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Schweinehund vs. Achtsamkeit

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Kennst du das? Du hast nach der Arbeit manchmal überhaupt keine Lust noch einmal rauszugehen und dich zu bewegen. Du bist müde und der Hunger oder das Wetter machen es auch nicht besser.

Und nun?

Früher war ich mir oft nicht sicher, ob ich nun wirklich müde bin und eine Pause brauche -oder, ob es nur der innere Schweinehund ist, der mich davon abhält. Heute kann ich den Unterschied sehr gut spüren. Vielleicht kannst du das auch. Falls nicht, dann kann dir diese Mentaltechnik weiterhelfen:

Stell dir vor, du bist schon mitten im Training und spüre genau in deinen Körper, wie es ich anfühlt.

Ja, geh richtig in die Situation rein.

Du bist da geistig schon. Und dein Körper wird dir ein Feedback geben. Und bitte lass dich nicht von deinem inneren Kritiker beeinflussen, der ständig in deinem Kopf dazwischen quatscht.

Wandere in deinen Körper. Der ist gerade dein Ansprechpartner.

Ich kann dir heute ziemlich genau sagen, wie ich mich fühlen werde. Entweder spüre ich Kraft und Stärke oder einen mittleren Energielevel der sagt „es ist schon okay, aber es wird nicht der Burner“ oder ich nehme Schwäche wahr und mein ganzes System rebelliert, weil es eine Pause braucht.

Und wenn das bei dir nicht funktioniert, dann hilft nur eines: Raus und ausprobieren. Wenn du nach den ersten 15-20 Minuten keine Besserung merkst, dann weißt du selbst, dass es einfach keinen Sinn hat, sich weiter zu quälen. Sei achtsam mit dir und …

… listen to your Body-Buddy :-)

Body + Mind + Heart

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Yoga hat Ziel, Körper Geist und die Seele in Einklang zu bringen. Erst wird der Körper über die Asanas (Körperübungen) aktiviert, um den wilden Affen (Geist) zu bändigen. Dann bist du wunderbar vorbereitet für die Meditation.


Viele im Westen denken immer noch, dass Yoga hauptsächlich das Ausführen von Asanas ist. Aber das ist nur ein kleiner Teil. Im Grunde machst du schon Yoga, wenn du gewahrsam im Moment bist. Hier und Jetzt. In deinem vollen Sein. Mit allem was du bist. Dann spürst du dich wieder. Und vor allem spürst du die tiefe, innere Weisheit deiner Seele wieder. Die genau den Weg kennt. Um diese innere, leise Stimme wahrzunehmen, müssen wir ganz still sein, sonst überhören wir sie.

Du kannst, anstelle des Wortes Seele, auch Weisheit oder Herz nehmen – oder Herzensweisheit. Wusstest du, dass sich in deinem Herzen sogar Gehirnzellen befinden und man mittlerweile von einem Herzhirn spricht?

 

Alle guten Dinge sind drei

 

Lange Rede, kurzer Unsinn: Du brauchst diese drei Komponenten, um wirklich gesund und in deiner Kraft sein zu können. Stell dir vor, dein Körper wird regelmäßig trainiert, gut ernährt und bekommt ausreichend Schlaf – aber, deine Gedanken sind permanent destruktiv. Oder, du bist mental total fit und liebevoll zu dir, aber stopfst nur Schrott in dich hinein. Oder, du bist mental und körperlich auf einem guten Weg, aber der Weg ist nicht der Weg deines Herzens …

Deshalb machen wir es wie im Yoga: Wir aktivieren den Körper, stärken den Geist und zum krönenden Abschluss verbinden wir uns mit dem, was wir wirklich sind: Eine unendliche Seele, die eine unglaubliche Weisheit in sich birgt. Die grenzenlos und unendlich ist. Ja genau, das bist du!

 

Schwimmen mit Phantasie

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Wer mich kennt, weiß, dass ich viel Abwechslung brauche, um meinen kreativen Geist zu fördern. Nach über 20 Jahren Triathlon kann ich so ziemlich alle technischen Übungen auswendig. Deshalb lasse ich mir immer wieder was Neues einfallen, damit mir nicht langweilig wird :-)

Sicher, unser Gehirn lernt durch Wiederholung. Und ja, die Lernpsychologie lehrt „vom Einfachen zum Komplexen“. Und manche Menschen mögen ihre Gewohnheiten und das ist auch gut so, denn jeder Mensch ist anders.

Aber, wenn du auch schon viele Jahre schwimmst, alle technischen Übungen schon in- und auswendig kennst und Spaß daran hast, Neues auszuprobieren, dann wünsche ich dir viel Freude mit den folgenden Übungen.

Kreative Fingerspiele

Wenn du schon länger schwimmst, dann kennst du bestimmt die ganze Palette der Hand- bzw. Fingerübungen: Gespreizte Finger, gepresst, locker, Faust usw.

Lass es mal noch feiner und kreativer werden z.B. indem du nur mit dem erhobenen Zeigefinger schwimmst, dem bösen Stinkefinger, dem hawaiianischen „Hang-Loose“ (nur kleiner Finger und Daumen gestreckt, Rest eingeklappt) oder „Rock out“ (kleiner Finger und Zeigefinger nach oben gestreckt, Rest eingeklappt).

Und weißt du was? Es muss nicht perfekt sein. Denn in dem Moment wo du deinem Körper neue Reize gibst, hat dein Gehirn schon genug zu tun. Und wenn du dabei Spaß hast, dann ist das besonders förderlich für den Lernprozess. Das verfolgt auch das Prinzip der Life-Kinetik. Wenn du der Meinung bist, dass das zu sehr vom „optimalen Schwimmzug“ abweichst, ist das auch ok.

Mir macht es einfach Spaß meine Körperansteuerung weiter zu verfeinern und dadurch, meinen Körper noch besser spüren zu lernen. Denn genau das hilft mir dann wieder, u.a. im Alltag viel schneller wahrzunehmen was mein Körper gerade braucht: Welche Dehnübungen gerade wichtig sind, welches Essen mein Körper verlangt – und man erkennt immer frühzeitiger den Pausenruf ;-)

 

Wahrnehmung volle Kanne trainieren

Es gibt verschiedene Wahrnehmungsebenen, um die Tiefensensibilität zu schulen. Du hast die Begriffe bestimmt schon einmal gehört: Propriozeption, Interozeption und Exterozeption. Und wenn nicht, ist das auch nicht so wichtig. Mir geht es immer darum, was ich mit den ganzen schlauen Begriffen in der Praxis mache. Wie ich es einfach und pragmatisch anwenden kann. Und dann habe ich beim Schwimmen Folgendes ausprobiert:

Interodings: Du tauchst beim Schwimmen völlig in deinen Körper ein. Entweder konzentrierst du dich pro Bahn auf bestimmte Körperteile oder du nimmst deinen Körper als Ganzes wahr – wie eine Einheit. Oder du wanderst durch deinen Körper z.B. in dein rechtes Knie, in deine linke Schulter, in deine Nase usw. Du nimmst jeden Teil ganz bewusst wahr. Und es geht dabei nicht darum, dich auf den perfekten Schwimmzug zu konzentrieren. Lass das mal nebenbei laufen. Wenn du schon lange schwimmst, ist das wie Autofahren. Es geht auch nicht darum, die Empfindung zu bewerten und großartig zu denken. Nein. Es geht nur um das Wahrnehmen. Klingt irgendwie voll meditativ? Ja, Schwimmen kann auch wie entspannende Meditation sein.

Ach ja, ein wenig besuchtes Schwimmbad wäre von Vorteil, weil es sein kann, dass du die Außenwelt dann völlig ausblendest und es dadurch zu unfreiwilligen Kollisionen kommen kann ;-)

Exterodings: Jetzt gehst du mit Hilfe deiner Vorstellungskraft aus deinem Körper heraus und nimmst alles um dich herum wahr: die Geräusche, das Wasser, die anderen Menschen um dich herum. Nicht kucken, nur fühlen. Stell dir vor, du könntest die Beckenränder spüren, so, als würdest du deine Wahrnehmung über deine Körpergrenze hinaus ausdehnen. Natürlich hast du im Hintergrund noch deine Körperwahrnehmung laufen, nur richtest du deine Aufmerksamkeit nach draußen. Das hat den Vorteil, dass du z.B. im Wettkampf Schlägen von außen frühzeitig aus dem Weg schwimmen kannst. Du navigierst sozusagen anders.

 

Propriodings: Jetzt verbinden wir Innen und Außen miteinander. Erst hast du alles im „Innen“ wahrgenommen. Dann bist du ins „Außen“ gegangen. Jetzt stell dir vor, dein Körper ist wie eine Einheit und die Welt da draußen ist eine Einheit – und das Ziel ist es jetzt, den Übergang zu spüren. Sozusagen: Du im großen Ganzen. Klingt schräg? Mag sein. Fühlt sich aber ziemlich gut an, weil du lernst, bei dir zu bleiben. Das hilft dir wiederum im Wettkampfgetümmel deine Energie bei dir zu behalten.

Rumswitchen: So, jetzt kommt die mega Fortgeschrittenenvariante. Du springst mit deiner Aufmerksamkeit nach Belieben zwischen den Ebenen hin uns her. Rein in den ganzen Körper, wieder raus zu den Geräuschen, rein in den linken Fuß, raus zum vorderen Beckenrand, hin zum Übergang von der rechten Hand zum Wasser. Klingt für dich entweder voll kompliziert oder nach Experimentationsspaß? Was auch immer. Pick dir raus, was für dich passt ;-)

 

Lagen mal andersanders

Ja, da gibt es die Begriffe „Große Lagen“ (längere Strecke pro Lage, z.B. 50m und mehr) und „Kleine Lagen“ (Lagen auf eine Bahn verteilt). Und wenn du auch schon mal mit den reinen Schwimmern mitgehechelt bist, dann hast du vielleicht – wie ich – erfahren, dass die für den Geschmack eines Triathleten eindeutig zu viel von dem anstrengenden Lagendingsbums schwimmen.

Normalerweise ist die gängige Reihenfolge: Delphin, Rücken, Brust, Kraul – oder das ganze rückwärts. Wie wäre es, nach jedem Zyklus zu wechseln? Ein Zug Delphin, drehen, einer Rücken, drehen, einer Brust, Kraul usw. Und wenn dir das auch noch zu langweilig ist, dann mach die Reihenfolge anders oder bau zusätzlich noch was mit ein, was dir gerade in deinen verrückten Sinn kommt :-)

Und wenn jetzt der Perfektionismusantreiber in dir protestiert, weil er beim Ausprobieren feststellt, dass ein exakt-abgeschlossener-Zug gar nicht geht und es manchmal eher 1,5 Züge sind, weil man sich ja auch drehen muss – na, und? Macht es Spaß oder macht es keinen Spaß? Je nachdem, was dein innerer Kritiker oder dein emotionales limbisches System dir für eine Antwort gibt – du wirst das tun, was das Richtige für DICH ist.

Viel Spaß beim Experimentieren,

Doris

→ Gewusst? Ich biete auch Schwimmtechniktraining an.

Heute schon geatmet?

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2_fach_atmungIm Alltag vergessen wir ihn ganz oft – unseren Atem. Gerade dann, wenn es am wichtigsten ist, sich auf den Atem zu fokussieren. Dann, wenn wir gestresst sind, atmen wir flach und verwehren unserem Körper das, was er gerade dringend bräuchte: Sauerstoff.

Ausatmung = Entspannung

Du willst entspannen? Dann richte deine Aufmerksamkeit auf deinen Ausatem und atme u.a. bewusst in deinen Bauch ein und viel länger wieder aus. Sobald du das tust, bekommst du die Brücke zu deinem autonomen Nervensystem, das, wie der Name schon sagt, normalerweise „autonom“ arbeitet. Mit dem Fokus auf deinen Ausatem, aktivierst du deinen „Parasympatikus“, der für deine Entspannung zuständig ist. So kannst du deinen Stresslevel senken.

Spring auf den Atemzug auf

Ja, fahr in Gedanken einfach mal mit und beobachte deinen Atem, wo er hinfließt. Es gibt in diesem Moment rein gar nichts zu tun. Wie, nichts tun? Ja, nichts tun. Probiere es aus. Du wirst mit Sicherheit gefallen daran finden, wenn du, mit Hilfe des bewussten Atmens, völlig gechillt durch den Tag surfen kannst :-)

Bewusste Atmung hat noch mehr Vorteile

Wusstest du, dass 70% der Entgiftung über den Atem stattfindet? Yes, Detox und Verjüngungskur pur. Also, atme mit deiner Ausatmung den ganzen Mist einfach aus. Außerdem werden deine Organe massiert. Jedesmal, wenn du einatmest, geht dein Zwerchfell nach unten und damit auch deine Organe. Bei der Ausatmung wandern sie im Brauchraum wieder nach oben. Du denkst, das könnte von Vorteil für deine Verdauung sein? Absolut! Und noch was: Du möchtest deine Emotionen besser regulieren lernen? Du wirst es dir schon denken: Ja, auch dafür ist eine bewusste und lange Ausatmung gut und wirkt sich positiv auf deine Stimmungslage aus. Ebenso, nach einem turbulenten Tag, unterstützt dein Atembewusstsein deinen erholsamen Schlaf, damit du am nächsten Tag wieder voll durchstarten kannst!

Es fällt dir schwer runterzufahren? Ich unterstütze dich gerne dabei, entspannter und gelassener zu werden. Hier findest du alle Infos zum Coaching.

Mein Jakobsweg als Yogitriathletin – Teil 2: Ich will nach Hause …

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Ja, es sah nicht gut aus um meine Füße. Aber ich hab’s ja nicht anders gewollt. Also Zähne zusammen beißen und weiter laufen. Und was habe ich mich noch vor ein paar Stunden innerlich über die plappernden Franzosen hinter mir aufgeregt, als ich alleine war. Und wie dankbar war ich nun für die tolle Gesprächsablenkung mit Nina, Mischa und Tim. Zwar kam ich mir alterstechnisch ein bisschen wie die Mama vor, da alle zwischen 20 und 27 Jahren waren – aber so was von „weit“. Ich wäre mit 22, wie Tim, nie auf die Idee gekommen den Jakobsweg zu laufen, schon gar nicht ganz. Und das beste: Tim mag keinen Sport und Laufen auch nicht. Und jeden Tag überwindet er seinen inneren Schweinehund auf’s Neue. Respekt.

doris_kessel_hontanas_schildNach ca. 1,5 Stunden sahen wir das nächste Schild und waren erst einmal richtig geschockt. Irgend so ein Witzbold hatte die Kilometerangaben verfälscht: Noch 10.5 Kilometer bis Hontanas??? Zum Glück haben wir beim Näherkommen die äußerst gemeine Niedertracht entlarvt und waren umso erleichterter, vor allem, als die ersten kleinen Häuschen zu sehen waren. Und noch toller waren die Menschen, die dort beim Essen saßen und geklatscht haben, als wir ankamen. Ja, fast ein bisschen wie ein Zieleinlauf-Feeling.

HUNGAAAAA!!!

Boah hatte ich Hunger, boah war ich fertig. Und ehrlich gesagt, konnte ich keinen großen Unterschied zu einer Langdistanz doris_kessel_erstes_pilgermenueerkennen. Die Beine taten fast genauso weh. 20 Kilometer wollte ich laufen, 31 Kilometer sind es geworden. Oh Mann, dieses Ego. Jedenfalls war mein erstes Pilgermenü hammerlecker. Und ich habe gemerkt, dass es mit dem vegetarischen Essen schwierig werden wird. Zumal mir Veganerin Nina erzählte, dass die Spanier zwar „vegetarisch“ drauf schreiben, aber trotzdem Fleisch drinnen ist. Sie haben die Logik, dass ja auch Gemüse drin ist. Aha.

Achja, da war ja noch die Sache mit der Pension. Nachdem ich mich in der Truppe so wohl gefühlt habe, bin ich mit in eine Herberge. Und tataaaa: es gab sogar Einzelzimmer. Also gar nicht schlimm. Bis auf die Hitze, die mich nicht so gut hat schlafen lassen. Und der nachhaltige Schock, dass die drei immer um 6 Uhr rum aufstehen, um möglichst früh loszulaufen. Jesus Christ. Na gut, adios geliebtes Ausschlafen, ciao langes im Bett Rummurmeln. Tschüss Urlaub, hallo Trainingscamp.

Wenn du denkst, es geht nicht mehr …

… kommt von irgendwo ein Compeedpflaster her. Ich glaube, das ist DIE Haupteinnahmequelle der Spanier auf dem Camino: Blasenpflaster. Nina und ich wollten schon eine Compeed-Komplett-Socke erfinden. Einmal anziehen, fertig. Das wäre doch mal was. Vielleicht liest ja jemand den Blog, der die erfindet. Dankbar bin ich auf jedem Fall dem Erfinder der Kompressionsstrümpfe. Die haben mir den 2. Wandertag versüßt. Ebenso war ich dankbar für den Erfinder der äußerst praktischen Ärmlinge, der Gittertapes für meine schmerzende Schulter, der kleinen Doppelball-Blackroll für meine Fuß- und Rückenmuskulatur (nein, ich bekomme dafür keine Provision) – und natürlich für die tollen Eindrücke, die Landschaft, die Sonne und Mahou.

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Mahou? Das war vor einer Kirche (Ort habe ich vergessen, es waren so viele) ein alter, weiser Mann mit einem mindestens genauso alten Fahrrad. Nina kam mit ihm ins Gespräch und er hat uns von seinem Tag erzählt: Voller Achtsamkeit. Voller Entschleunigung. Voller Minimalismus. Das klang schön. Als wir ihn fragten, wie er heißt, sagte er: „Today, I’m Mahou“ – keine Ahnung, ob die Schreibweise stimmt. Und ja, er sprach richtig gut englisch. Und er kannte sich hervorragend mit mentalem Training aus. Er sagte: „Always remember, your mind ist already in Santiago“. Und ich sagte: „Yes, your mind can be everywhere.“ Als sich unsere Blicke trafen, war es wie einer dieser kleinen „Magic Moments“. Du weißt genau, was der andere meint, ohne weiter darüber sprechen zu müssen. Und Maohu begleitete uns dann den ganzen Tag, denn plötzlich sahen wir ständig die Getränkeschilder, wo dieser Name drauf stand ;-)

Herbergen sind gar nicht schlimm

doris_kessel_balkon_albergueFür diese Nacht kamen wir gar nicht drum herum in einer bestimmten Herberge zu übernachten. Nina und ich waren schon überzeugt, als wir vor ihr standen. Denn auf dem Schild stand: Vegeterian & Vegan Food. Rein da! Und wir bekamen sogar einen Private Room mit drei großen Betten. Was für ein Luxus. Und los ging der normale Pilgerwanderungs-Nachwahnsinn: Duschen, Wäsche waschen, essen. Ich sag ja, fast wie auf Lanzarote im Trainingscamp. Diesmal gesellten sich ein Italienerpärchen und Terry aus den USA zu uns an den Tisch.

„What? 4.30?“ Die jungen Italiener liefen jeden Tag um diese Zeit los. Was bin ich doch für ein Komfortzonenjunkie. Nachdem mein Kinnladen so langsam wieder in Normalposition gerückt war, erzählte uns Terry, dass sie jeden Tag so 40 Kilometer lief. Buhuuu. Streu Salz in meine „Ich-würde-ja-so-gerne-aber-meine-Blasen-lassen-es-nicht-zu-Wunde“. Und sie legte noch eines drauf: Nachdem ihre Schuhe kaputt gingen, wollte sie, nur Not, noch einmal zurück nach Burgos, um sich da welche zu kaufen. Und dann wollte sie das Ganze noch einmal laufen. PFFF! Zum Glück hatte die Herbergsfrau, mit dem leckeren Abendessen, einen Flyer von einem Schuladen im übernächsten Ort. Wenn ich da schon geahnt hätte, dass diese Information für mich noch äußerst wichtig werden sollte.

„Spaß ist was anderes“

doris_kessel_sonnenaufgangDas war immer mein Spruch im Wettkampf, wenn es kein guter Tag war. Und genauso war Tag Numero drei. Ich konnte einfach nicht mehr in diesen Betonklötzen laufen. Auch wenn der Sonnenaufgang noch so schön war.

Meine Füße waren garniert mit Blasen, blau gequetschten Zehchen und verfeinert mit Hitzepusteln. Mein ganzes System weigerte sich vehement, noch einmal diese doofen Schuhe anzuziehen. Zum Glück lieh mir Nina ihre Asics-Laufschuhe. Jaja, ich weiß. würde ich für den Wettkampf niemals machen. Fremde Schuhe, auch noch mit einer Pronationsstütze für eine Supiniererin. War mir in dem Moment sch … egal. Ich wollte einfach nur Platz für meine geschundenen Füßchen und war endlos dankbar. Einige Zeit ging es auch gut.

An diesem Tag war meine Motivation sowas von im Keller und ich war so froh für das Coaching der anderen. Ja, am Jakobsweg sind alle irgendwie gegenseitige Coaches. Jeder hilft dem anderen, entweder mit Worten oder bequemeren Schuhen.

Im Pilger-Paradies

Durch Zufall fanden wir für unsere letzte Pause für den Tag eine kleine Oase in einer Herberge – mit Pool! Wie schnell man so ein Pilgerherz zum Höherschlagen bringen kann. Man nehme einen Pool, gesalzene Nüsse und Chips, Orangensaft mit Eiswürfel in einem grünen Garten. „Ich will hier bleiben, schrie mein Herz!“ Und tatsächlich hatten wir kurz überlegt, ob wir bleiben sollten. Aber wir hatten am nächsten Tag eine Etappe vor uns, die einen Abschnitt mit 18 km ohne Wasserstelle hatte. Plus den nun restlichen Kilometern war das einfach zu viel. „Na gut. Beim nächsten Mal vielleicht.“ sagte irgendeine Stimme in mir. Waaaaaas??? Es gibt kein nächstes Mal, Doris, du bist wohl komplett wahnsinnig!

Rein in die Flip-Flops

Nachdem ich weder in die Wanderstiefel wollte, noch in die Laufschuhe, blieben nur meine Flip-Flops. Ja, ich weiß. Schienbeinkantensyndrom vorprogrammiert. Egal. Dieser Schmerz war mir gerade lieber. Und tatsächlich ging es ein paar Kilometer gut und wir kamen irgendwann im nächsten Ort an. Frag nicht wie. Und dann wollte ich keinen Schritt mehr laufen. Wieder eine Herberge? 12-Bett-Zimmer? Egal. Ich wollte einfach nur stehen bleiben. So wie am Ende einer Langdistanz. Ja, das Gefühl kannte ich. Und die Blasen und gequetschten Zehen machten mich fertig.

kathedrale_aufgebenDa war ich nun. Im 12-Bett-Zimmer. Und natürlich waren nur noch die oberen Betten frei, d.h. rauf und runter steigen. Wer einmal einen Marathon oder Ironman gemacht hat, weiß, wie sich das anfühlt, das Runtersteigen. Kein Spaß. Vom Wackeln und Quietschen der Gestänge wollen wir gar nicht reden. Und den mangelnden Steckdosen für mein Handy, das fast leer war. Und dem nichtfunktionierendem WLAN, das mich mit zu Hause verbinden sollte. Ich musste raus hier. Ein bisschen weinen und zu Hause anrufen. Natürlich ging niemand hin. Da saß ich nun auf der Treppe der Kirche in Villalcázar und fragte mich, warum ich das eigentlich mache und was ich mir beweisen will. Ich wollte einfach nur noch nach Hause …

Mein Jakobsweg als Yogitriathletin – Teil 1: Zwei Welten prallen aufeinander

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doris_kessel_haende_rucksack„Und was willst du am Tag so laufen?“ war so die Standardfrage derer, denen ich von meinem Vorhaben erzählt habe. Ich sagte: „So 20-25 Kilometer am Tag. Ganz easy.“ Ich dachte mir, früher bin ich das lockerflockig als Wechsel nach 90 Radkilometern gelaufen. Sollte also kein Problem sein. Auch auf die Frage, ob ich meine Schuhe eingelaufen hätte, konnte ich getrost sagen: „Ja, in Island beim Wandern.“ Nur hatte ich den Temperaturunterschied nicht bedacht …

Ich war auch überzeugt, dass ich mittlerweile völlig entspannt bin, was das Nicht-Planen angeht. Einfach loszulaufen und zu schauen, wie weit ich komme und wo ich übernachte. Den Kilometerplan hatte ich ja nur so grob gemacht. Und ich wollte auf keinen Fall in einer Herberge übernachten. Hape Kerkeling hat mich überzeugend davon überzeugt, dass Herbergen nichts für mich sind und ich lieber in eine Pension möchte.

Der Jakobsweg (Camino) hat mich eines besseren belehrt :-) Ja, ich habe sehr viel gelernt und das möchte gerne mit dir teilen. Jedoch weniger als Reise- oder Lebensratgeber, sondern einfach als eine Geschichte, aus der du dir rauspicken kannst, was für dich passt.

Jakobsweg! Jakobsweg?

doris_kessel_mesetas_weg_endlosIm April wollte ich unbedingt den Weg gehen. Im Grunde hatte er mich seit dem Hörbuch „Ich bin dann mal weg“ fasziniert. Jedoch war es zu der Planungszeit eine komplett andere private Ausgangslage. Ich war an einem Punkt in meinem Leben, wo mir alles recht war, um weit weg von allem zu sein. Denn mir ging es gar nicht gut. Mein Mann und ich hatten uns getrennt und ich habe brutal gelitten. Wir haben gelitten. Und nun waren wir wieder zusammen und es fühlte sich so schön an. Im Grunde wollte ich gar nicht weg, sondern lieber bei ihm und unserem neuen Hund bleiben. Aber schließlich hatte ich ja gebucht und irgendein Teil von mir wollte diese Erfahrung machen. Also bin ich dann doch mal weg. Mit dem Flieger nach Bilbao, denn ich wollte von Burgos los. Aufgrund meines mangelnden Resturlaubes waren maximal 20 Tage drin. Hätte ich vorher gewusst, dass der Weg durch die Mesetas der langweiligste Teil ist, wäre ich von Beginn oder noch später eingestiegen. Aber es sollte wohl so sein.

In Spanien spricht man spanisch

Angekommen am Flughafen in Bilbao lief alles super. Ich habe sofort den Bus zur Estacion de autobuses gefunden und der war mit 1.45 Euro richtig günstig und schnell am nächsten Ort. Ich war viel zu früh dort, es dauerte ganze drei Stunden, bis mein bereits gebuchter Bus nach Burgos fuhr. Also entschloss ich mutig an der Information zu fragen, ob es einen Bus früher gäbe – und wurde das erste Mal mit einen mangelnden Spanischkenntnissen konfrontiert. Die meisten Spanier sprechen nämlich kein englisch. Und es ist ihnen auch relativ egal, ob du verstehst, was sie sagen. Sie plappern einfach munter weiter. Irgendwann gibst du es einfach auf und lächelst und nickst. Eigentlich haben sie ja recht. In Spanien spricht man eben spanisch.

Ich hatte Glück, ich konnte mein Ticket umbuchen und 2.5 Stunden früher los. Das war wirklich prima, denn so kam ich nicht bei Dunkelheit in Burgos an. Als hätte ich schon geahnt, dass meine mangelnde Orientierung mich dazu bringt, geschlagene 40 Minuten nach dem Hotel zu suchen, das laut Plan nicht einmal einen halben Kilometer von der Bushaltestelle entfernt war.

So wurde ich mit meiner nächsten Schwäche konfrontiert: Nach dem Weg fragen. Ich bin da mehr, wie ein Mann. Ich will den Weg alleine finden und frage nur ungern. Schon gleich gar nicht mehrmals, weil ich mich wieder verlaufen habe. Und wieder traf ich fröhlich plappernde spanisch-und-nicht-englisch-sprechende Spanier, die nur ungefähr ahnten, wo ich hinwill. Und schon wieder kam die nächste Konfrontation: meine Ungeduld. Dass diese Spanier die Straßennamen nicht gut sichtbar an die Kreuzung anbringen können, sondern irgendwo an einer Häuserwand, die man erst suchen muss. Vielleicht hätte ich doch meine Brille mitnehmen sollen …

Endlich im Hotel angekommen, freute ich mich darauf, die schweren Wanderstiefel auszuziehen und auf eine Dusche. Wie stolzdoris_kessel_wein war ich auf mein Minimalismusprinzip und meine Ideen, was man alles mehrfach verwenden konnte, z.B. mein abgefülltes Kokosöl. Nur zu dumm, dass das ausgelaufen war und mein ganzer ultra-leichter Kulturbeutel mit samt dem Inhalt umhüllt war von Kokosöl. Naja, wenigstens roch es gut. Also erst einmal alles sauber machen. Ein bisschen schimpfen und den bereitgestellten Rotwein trinken. Hab ja schließlich Urlaub. Dann nach Hause schreiben, duschen und ab ins Bett.

Endlich geht es los, oder auch nicht

Ich bin im Training manchmal wie ein Rennpferd in der Box, kurz bevor die Türen aufgehen. Ich will dann einfach endlich los und vor allem raus in die Natur. Wie stolz war ich, dass ich gleich um 10 Uhr morgens den Startpunkt an der Kathedrale gefunden hatte, so wie er im Wanderführer stand. Yes. Nur stimmte die weitere Beschreibung nicht mit dem überein, was ich sah. Hm, vielleicht hätte ich mir einen aktuellen kaufen sollen und nicht einen von 2012 aus der Stadtbibliothek leihen sollen … aber, Doris, Jakobswege ändern sich doch nicht.

doris_kessel_kathedrale_burgosDann laufe ich einfach mal drauf los, die grobe Richtung ist am Fluss entlang, das wird schon irgendwie stimmen. „Lass dich treiben und führen“ sprach sogleich die Yogastimme – „Frag gefälligst nach, wir haben schon zu viel Zeit verloren und hast du überhaupt schon das GPS aktiviert?“ konterte die Triathletin. Natürlich nicht. Und so war es dann jeden Morgen, ich habe schön regelmäßig vergessen, auf Start zu drücken. Auch eine Leistung :-)

Zum Glück traf ich einen netten Spanier, dessen Handbewegungen darauf schließen ließen, dass ich richtig war. Und tatsächlich war es so, denn freudestrahlend erblickte ich die erste Jakobsmuschel, die mir den Weg wies. Und schon kam der kleine Checker in mir hoch, der imaginär zu meinem Mann sagte: „Von wegen mangelnde Orientierung. HA!“

Das machte Spaß. Nur was war mit meinen Schienbeinen los, warum taten die jetzt schon weh? Und warum scheuerten die Rucksackträger im Nacken? Zum Glück hatte ich mein Headtuch dabei, als Abhilfe. Und das war mir ein treuer Begleiter, auch als Sonnenschutz für den Nacken. Und es sollte verdammt heiß werden …

So lief ich dann dahin, stolz, wie eine ganz Große. Immer entlang den Wegmarkierungen. Cremte mich brav ein. Trank regelmäßig und machte kreative Fotos. So konnte es weitergehen. Bis auf dieses Ziehen in den Schienbeinen … und was war das? Eine Scheuerstelle am Fuß – gleich zupflastern! Das bedeutet: alles ablegen und Suchaktion in den unendlichen Weiten des Rucksacks starten. Obwohl der eher klein war. Und da war sie wieder meine Ungeduld – warum hat noch niemand den ultimativen Knopf erfunden, so wie bei einem Getränkeautomaten? Pflaster marsch und zwar PRONTO!

 

Viel zu früh am 1. Etappenziel

Halb vier? Was soll ich denn schon um halb vier in der Pension? „Lauf weiter“ sagte die Stimme in mir. Als hätte ich schon geahnt, dass es wichtig ist, weiterzulaufen. Damit ich Menschen treffe, die mir helfen, dass ich nicht gleich aufgeben muss.

doris_kessel_mesetas_sonnenblumenAlso lief ich weiter. Strahlend blauer Himmel. Goldgelbe Felder. Und viele viele Sonnenblumen.

Autsch, wieso tun den die Füße auf einmal so weh? Und warum ist weit und breit niemand mehr zu sehen? Und da war sie, die Angst, die ich mir hab machen lassen von Kommentaren wie „Du willst gaaaaanz alleine als Frau laufen? Ist das nicht gefährlich? Du weißt schon, dass da immer wieder was passiert …“

Na toll, also eine Runde EFT-Klopfen und gute Musik einlegen – auch wenn der innere Yoga-Kritiker sagt: „Pah, so funktioniert das nicht mit dem In-die-Stille-kommen und der Laufmeditation!“ – „Mir egal, ich brauche das jetzt!“ Da waren sie wieder diese Stimmen und es ging weiter: „Ich hab keine Lust mehr. Ich hab Durst. Waaaas, noch ganze fünf Kilometer bis zum nächsten Ort?“ – „Jetzt stell dich nicht so an, das bist du sonst in 25 Minuten gelaufen“ – „Ja, aber mit Laufschuhen und ohne diesen dämlichen Rucksack!“

Ich blickte nach links und sah in ein herzliches Gesicht mit einem lieben Lächeln, Sonnenhut auf dem Kopf und zwei weitere sympathische Gesichter. Und sie sprachen deutsch. Was für einen Wohltat! Und schon stand ich vor einem Wegweiser, der Wasser in unmittelbarer Nähe versprach. Ob das wohl noch weit war? Überrascht über meinen Mut, fragte ich die drei netten Menschen, ob sie wüssten, ob das weit wäre. Was für ein glücklicher „Zu-Fall“, dass sie auch Wasser brauchten.

Bleiben oder gehen?

„Hach ist es hier herrlich!“ und Nina hatte recht: Was für eine Oase mitten in der Natur! Eine kleine Herberge mit einem Mininaturpool. Außenherum genossen andere Pilger die Sonne. So auch Nils auf seiner Hängematte, die er tatsächlich immer mit sich herumträgt. Schnell kommt man ins Gespräch und es fühlt sich gut an. So ungezwungen. Das mag ich. Dieses Gefühl von „wir sind alle gleich“. Ein Teil von mir wäre hier gerne geblieben, aber sie hatten keine Einzelzimmer. Die anderen drei, Tim, Nina und ihr Freund Micha, waren auch am Überlegen, ob sie bleiben wollen.

Aber wir entschieden uns, weiterzugehen. Doch zuerst: Füße ins Wasser halten. Ooohh meeeiiin Gootttt! What a feeling! Was für eine Wohltat. Und auf das Geschwätz „man soll seine Füße nicht ins Wasser halten, wenn man noch weiterlaufen will, weil dadurch das Blasenrisiko steigt“ wollte ich gerade überhaupt nicht hören. Wir alle wollten das nicht hören. Hätte ich mal besser darauf gehört …