked“

doris_kessel_ponferrada_templerburgJunge, Junge. Was war das für eine Tortur nach Ponferrada. Physisch wie psychisch. Ich dachte, ich komme nie an. Und der Vorort zog sich in die Unendlichkeit. Ich war fertig. Da konnte die Templerburg noch so schön sein, ich wollte da nicht mehr rein. Ich wollte nur noch ein Bett.

Witzigerweise hatte ich von einer Herberge gelesen, die „Nirvana“ hieß. Als letzte Herberge fand ich das irgendwie witzig. Nur leider war die Herberge auch im Nirvana. Nämlich nicht aufzufinden. Zumindest hatte ich die Busstation, nach gefühlten zehn Mal nachfragen, endlich gefunden. Hier musste es doch irgendwo ein Bett zum Schlafen geben! Ich wollte keinen Meter mehr gehen. Zum Glück traf ich einen netten Spanier, der deutsch sprach, da er jahrelang in Deutschland lebte. Er sagte mir, dass die nächsten Herberge ca. vier Kilometer weg war. Was? Das war mir zu weit. So brachte er mich bis zur nächsten Hoteltür. Thank God!

Da stand ich nun. Völlig durchgeschwitzt in der feinen Hotellobby und es war gerade eine Hochzeitsfeier im Gange. Ich fühlte mich überhaupt nicht underdressed. Nein, nein. Und die Blicke der Gäste machten mir auch gar nichts aus. Nein, nein.

Mitleidig sah mich der Portier an, als ich ihn um ein Einzelzimmer fragte und er antwortete: „Sorry, we are fully booked“. Buhuuuu! Das konnte nicht wahr sein. Ich will doch nur ein Bett. Er sah meinen verzweifelten Blick und telefonierte ein wenig herum, bis er etwas passendes für mich gefunden hatte. Ein netter Portier. Und er bestellte mir gleich ein Taxi, das mich zu meinem Bett brachte.

Morgen ist doch der 11. und nicht der 13. September?

Ein Bett. Eine Dusche. WLAN. Und mein Flugticket nach Hause per E-Mail. Ich hatte alles, was ich brauchte. Jetzt benötigte ich nur noch eine Übernachtungsmöglichkeit in Barcelona und für Morgen frische Kleidung. Also checkte ich meinen Rucksack, ob ich noch einmal waschen musste. Irgendeine Stimme in mir, war der Meinung, dass ich noch waschen sollte, aber da war doch noch ein frisches Shirt mit Hose …?

Ich schaute noch einmal auf die Flugdaten. Plötzlich sah ich, dass da nicht der 11. September, sondern der 13. September stand. Aber Morgen war doch der 11. September? Ich schrieb meinen Mann, da ich komplett verwirrt war. Es stellte sich heraus, dass die Fluggesellschaft ihm einen Alternativtermin vorgeschlagen hatte und in der Vorfreude-Hektik hatte er es nicht gemerkt …

Mein Jakobsweg als Yogitriathletin – Teil 4: Über das Scheitern

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An diesem Tag meinten meine Füße es gut mit mir. So hatte ich Kraft, Nina zu unterstützen, die trotz ihrer Schmerzen weiterlaufen wollte. Tim gab ihr seine Stöcke, damit sie ihren Fuß etwas entlasten konnte, Mischa trug zum Teil ihren Rucksack und ich versuchte sie abzulenken und zum Lachen zu bringen. Kilometer um Kilometer quälte sie sich über die Strecke. Von Verpflegungspause zu Verpflegungspause. Von Ort zu Ort. Wie gut konnte ich mich in sie reinversetzen. Und wie dankbar war ich über meine neuen Sandalen, die tatsächlich viel viel besser waren, als die Wanderstiefel. Noch.

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Ich diskutierte mit Tim über Philosophie und erzählte ihm, als es bergauf ging, wie sehr ich mich auf die Berge und das Cruz de Hierro freute. Dort ist es ein alter Pilgerbrauch, einen mitgebrachten Stein abzulegen und damit auch all seine Sorgen, Probleme, Ängste oder Schmerzen. Davon hatte ich dieses Jahr genug abzulegen.

Dann blickte ich in das schmerzvolle Gesicht von Nina an der Hand von ihrem Freund Micha und ich war so dankbar, dass ich heute einfach laufen konnte.

 

Im Blasenpflaster-Shoppingrausch

Nach 23 Kilometer waren wir am nächsten Etappenziel angekommen. Hut ab Nina. Klasse gekämpft. Sie konnte es selbst kaum glauben, dass sie es geschafft hatte. Angekommen in einer äußerst coolen Herberge, mit abgetrennten Betten im Schlafsaal und tollen Matratzen, zog ich gleich weiter in die Apotheke und in den Supermarkt. Glückselig mit drei Packungen Blasenpflaster, Arnika-Gel und leckerem Obst kam ich zurück. Neben dem Standard-Bocadillo mit Käse und Tomate brauchte ich heute mal was Frisches. Und wir gönnten uns zusammen eine Waschmaschine. Ich schwelgte quasi im Luxuskomfort.

Beim Abendessen wurde unsere Runde wieder größer. Am Tisch saßen weitere Vertreter aus Deutschland, Spanien und Amerika. Unter anderem gesellte sich noch Nicole zu uns. Als sich unsere Blicke trafen, ahnte ich irgendwie, dass wir morgen zusammen weiterlaufen würden. Nina, Micha und Tim wollten morgen nicht soviel laufen. Ich musste nach meinem dämlich-strikten Zeitplan jedoch in zwei Tagen in León sein und hatte 31 Kilometer auf dem Programm. Nicole gefiel der Plan und so liefen wir tatsächlich an nächsten Tag zusammen weiter. Es war nun so weit, sich von meinen Pilgerfreunden zu trennen, die mir soviel gezeigt hatten.

 

Abschied

doris_kessel_abschiedJa, es machte mich ein wenig traurig, als ich mich von den Dreien nach unserem letzten gemeinsamen Frühstück verabschiedete. Es ist schon erstaunlich, wie dir Menschen so schnell ans Herz wachsen können.

Also liefen Nicole und ich weiter Richtung Religios. Gönnten uns zwischendurch einen leckeren Smoothie und Gemüse. Nicole war auch Vegetarierin. Sie machte Yoga, hatte sich schon sehr intensiv mit sich selbst auseinandergesetzt und interessierte sich ebenfalls für psychologische Themen. Wir hatten also genug Gesprächsstoff für den ganzen Tag :-)

Am Spannendsten fand ich das Thema ihrer Doktorarbeit. Sie schrieb über das Scheitern. Exakt. Das Scheitern. Am zentralsten war für mich der Satz „Knowing when to quit“. Und da war es wieder, mein Heimweh. Nach meinem Mann, unserem Hund und nach Rumlümmeln auf unserem nagelneuen apfelgrünen Sofa, das an diesem Tag geliefert wurde.

doris_kessel_stein_loveUnd wir sprachen auch über die Liebe, Liebeskummer und Schmerzen. Da läufst neben jemand wildfremden und unterhältst dich, als würdest du dich schon jahrelang kennen. Das kann dir nur am Jakobsweg passieren.

Irgendwann begannen meine Füße wieder zu schmerzen. Ich musste anhalten. Ich hatte mir eine Blutblase gelaufen. Bei mir hilft da nur eins: aufstechen. Also, alles rauskramen, desinfizieren, aufstechen, Blasenpflaster drauf und weiter geht’s. Aber so locker ging es dann doch nicht mehr, denn ich hatte wieder Hitzepusteln an den Füßen und das Reiben der Socken machte es nicht besser.

Knowing when to quit

Somit war ich wieder am gleichen Punkt angekommen wie in Villalcázar. Nicole meinte, dass es am Jakobsweg vielleicht die Menschen gibt, die lernen müssen, sich durchzubeißen und die, die lernen dürfen, wann es Zeit ist, damit aufzuhören, sich zu quälen. Bei diesem Gedanken musste ich fast heulen. Ja, ich quälte mich. So wie damals 2013, als ich mir eingebildet hatte mit einer entzündeten Achillessehne und einer Bandscheibenvorwölbung eine Langdistanz zu machen und den Marathon, ohne Gehen, durchzulaufen. So etwas wollte ich meinem Körper nie wieder antun. Ich wollte mich nie wieder quälen. Und am Camino tat ich es wieder: Tag für Tag. Wenn ich keine Schmerzen hatte, hatte ich Heimweh. Wollte ich das wirklich? Etwas in mir sagte: NEIN! Und dann war mir plötzlich bewusst, dass ich keine drei Wochen hier bleiben werde. Ich wollte nach Hause und das möglichst bald.

Gesagt, getan: Als wir in der Herberge ankamen, recherchierte ich schon einmal nach Flügen ab León. Allerdings waren die viel zu teuer. Andere Flüge gab es erst in ein paar Tagen ab Santiago. Ich wollte auch noch nach dem Abendessen mit meinem Mann darüber sprechen.

Glücklicherweise waren wir in einer Herberge, die vegetarisches Essen hatte. Und nicht nur das: sie war einfach so was von wohlfühlmäßig: Alles neu, hell, freundlich, mit Garten – und: Yogaraum :-) Betrieben wurde diese von Jesus (ja, er hieß tatsächlich so) und seiner Tochter Ada. Witzigerweise war Ada’s Hund ein Golden Retriever, so wie unserer.

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Und falls du dich auch vegetarisch ernährst und den Camino laufen willst, habe ich gleich mal den dortigen Plan an der Pinnwand fotografiert. Ist leider mit dem Handy ein wenig unscharf geworden.

Deutschland, England & Neuseeland

Der Abendessenstisch war erneut international bunt gemischt. Eine Pilgerin kam sogar aus Neuseeland. Ich war wieder beeindruckt, wie viele junge Leute hier unterwegs waren. Und das Essen war sowas von lecker. Jesus zauberte uns ein 4-Gänge Menü und wir alle waren uns einig, dass es das BESTE Essen war, vom ganzen bisherigen Camino.

James aus London erzählte, dass er Morgen mit Jesus und seiner Tochter zur nächsten Bushaltestelle fährt, um dort den Bus nach León zu nehmen. Er hatte das gleiche Problem wie ich: Blasen. Bei mir war noch der untere Rücken dazu gekommen. Ich hatte ja schon vor Jahren Probleme mit meinen Bandscheiben. Mein linker Oberschenkel war fast dauertaub und fühlte sich zeitweise an, als würde er verbrennen. Auch der linke Hüftbeuger war, trotz ständigen Dehnens, total verkürzt. Das war nicht gut.

Als James mich fragte, ob ich mitfahren möchte, merkte ich, wie sich ein Teil in mir weigerte. Ich hätte nie gedacht, dass es mir das so eine Überwindung kostet. Deshalb sagte ich zu James erst einmal, dass ich es noch nicht wüsste. Vielleicht ging es ja doch irgendwie … ich hatte ja erlebt, wie schnell sich die Füße über Nacht erholen. Doch nicht aufgeben und weiterlaufen?

Busfahren? Busfahren!

Nach dem Telefonat mit meinen Mann war ziemlich klar, dass ich mit dem Bus fahre. Er vermisste mich auch und wollte nach einem Flug suchen, der mich schnell nach Hause brachte.

Also nahm ich am nächsten Morgen wieder Abschied, diesmal von Nicole und stieg ins Auto ein. Was für ein komisches Gefühl, gefahren zu werden. Angekommen in León wollte James in die Stadt und fragte, ob ich mitkäme. Aber ich wollte alleine sein. Somit verabschiedete ich mich auch von ihm und ging erst einmal auf die Busbahnhofstoilette, um die Flipflops mit den Sandalen zu tauschen und meine Füße zu verarzten.

Da saß ich nun und hatte absolut keine Ahnung was ich tun sollte. Nach León zum Flughafen fahren und dort spontan nach Flügen kucken? Oder mit dem Bus nach Santiago? Oder vielleicht noch ans Meer? Mir schoss die zentrale Frage aus Veit Lindaus Büchern in den Kopf, die ich mir immer wieder gerne stelle: „Was willst du WIRKLICH WIRKLICH?“