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Laufen kann wie Meditation sein

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Früher habe ich beim Laufen ständig auf meine Uhr geschaut, natürlich wegen der Pace. Oder ich habe zur Motivation mir die schönsten Zieleinläufe ausgemalt, die heroischsten Wettkampfabschnitte und wie meine Liebsten mich an der Strecke anfeuern. Ich habe wild visualisiert, analysiert und geplant. Je lauter die Musik in meinem Ohr, desto besser. Ich war mit meiner Aufmerksamkeit überall, nur nicht im Moment. Und schon gleich gar nicht in meinem Körper, vor allem, wenn Schmerzen kamen. Denn die wollte ich ja nicht spüren.

Heute übe ich mich darin, ganz in meinem Körper präsent zu sein und wahrzunehmen, was da gerade abläuft. Da ich gedanklich gerne durch die Lüfte fliege, ist es für mich noch wichtiger, den Boden WIRKLICH zu spüren. Neulich habe ich auf einer Fortbildung folgenden Satz gehört, der mir sehr gut gefällt: „Du kannst nur so hoch fliegen, so tief wie deine Wurzeln in die Erde reichen.“ Deshalb konzentriere ich mich jetzt noch mehr auf meine Füße. Früher habe ich viel über die Arme gesteuert, was beim Laufen auch wichtig ist, denn die Armbewergungen steuern wiederum die Beinbewegungen (Kniehub, Geschwindigkeit etc.) – nur habe ich dabei irgendwann die Verbindung zur Erde verloren.

 

Laufen ist Balance

Ich wundere mich heute, wie ich früher so schnell rennen konnte, denn meine Balance ist unterirdisch. Deshalb kamen wahrscheinlich auch irgendwann die ganzen Verletzungen. Unsere Füße sind unser Fundament. Wenn du schon einmal bei der Dorn-Therapie warst, weißt du, dass dein System von unten wieder aufgebaut wird. Wenn du schon länger läufst, weißt du, wie wichtig das passende Schuhwerk ist. Aber auch eine mentale Zentrierung. Deshalb ist in fast jeder Yogastunde eine Balanceübung dabei, wie z.B. der Baum, den fast jeder kennt. Der Baum ist fest verwurzelt und geerdet. Der Stamm ist fest und stabil. Die Äste sind flexibel und zur Sonne gerichtet. Aus dem Stabitraining kennst du bestimmt die Standwaage. Im Yoga ist das der Krieger III.

Warum ist Laufen Balance? Ganz einfach: Weil du, vor allem bei einem dynamischen Laufstil, nie mit beiden Füßen gleichzeitig aufkommst. Du hüpfst, im übertriebenen Sinn, von einem Fuß auf den anderen. Und wenn du schnell laufen willst, dann ist das Ziel, die Bodenkontaktzeiten zu reduzieren. Das heißt, du gehst mit der optimalen Vorspannung in den nächsten Schritt und nutzt zusätzlich den Energiereturn des Bodens – am besten ausbalanciert für jede Seite gleich.

Probiere mal folgende Mentalübung aus: Wenn du das Gefühl hast, dass die eine Körperseite sich kraftvoll und die andere sich schlapp anfühlt, welche Farbe kommt dir für die eine und die andere Seite in den Sinn? Nimm spontan die erste Farbe. Dann visualisiere beiden Farben je in der Körperhälfte, wo die sie wahrnimmst. Dann lass beide Farben ineinander fließen und sich mischen. Und, wie fühlt es sich jetzt an?

 

Laufen, Körperwahrnehmung & Yoga

Wie schon in meinem Schwimmbeitrag beschrieben, probiere ich immer wieder neue Dinge aus, um mich weiterzuentwickeln und meinen Körperwahrnehmung zu verfeinern. Ich nutze dazu meine Vorstellungskraft, indem ich zum Beispiel in meine Füße wandere und mit jedem Schritt den Boden abscanne. Ich nehme jeden Millimeter des Fußaufsatzes wahr und welche Auswirkungen es auf die darüber liegenden Strukturen hat.

Doris Kessel LaufworkshopIch kombiniere die Bandhas (Körperverschlüsse) aus dem Yoga mit dem Laufen, indem ich z.B. meinem Beckenboden anspanne. Wie so was geht? Stell dir vor, du musst auf die Toilette und hältst es zurück – so ungefähr fühlt sich das an ;-) Im Yoga nutzt man die Bandhas, um die Energie im Körper zu halten. Auch eine gute Sache. Und wenn du dabei noch stabiler wirst, dich mehr aufrichtest und deinem unteren Rücken stärkst, umso besser! Dann richte ich den Fokus auf mein Brustbein, indem ich es anhebe und unterstütze die Aufrichtung, indem ich mir eine Krone auf dem Kopf vorstelle. Ein Yogalehrer sagte mal in einer Fortbildung: „Stell dir vor, du machst den Sonnengruß wie ein König oder eine Königin – nimm den Unterschied wahr.“

Spüre selbst, was bei jeden Schritt passiert. Spüre deine Aufrichtung, den Abdruck über deine Großzehenballen, deine Atmung und nimm deine Gedanken war. Schrubbst du die Einheit nur runter oder genießt du wirklich fast jeden Schritt? Bist du in deinem Körper und auf der Erde? Oder schwirrst du gerade durch Raum und Zeit, durch Vergangenheit oder Zukunft? Klar ist das auch schön, nur dann verpasst du vielleicht einen wunderbaren Moment in der Natur, der dich auftanken und aufladen könnte, wenn du die Kraft der Bäume, des Himmels und der Erde mit all deinen Sinnen wahrnimmst.

Ach ja, ist auch nicht neu, aber macht gerade wieder richtig Spaß: Das Gehen in Barfußschuhen. Und nein ich bekomme keine Provision für den gleich folgenden Werbeblock ;-) – ich habe mir die Winteredition der Vikram Five Finger Schuhe geholt und ebenso die „Optische-Schuhversion“ der Leguanos. Mein Mann testet die auch gerade und wir beide merken sehr deutlich die veränderte Fußwahrnehmung beim Laufen. Ich kann mich noch sehr gut an den Nike Mayfly erinnern, das war die Vorversion des Free. Was war das für ein Laufgefühl! Ich habe danach einige andere Varianten ausprobiert, aber für mich kam kein Schuh mehr an dieses himmlische Laufgefühl ran – na vielleicht, weil ich mich auch mehr erden sollte ;-)


 

Lust auf mehr? In diesen Workshops geht es um das Thema „Laufen“:

Yoga & Lauftechnik

Lauftechniktraining

 

Mein Jakobsweg als Yogitriathletin – Teil 6: Vom Ende der Welt nach Hause

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doris_kessel_ende_der_weltKlar war ich enttäuscht. Doch tief in mir drinnen wusste ich genau, warum das passierte. Denn ich bin davon überzeugt, das nichts ohne Grund geschieht: Eigentlich wollte ich ans Meer, zum Ende der Welt. „Deine Seele lässt sich nicht verarschen“ – genau diesen Satz hatte Beatrice Reszat in dem „Mutmachbuch für Träumer“ geschrieben, das ich dabei hatte. Und ich wollte dieses Buch auf dem Camino GANZ lesen. Es fehlten noch einige Seiten …

Somit war klar, dass ich zwei Tage geschenkt bekam, auch wenn es sich im ersten Moment nicht so anfühlte, weil ich mich schon auf zu Hause freute. Ich sollte noch ans Meer. Also tat ich das und recherchierte nach Bussen von Santiago aus.

Santiago? Ganz ok.

doris_kessel_santiago_platzAls ich am nächsten Tag in Santiago ankam, wollte ich gleich weiter ans Meer und erst am Rückflugtag in die City. Leider fuhr der Bus erst in fünf Stunden. Also wieder Planänderung und auf in die Stadt.

Ehrlich gesagt hatte ich mir mehr erwartet. Vielleicht lag es auch daran, dass ich kein Fan bin von Städten mit Menschenansammlungen – und es war Sonntag. Meine Füße passten nur in meine Flip-Flops und wollte einfach nicht soviel rumlaufen. Zja, Pech gehabt Doris, nutze die Zeit und lauf los.

Also lief ich zur Kathedrale, die gerade renoviert wurde. Ja, der Platz, an dem die Pilger einlaufen, hat schon was und die Stimmung fühlte sich gut an. Jedoch hatte ich das Gefühl, dass ich persönlich wahrscheinlich enttäuscht gewesen wäre, wenn ich es auf biegen und brechen durchgezogen hätte, um laufenderweise hier anzukommen. Ich bin einfach den Challenge Zieleinlauf gewohnt :-) Und ich bin ein riesengroßer Fan von Meer und das wäre dann nicht mehr drin gewesen. Ich liebe Kaps, wie in Neuseeland das Cape Reinga, wo die tasmanische See auf den Pazifik trifft oder in Rügen das Kap Arkona – und nun wollte ich endlich ans Kap Finisterre!

Herberge oder Pension?

Am Busbahnhof lernte ich eine nette Littauerin kennen, die mir Fotos von ihrer Pension zeigte. Eigentlich wollte ich noch einmal in eine Herberge. Ja, schon witzig. Erst wollte ich das gar nicht. Dann stieg allerdings die Panik in mir hoch: Was ist, wenn ich bei Dunkelheit ankomme und sie auch ausgebucht sind wie das Hotel in Ponferrada? Das Risiko war mir in dem Moment zu groß. Und irgendwie wurde es mir ziemlich einfach gemacht, mit der Empfehlung meiner Bahnhofsbanknachbarin, dem WLAN-Zugang dort, der Buchungsmöglichkeit über das Internet und dem hammergünstigen Preis. Na gut, überzeugt.

Das beste war, dass ich in Finisterre von der Haltestelle nur einen kurzen Berg hinunterlaufen musste Richtung Meer. Also idiotensicher für Orientierungslose. Und da war sie schon, die Pension – sogar mit Meerblick. Danke, Universum :-)

Laufen ohne Rucksack

doris_kessel_0_km_kap_finisterraWas für ein Gefühl: Laufen OHNE Rucksack! Am nächsten Tag nahm ich nur mein Bauchtäschchen mit, gönnte mir noch ein Frühstück am Hafen und lief gleich danach zum Kap, das knappe drei Kilometer entfernt lag. Für den Nachmittag war Regen gemeldet, also wollte ich gleich am Vormittag los. Und meine Füße machten wieder mit. Danke, danke, danke.

Was für ein Katzensprung im Vergleich. Und was für ein mies-kaltes Wetter. Wo ich mich in den Mesetas noch nach einem eiskalten Pool sehnte, freute ich mich nun auf eine angenehm WARME Badewanne nach meinem Auflug.

Da stand ich nun vor dem letzten Kilometerstein mit der Aufschrift 0,00 K.M. Ein komisches Gefühl. Mir wurde wieder so bewusst, dass du nirgendwo hinkommen musst, um angekommen zu sein …

 

Jakobsmuschel kaputt

doris_kessel_muschel_zerbrochenAm letzten Abend wollte ich noch ein wenig meinen ausgeliehenen Rucksack sauber machen. In meinem Putzwahn ist mir dabei meine Jakobsmuschel kaputt gegangen, die den ganzen Weg über an dem Backpack hing. Sie ist das Erkennungszeichen für Pilger.

Ich wollte die Muschel doch so gerne in meine Muschelschale zu Hause legen, in der ich Muscheln aus der ganzen Welt seit Jahren sammle. Nun war sie kaputt. Aber ich wollte sie auch nicht wegwerfen. Ein Teil in mir wehrte sich massiv dagegen.

Plötzlich fing ich an, zu weinen wie ein Schlosshund. Wegen einer kaputten Muschel. Ich kam mir vor wie Tom Hanks in dem Film „Verschollen“, als sein Ball „Wilson“ davonschwamm. Und ich kam mir echt albern vor. Aber ich konnte nicht anders und musste mich von meinem Mann via Whats App trösten lassen.

Da fiel mir ein, dass ich für die Wanderschuhe Sekundenkleber eingepackt hatte, falls die Sohle abgehen sollte. Also versuchte ich die Muschel zu kleben. Dabei musste ich noch viel mehr weinen. Es erinnerte mich an die doris_kessel_muschel_geklebtTrennungsmonate in diesem Jahr und an ein Zitat, dass ich einmal gelesen hatte: „Man muss nicht immer alles gleich wegwerfen, wenn es nicht mehr funktioniert. Man kann es auch reparieren.“ Wir können alles reparieren und heilen. Es braucht nur seine Zeit. Und ja, es sieht nicht mehr aus wie vorher. Es hat einen Riss, der uns immer daran erinnert und trotzdem kann es noch viel besser halten als zuvor. Denn: Keine Freude ohne Leid, ohne Leid keine Freude. Alles bedingt sich gegenseitig. Und die Erinnerung hilft uns, die schönen Momente noch mehr genießen zu können (wenn der Nadel-im-Heuhaufen-suchende-Denker nicht so häufig dazwischen quatschen würde) …

Letzter Tag am Meer

doris_kessel_finisterre_meer_strandEigentlich war für meinen letzten Tag Regen gemeldet und da mein Flieger erst später am Abend ging, machte ich mir schon wieder Gedanken, wo ich die Überbrückungszeit verbringe, wenn ich aus der Pension mittags raus muss.

Und wieder kam es anders: Der Wettergott meinte es gut mit mir und schenkte mir einen sonnigen Tag, an einem lauschigen Plätzchen am Meer, zum Abschied nehmen.

Kennst du das, wenn es nach Hause geht? Mir fällt es dann oft schwer, einfach still zu sitzen. Ständig musste ich rumkramen und die Position verändern. Vor allem dann, als ich merkte, dass mein Handtuch auf Vogelkacke lag. Na ganz prima. Also, alles wieder zusammenpacken und Handtuch an der Stranddusche auswaschen. Grummel grummel.

Als ich fertig war, wollte ich wieder runter zum Meer und hob meinen Rucksack hoch. Was ich dann sah, zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht. Erst regt man sich wieder völlig umsonst über etwas total Banales auf – und dann wird einem gezeigt, für was es gut war. Unter meinem Rucksack war ein Schriftzug in Stein geritzt, den ich vorher überhaupt nicht wahrgenommen hatte. Dort stand „ANGEL“.

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Schlaflos in Barcelona

Wie immer war ich viel zu früh am Flughafen. Zum Glück hatte ich mein tolles Buch dabei, das die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes „verfliegen“ ließ, auch im Flieger nach Barcelona. Gerne hätte ich noch von der letzten tollen Herbergserfahrung in Barcelona erzählt, aber dem war leider nicht so. Ich kannte das schon aus Neuseeland. Diese übergroßen Herbergen sind so was von unpersönlich, steril und unwohlfühlmäßig. Ich kam mir in dem Vierbettzimmer vor wie im Knast. Ich war zwar alleine und es hätte ruhig sein können, aber das nächtliche Gewitter ließ mich nicht schlafen. Meine Ohrstöpsel wollte ich lieber nicht reintun. Nicht, dass ich noch den Wecker überhöre und den Flieger nach Nürnberg verpasse ;-)

Der Frühstückstisch mit Gummiweißbrot und pappigen Zuckerzeug lud nicht wirklich zum Verweilen ein. Was freute ich mich auf wirklich gesundes und abwechslungsreiches Essen! Leider hatte die Herberge doch keinen Flughafenshuttle, wie im Internet versprochen. Hm, Bus, U-Bahn oder Taxi? Nein, diesmal wollte ich nicht wieder umherirren und gönnte mir von den letzten Euros in meinem spartanischen Plastiktäschchen ein entspanntes Taxi.

Als ich im Taxi saß, deutete der Taxifahrer grinsend nach links aus dem Fenster und ich sah einen wunderschönen Regenbogen. Da war er wieder mein Regenbogen. Der mich schon das ganze Jahr seit meinem Geburtstag auf Lanzarote begleitete. Aber das ist eine andere Geschichte. Ja, manchmal braucht es erst ein reinigendes Gewitter, damit am Ende wieder die Sonne durch die Wolken scheinen kann – und du den Regenbogen sehen kannst. Es war nun so weit, ich durfte wirklich nach Hause.

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Wieder zu Hause

doris_kessel_sofaDu fragst dich vielleicht, ob ich es bereut habe, dass ich früher zurück bin. Ein Teil in mir war einfach froh, wieder im eigenen Bett schlafen zu dürfen, gesunde Sachen zu essen, sich behütet und beschützt zu fühlen – und natürlich auf dem Apfelsofa mit meinen Liebsten zu liegen. Du nimmst die Dinge einfach wieder ganz anders wahr. So wie die Backpacker in der U-Bahn oder die Menschen, die kein zu Hause haben. Natürlich war der andere Teil ein wenig wehmütig, wenn die Nachrichten meiner Pilgerfreunde kamen, wo sie gerade waren – und natürlich mein Ego, wenn die Frage kam: „Und, wie viel bist du gelaufen?“ Ja, so ticken wir Menschen in dieser Leistungsgesellschaft nun mal.

Erst dachte ich, dass ich viel zu kurz am Jakobsweg war und es doch lächerlich wäre, darüber zu schreiben, bis mich meine Freunde ermutigt haben. Danke dafür! Und: Welche Regel besagt, dass etwas so und so lang sein muss, um das mitzunehmen, was man gerade braucht? Mir kam es ewig vor. Und laut Einstein ist Zeit sowieso relativ ;-)

Ich habe in dieser Zeit viel über mich gelernt. Und dafür bin ich im Nachhinein sehr dankbar, auch wenn ich es in verschiedenen Situationen sicherlich nicht war. Trotzdem war alles genau richtig für mich. Der Jakobsweg hat noch mehr an meinem Kontroll-Planungs-Regelzwang gerüttelt. Und ich will noch weitaus mehr meine eigenen Regeln über Bord werfen, um dadurch mehr Freiraum für Möglichkeiten zu schaffen. Danke Camino, dass du mich so vehement aus meiner Komfortzone geschubst hast!

Vielleicht macht man sich auf den Weg, weil man auf ein mega-spirituelles Ereignis hofft. Ich fuhr zum Teil mit der Vorstellung hin, dass ich die ganze Zeit alleine und bei mir bleibe, nach jeder Wanderung Yoga mache und meditiere – und am Ende völlig bei mir selbst angekommen bin. Doch es kam alles anders. Und ich bin froh, dass ich all die Menschen treffen durfte. Denn die sind es, die den Camino wirklich ausmachen. Sowie die vielen kleinen magischen Momente. Die einen nennen es Zufall, die anderen Schicksal. Was auch immer. Das war mein Camino. Völlig anders als geplant. Und während ich hier schreibe, muss ich über mich selbst schmunzeln.

Danke an DICH

doris_kessel_jakobswegIch danke dir für’s Lesen und ich hoffe, es war für dich etwas dabei. Etwas zum Schmunzeln, etwas zum Nachdenken, etwas zum Weitergehen. Und vielleicht sollten wir uns einmal bei unseren Füßen bedanken, die uns jeden Tag durch unser, manchmal nicht so leichtes, Leben tragen. Egal wie weit, in welcher Geschwindigkeit, in welche Richtung, vorwärts oder rückwärts, humpelnd oder nicht. Wir gehen immer weiter, auch wenn wir nicht mehr können. Immer weiter.

Buen Camino!

Mein Jakobsweg als Yogitriathletin – Teil 5: Alles bleibt anders

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doris_kessel_bergeJa, was wollte ich wirklich tief in mir drinnen? Ich hatte mich am meisten auf die Berge gefreut. Und wenn noch Zeit blieb, wollte ich ans Meer. Offiziell endet der Jakobsweg zwar in Santiago di Compostela, aber für viele Pilger ist das Ende das Kap Finisterre, was auch als das „Ende der Welt“ bezeichnet wird. Da zog es mich ebenfalls hin. Und ich wollte natürlich früher nach Hause. Dann hatte ich sogar noch Urlaubstage übrig, für unseren ersten gemeinsamen Urlaub mit Wauwau :-)

Das Buffet an Möglichkeiten

Und plötzlich wandelte sich dieses Gefühl von „Ich-hab-keine-Ahnung-was-ich-machen-soll-und-steh-vor-dem-Nichts“ in ein Gefühl von „Ich-habe-alle-Möglichkeiten“. Als würdest du vor einem Buffet stehen und darfst wählen, was du jetzt in diesem Augenblick möchtest. Und du darfst dich jederzeit umentscheiden. Man muss nicht immer von A nach B gehen. Du kannst auch erst über C laufen oder rückwärts gehen oder B einfach überspringen. Das fühlte sich verdammt gut an!

Mein möglichkeitenproduzierender Kopf lief auf Hochtouren: „Wie komme ich am schnellsten zum Cruz de Hierro? Indem ich den Bus nach Astorga nehme und von dort nach Rabanal laufe. Das sind knapp 23 Kilometer. Dann kommt meine heißersehnte Bergetappe mit knapp 25 Kilometer, die in Molinaseca endet. Nur da gibt es keinen Bus, erst in Ponferrada. Das zusätzlich noch zu laufen, wäre wohl größenwahnsinnig … vielleicht könnte ich am nächsten Tag von Molinaseca noch ein Stückchen weiter laufen und im nächsten Ort mit dem Bus nach Santiago fahren und dann ans Meer …?“ Ich liebe Möglichkeiten!

Und schön hörte ich meine liebste Kollegin sagen: „Man kann sich nicht immer die Lorbeeren rauspicken.“ Wo steht das eigentlich geschrieben? Auf zum Extreme-Lorbeer-Rauspicking!

Laufen oder bleiben?

doris_kessel_astorga_burgIn Astorga angekommen, wollte ich mir erst die Kirche und die Burg ansehen. Erstaunlicherweise fühlten sich meine Füße viel besser an. Was ist der Körper doch für ein sich selbst regenerierendes Wunderwerk. Natürlich wollte ich es dann doch wieder wissen, was noch geht und nicht über Nacht bleiben. Also lief ich ganz gemütlich in den nächsten Ort, der drei Kilometer entfernt lag. Einfach so, um zu schauen, wie es läuft. Und es lief. Sogar bis zum nächsten Ort, wieder fünf Kilometer weiter. Ich genoss die Musik in meinem Ohr und musste sehr lachen, als von den Ärzten das „Lied vom Scheitern“. kam.

So lief ich von Ort zu Ort, ohne Etappenplan, einfach Stück für Stück. Bis ich tatsächlich am Abend in Rabanal war – und stolz wie ein Honigkuchenpferd, Oskar und Nachbar’s Lumpi gemeinsam. Da ich für mich beschlossen hatte, alleine zu bleiben, nahm ich mir ein Einzelzimmer in einem Hotel. Und kam mir ziemlich komisch vor beim Abendessen. Alle so waren so voll auf Schickimicki und ich saß da, mit meinem Trainingsoutfit. Und das Essen war naja. Teuer ist eben nicht immer gleichzeitig gut. Ich sehnte mich nach Jesus‘ Herberge zurück.

Endlich in die Berge!

doris_kessel_cruz_hierroIch glaube, ich hatte mich auf keine Etappe so gefreut, wie auf diese. Als ich aus dem Ort hinauslief war ich einfach nur glücklich mit mir selbst und genoss jeden Meter, den ich lief. Es fühlte sich richtig gut an. Wie sagte meine Mitpilgerin Nicole so schön: „Das Genießen im Prozess. Und nicht ständig To-Do-Listen abarbeiten.“

Ich liebe Bergauflaufen – und dann nach unten zu blicken und zu denken: „Das bin ich schon alles hochgelaufen.“ Das war cool!

Angekommen am Cruz de Hierro schmiss ich meinen mitgebrachten Stein auf den Hügel, so wie es der Pilgerbrauch ist. Neben mir stand eine Frau, die ganz arg weinte. Ihre Freundin drückte sie fest und sagte auf englisch, dass jetzt alles gut wird. Mit Tränen in den Augen lief ich weiter. Ich fühlte mich irgendwie leichter. Danke liebes Kreuz. Danke liebe Füße.

Vielleicht mögen die Spanier kein englisch sprechen, aber sie haben andere Qualitäten. Sie haben ein Herz für Pilger. Auf dem Weg wirst du von so vielen Leuten gegrüßt mit „Buen Camino“. An jeder Einkehrstation bekommst du kostenfrei Wasser aufgefüllt. Der Weg ist, außer in den Großstädten, wunderbar ausgeschildert oder mit Pfeilen auf dem Boden markiert. Sie haben ein Gottvertrauen mit dem Bezahlen, so auch auf dieser Etappe. Als ich durch den Wald lief, fand ich auf der rechten Wegseite einen Stand mit leckerem Obst und Riegeln auf Spendenbasis. Du wirfst einfach in die Dose, was du geben möchtest. Tolle Sache.

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16 Kilometer bergab

Okay, bis hierhin hatte ich wirklich Spaß. Und ich würde es immer wieder tun. Nur wünschte ich mir nun meine festen Schuhe wieder herbei. Der Weg war gepflastert mit Felsvorsprüngen und auch sehr glatten Steinplatten. Mal schnell runterlaufen war nicht mit den Schuhen – und zu fest wollte ich auch sie auch nicht schnüren, damit meine noch gequetschten Zehen weiterhin genug Platz hatten. Das ging auf die exzentrische Muskulatur. Und natürlich stieß ich trotzdem ständig mit den Zehen vorne an, es war einfach zu steil. Als ich an der Straße ankam, war ich so was von dankbar. Ein flacher Weg, jippie!

Nachdem der Asphalt mich ein wenig glücklich gemachte hatte, kam wieder ein Schotterweg nach unten. Verdammt. Autschi. Da waren sie wieder, die altbekannten Schmerzen. Als dann noch ein paar pfeifende Mountainbiker an mir vorbei fuhren, hätte ich sie am liebsten vom Fahrrad geschubst und ihnen ihren fahrbaren Untersatz unter dem Popo weggezogen! Einfach draufsetzen und runterrollern lassen. Ja, das wär’s jetzt.

Bleiben oder weiterlaufen?

doris_kessel_molinasecaZum Glück bin ich irgendwann in Molinaseca angekommen. Was für ein malerisches Örtchen. Alle saßen draußen und genossen die Sonne. Einige schwammen in dem Fluss unter der Brücke, über die ich lief. Ich suchte mir eine nette Einkehrstation mit WLAN und schrieb mit meinem Mann. Er hatte einen Flug gefunden, der Morgen Abend nach Hause ging. Mit Stop-over in Barcelona. Da war es wieder, die Sehnsucht nach zu Hause. Hm, wenn ich vielleicht doch noch bis Ponferrada weiterlaufe, könnte ich morgen mit dem Bus nach Santiago fahren und von dort aus heimfliegen …

Als ich aus dem Ort hinauslief schüttelte ich über mich selbst den Kopf. Meine Beine und Füße wollten einfach nicht mehr, aber mein Heimweh hatte die Oberhand gewonnen. Und meine Finger folgten ihm, indem sie eine SMS an meinen Mann schrieben, dass er bitte den Flug buchen soll und auch gleich den Bus von Ponferrada nach Santiago. Boah, war das aufregend.

Ein paar Minuten später kam eine SMS: „Flug ist gebucht.“ Ich freute mich. Wieder ein paar Minuten später kam die Nachricht: „Es gibt Probleme mit dem Bus, der ist ausgebucht.“ Das durfte mich wahr sein. Wie komme ich denn dann nach Santiago? Kurzzeitig ploppte das Kap Finisterre wieder in meinen Gedanken auf, aber ich verwarf es schnell wieder, als die nächste Nachricht kam: „Kommando zurück, es hat doch noch geklappt.“ Puh. Wow. Ich fliege Morgen nach Hause. Krass.

„Sorry, we are fully booked“

doris_kessel_ponferrada_templerburgJunge, Junge. Was war das für eine Tortur nach Ponferrada. Physisch wie psychisch. Ich dachte, ich komme nie an. Und der Vorort zog sich in die Unendlichkeit. Ich war fertig. Da konnte die Templerburg noch so schön sein, ich wollte da nicht mehr rein. Ich wollte nur noch ein Bett.

Witzigerweise hatte ich von einer Herberge gelesen, die „Nirvana“ hieß. Als letzte Herberge fand ich das irgendwie witzig. Nur leider war die Herberge auch im Nirvana. Nämlich nicht aufzufinden. Zumindest hatte ich die Busstation, nach gefühlten zehn Mal nachfragen, endlich gefunden. Hier musste es doch irgendwo ein Bett zum Schlafen geben! Ich wollte keinen Meter mehr gehen. Zum Glück traf ich einen netten Spanier, der deutsch sprach, da er jahrelang in Deutschland lebte. Er sagte mir, dass die nächsten Herberge ca. vier Kilometer weg war. Was? Das war mir zu weit. So brachte er mich bis zur nächsten Hoteltür. Thank God!

Da stand ich nun. Völlig durchgeschwitzt in der feinen Hotellobby und es war gerade eine Hochzeitsfeier im Gange. Ich fühlte mich überhaupt nicht underdressed. Nein, nein. Und die Blicke der Gäste machten mir auch gar nichts aus. Nein, nein.

Mitleidig sah mich der Portier an, als ich ihn um ein Einzelzimmer fragte und er antwortete: „Sorry, we are fully booked“. Buhuuuu! Das konnte nicht wahr sein. Ich will doch nur ein Bett. Er sah meinen verzweifelten Blick und telefonierte ein wenig herum, bis er etwas passendes für mich gefunden hatte. Ein netter Portier. Und er bestellte mir gleich ein Taxi, das mich zu meinem Bett brachte.

Morgen ist doch der 11. und nicht der 13. September?

Ein Bett. Eine Dusche. WLAN. Und mein Flugticket nach Hause per E-Mail. Ich hatte alles, was ich brauchte. Jetzt benötigte ich nur noch eine Übernachtungsmöglichkeit in Barcelona und für Morgen frische Kleidung. Also checkte ich meinen Rucksack, ob ich noch einmal waschen musste. Irgendeine Stimme in mir, war der Meinung, dass ich noch waschen sollte, aber da war doch noch ein frisches Shirt mit Hose …?

Ich schaute noch einmal auf die Flugdaten. Plötzlich sah ich, dass da nicht der 11. September, sondern der 13. September stand. Aber Morgen war doch der 11. September? Ich schrieb meinen Mann, da ich komplett verwirrt war. Es stellte sich heraus, dass die Fluggesellschaft ihm einen Alternativtermin vorgeschlagen hatte und in der Vorfreude-Hektik hatte er es nicht gemerkt …

Mein Jakobsweg als Yogitriathletin – Teil 4: Über das Scheitern

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An diesem Tag meinten meine Füße es gut mit mir. So hatte ich Kraft, Nina zu unterstützen, die trotz ihrer Schmerzen weiterlaufen wollte. Tim gab ihr seine Stöcke, damit sie ihren Fuß etwas entlasten konnte, Mischa trug zum Teil ihren Rucksack und ich versuchte sie abzulenken und zum Lachen zu bringen. Kilometer um Kilometer quälte sie sich über die Strecke. Von Verpflegungspause zu Verpflegungspause. Von Ort zu Ort. Wie gut konnte ich mich in sie reinversetzen. Und wie dankbar war ich über meine neuen Sandalen, die tatsächlich viel viel besser waren, als die Wanderstiefel. Noch.

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Ich diskutierte mit Tim über Philosophie und erzählte ihm, als es bergauf ging, wie sehr ich mich auf die Berge und das Cruz de Hierro freute. Dort ist es ein alter Pilgerbrauch, einen mitgebrachten Stein abzulegen und damit auch all seine Sorgen, Probleme, Ängste oder Schmerzen. Davon hatte ich dieses Jahr genug abzulegen.

Dann blickte ich in das schmerzvolle Gesicht von Nina an der Hand von ihrem Freund Micha und ich war so dankbar, dass ich heute einfach laufen konnte.

 

Im Blasenpflaster-Shoppingrausch

Nach 23 Kilometer waren wir am nächsten Etappenziel angekommen. Hut ab Nina. Klasse gekämpft. Sie konnte es selbst kaum glauben, dass sie es geschafft hatte. Angekommen in einer äußerst coolen Herberge, mit abgetrennten Betten im Schlafsaal und tollen Matratzen, zog ich gleich weiter in die Apotheke und in den Supermarkt. Glückselig mit drei Packungen Blasenpflaster, Arnika-Gel und leckerem Obst kam ich zurück. Neben dem Standard-Bocadillo mit Käse und Tomate brauchte ich heute mal was Frisches. Und wir gönnten uns zusammen eine Waschmaschine. Ich schwelgte quasi im Luxuskomfort.

Beim Abendessen wurde unsere Runde wieder größer. Am Tisch saßen weitere Vertreter aus Deutschland, Spanien und Amerika. Unter anderem gesellte sich noch Nicole zu uns. Als sich unsere Blicke trafen, ahnte ich irgendwie, dass wir morgen zusammen weiterlaufen würden. Nina, Micha und Tim wollten morgen nicht soviel laufen. Ich musste nach meinem dämlich-strikten Zeitplan jedoch in zwei Tagen in León sein und hatte 31 Kilometer auf dem Programm. Nicole gefiel der Plan und so liefen wir tatsächlich an nächsten Tag zusammen weiter. Es war nun so weit, sich von meinen Pilgerfreunden zu trennen, die mir soviel gezeigt hatten.

 

Abschied

doris_kessel_abschiedJa, es machte mich ein wenig traurig, als ich mich von den Dreien nach unserem letzten gemeinsamen Frühstück verabschiedete. Es ist schon erstaunlich, wie dir Menschen so schnell ans Herz wachsen können.

Also liefen Nicole und ich weiter Richtung Religios. Gönnten uns zwischendurch einen leckeren Smoothie und Gemüse. Nicole war auch Vegetarierin. Sie machte Yoga, hatte sich schon sehr intensiv mit sich selbst auseinandergesetzt und interessierte sich ebenfalls für psychologische Themen. Wir hatten also genug Gesprächsstoff für den ganzen Tag :-)

Am Spannendsten fand ich das Thema ihrer Doktorarbeit. Sie schrieb über das Scheitern. Exakt. Das Scheitern. Am zentralsten war für mich der Satz „Knowing when to quit“. Und da war es wieder, mein Heimweh. Nach meinem Mann, unserem Hund und nach Rumlümmeln auf unserem nagelneuen apfelgrünen Sofa, das an diesem Tag geliefert wurde.

doris_kessel_stein_loveUnd wir sprachen auch über die Liebe, Liebeskummer und Schmerzen. Da läufst neben jemand wildfremden und unterhältst dich, als würdest du dich schon jahrelang kennen. Das kann dir nur am Jakobsweg passieren.

Irgendwann begannen meine Füße wieder zu schmerzen. Ich musste anhalten. Ich hatte mir eine Blutblase gelaufen. Bei mir hilft da nur eins: aufstechen. Also, alles rauskramen, desinfizieren, aufstechen, Blasenpflaster drauf und weiter geht’s. Aber so locker ging es dann doch nicht mehr, denn ich hatte wieder Hitzepusteln an den Füßen und das Reiben der Socken machte es nicht besser.

Knowing when to quit

Somit war ich wieder am gleichen Punkt angekommen wie in Villalcázar. Nicole meinte, dass es am Jakobsweg vielleicht die Menschen gibt, die lernen müssen, sich durchzubeißen und die, die lernen dürfen, wann es Zeit ist, damit aufzuhören, sich zu quälen. Bei diesem Gedanken musste ich fast heulen. Ja, ich quälte mich. So wie damals 2013, als ich mir eingebildet hatte mit einer entzündeten Achillessehne und einer Bandscheibenvorwölbung eine Langdistanz zu machen und den Marathon, ohne Gehen, durchzulaufen. So etwas wollte ich meinem Körper nie wieder antun. Ich wollte mich nie wieder quälen. Und am Camino tat ich es wieder: Tag für Tag. Wenn ich keine Schmerzen hatte, hatte ich Heimweh. Wollte ich das wirklich? Etwas in mir sagte: NEIN! Und dann war mir plötzlich bewusst, dass ich keine drei Wochen hier bleiben werde. Ich wollte nach Hause und das möglichst bald.

Gesagt, getan: Als wir in der Herberge ankamen, recherchierte ich schon einmal nach Flügen ab León. Allerdings waren die viel zu teuer. Andere Flüge gab es erst in ein paar Tagen ab Santiago. Ich wollte auch noch nach dem Abendessen mit meinem Mann darüber sprechen.

Glücklicherweise waren wir in einer Herberge, die vegetarisches Essen hatte. Und nicht nur das: sie war einfach so was von wohlfühlmäßig: Alles neu, hell, freundlich, mit Garten – und: Yogaraum :-) Betrieben wurde diese von Jesus (ja, er hieß tatsächlich so) und seiner Tochter Ada. Witzigerweise war Ada’s Hund ein Golden Retriever, so wie unserer.

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Und falls du dich auch vegetarisch ernährst und den Camino laufen willst, habe ich gleich mal den dortigen Plan an der Pinnwand fotografiert. Ist leider mit dem Handy ein wenig unscharf geworden.

Deutschland, England & Neuseeland

Der Abendessenstisch war erneut international bunt gemischt. Eine Pilgerin kam sogar aus Neuseeland. Ich war wieder beeindruckt, wie viele junge Leute hier unterwegs waren. Und das Essen war sowas von lecker. Jesus zauberte uns ein 4-Gänge Menü und wir alle waren uns einig, dass es das BESTE Essen war, vom ganzen bisherigen Camino.

James aus London erzählte, dass er Morgen mit Jesus und seiner Tochter zur nächsten Bushaltestelle fährt, um dort den Bus nach León zu nehmen. Er hatte das gleiche Problem wie ich: Blasen. Bei mir war noch der untere Rücken dazu gekommen. Ich hatte ja schon vor Jahren Probleme mit meinen Bandscheiben. Mein linker Oberschenkel war fast dauertaub und fühlte sich zeitweise an, als würde er verbrennen. Auch der linke Hüftbeuger war, trotz ständigen Dehnens, total verkürzt. Das war nicht gut.

Als James mich fragte, ob ich mitfahren möchte, merkte ich, wie sich ein Teil in mir weigerte. Ich hätte nie gedacht, dass es mir das so eine Überwindung kostet. Deshalb sagte ich zu James erst einmal, dass ich es noch nicht wüsste. Vielleicht ging es ja doch irgendwie … ich hatte ja erlebt, wie schnell sich die Füße über Nacht erholen. Doch nicht aufgeben und weiterlaufen?

Busfahren? Busfahren!

Nach dem Telefonat mit meinen Mann war ziemlich klar, dass ich mit dem Bus fahre. Er vermisste mich auch und wollte nach einem Flug suchen, der mich schnell nach Hause brachte.

Also nahm ich am nächsten Morgen wieder Abschied, diesmal von Nicole und stieg ins Auto ein. Was für ein komisches Gefühl, gefahren zu werden. Angekommen in León wollte James in die Stadt und fragte, ob ich mitkäme. Aber ich wollte alleine sein. Somit verabschiedete ich mich auch von ihm und ging erst einmal auf die Busbahnhofstoilette, um die Flipflops mit den Sandalen zu tauschen und meine Füße zu verarzten.

Da saß ich nun und hatte absolut keine Ahnung was ich tun sollte. Nach León zum Flughafen fahren und dort spontan nach Flügen kucken? Oder mit dem Bus nach Santiago? Oder vielleicht noch ans Meer? Mir schoss die zentrale Frage aus Veit Lindaus Büchern in den Kopf, die ich mir immer wieder gerne stelle: „Was willst du WIRKLICH WIRKLICH?“

Mein Jakobsweg als Yogitriathletin – Teil 3: Ich liebe Sandalen!

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doris_kessel_sandalenNachdem ich dann doch noch nach Hause telefonieren konnte, sogar per Face-Time, vom WLAN des Restaurants, wo wir aßen, wurde meine Stimmung wieder besser. Und ich kam mir so doof vor. Wie eine verwöhnte Göre. Tim hatte als Student nun mal nicht viel Geld und die Herberge war kostenfrei, auf Spendenbasis. Die Nacht war zwar der Horror, weil ich jedes Mal aufwachte, wenn sich der Japaner unter mir umdrehte. Und ab 4 Uhr war die Nacht sowieso vorbei, da das allgemeine Rucksack-Gekrame der anderen Pilger losging – und ja, ich hatte Ohrstöpsel dabei ;-)

So, was mache ich nun? Die Wanderschuhe wollte ich nicht mehr anziehen und auch nicht mehr mit mir rumschleppen. Also steckte ich einen Zettel in die Schuhe „Shoes for free“ und ließ sie in der Herberge. So machen Pilger das. Jeder lässt was da, was er nicht mehr braucht. Ich konnte mir nun ein Taxi zum nächsten Ort bestellen und Terrys Schuhladen suchen. Öffnungszeiten gab es im Internet keine. Was, wenn sie keinen passenden Schuhe für mich haben? Willkommen in der Ungewissheit.

Da denkst du, es ist für dich gelaufen. Du hast keine Ahnung was kommt. Und dann leiht dir Tim seine Sandalen und du kannst prima damit laufen. Der Laden im nächsten Ort macht nahezu in dem Moment auf, als du dort ankommst und es gibt sie: die Terry-Wunderschuhe. Ich liebe sie. Noch.

18-Kilometer-Durststrecke

Nun ging sie los, die 18-Kilometer-Non-Stop-Strecke. Im Wanderfrüher stand, man soll unbedingt genug zu trinken einpacken, da es auf dieser Etappe nichts gibt. Deshalb soll es, aufgrund des nicht vorhandenen Schattens, eine der härtesten und auch spirituell erfahrungsreichsten sein.

Wir hatten für heute entschieden, dass wir alleine laufen wollen und uns im nächsten Ort in der Herberge „Real Camino“ treffen. Gesagt, getan. Ich hatte 2,5 Liter Wasser dabei, das musste reichen. Ist ja auch Gewicht. Also stapfte ich mutig aus der Stadt heraus ins Niemandsland. Am Ortsausgang sah ich eine junge Frau mit einem langen, geflochtenen strohblonden Zopf und unglaublich hellen Augen, die sich gerade Wasser an einem Brunnen zapfte. Wir grüßten uns und ich ging weiter.

doris_kessel_mesetas_weg_endlosWegweiser brauchte man auf dieser Strecke nicht, denn es ging immer nur gerade aus. Ich konnte mich also schon mal nicht verlaufen. Was war ich dankbar für Tims Sandalen, die waren sowas von bequem. Meine Füße waren frei und konnten atmen. Und meine neuen Schuhe wollte ich erst ab Morgen anziehen. Hach, was für ein tolles Gefühl. Alles war plötzlich wieder gut.

Da hörte ich von rechts eine Stimme auf englisch – es war die Blondine mit den Wahnsinnsaugen. Wir kamen ins Gespräch. Ich erfuhr, dass sie Sara hieß und aus Schweden stammt. Und ich weiß nicht mehr wie, aber irgendwann kamen wir auf Yoga, Meditation und auf das Buch „Jetzt – die Kraft der Gegenwart“ von Eckart Tolle. Ich war total in meinem Element und vergaß alles außenherum. Irgendwann stand rechts ein Getränkeverkäufer mitten in der Pampa. Der kam für viele bestimmt wie gerufen. Also machten wir eine kurze Verpflegungspause und liefen weiter.

Die Zeit verging wie im Flug. Wir kannten uns überhaupt nicht und hatten trotzdem so ein tolles Gespräch mit Tiefgang. Ohne unnötiges Blabla wie „Heiß, heute, hm?“. Ein Satz von Sara ging mir Tage später nicht mehr aus dem Kopf. Sie sagte mit solcher Leidenschaft: „I love to walk.“ Ich fragte mich ernsthaft, ob ich Laufen liebe. Laufen im Sinne von Joggen ja, aber Laufen im Sinne von gehen? Das gab mir zu denken.

Magic Moments

Wir diskutierten auch über Minimalismus vs. Materialismus – und wenn mir ein englisches Wort nicht einfiel, half Sara mir aus ;-) Als ich meine Yogalehrerinnen-Ausbildung machte, meinte ich, ich müsste total abstinent sein. Denn wenn man mit sich selbst im Reinen ist, braucht nicht ständig neue Dinge, um sich selbst aufzuwerten. Blablablubb. Bis ich irgendwann begriffen hatte, dass das ja auch nur wieder eine dieser selbst auferlegten Regeln ist. Sara erzählte mir von dem Buch „Der Mönch, der seinen Ferrari verkaufte“. Der Autor bestätigt genau das, und, dass es im Leben darum geht, die Dinge einfach bewusst (natürlich nicht verschwenderisch) zu genießen und sich nicht immer so viele Gedanken zu machen.

Plötzlich kam von rechts aus dem Nichts ein Windwirbel, der durch uns hindurchfegte und auf der linken Seite wieder abebbte (Nina erzählte mir am Abend, dass sie diesen sogar in der Ferne sahen). Es war ansonsten komplett windstill. Sara und ich sahen uns nur an und mussten lachen. Es war wie eine Bestätigung: Ja, genauso ist das. Das Leben einfach genießen!

Ich bin im Himmel: Pool, Badewanne, WLAN & Steckdosen

doris_kessel_sonnenblume_herzDie nächsten Herberge, die auch ein extra Haus mit Einzelzimmern hatte, war einfach der Knüller. Sie hatte einen Pool. Einen wunderbar erfrischenden Pool. Wie macht man Pilger glücklich? Mit einem Pool! Habe ich schon erwähnt, dass die Herberge einen Pool hatte? :-)

Und mein Zimmer hatte ein eigenes Bad mit BADEWANNE! Durch mein Zimmerfenster konnte man direkt in die weiten Sonnenblumenfelder blicken.

Manche Pilger machen Motive zur Motivation in die Blumen, z.B. Smileys oder ein Herz. In vielen Herbergen gibt es an den Pinnwänden auch kleine Zettel zum Abreißen, z.B. mit der Aufschrift „Strength“, „Love“, „Trust“, je nach dem, was man an den Tag brauchte. Ich mag so kleine Dinge, die einem ein Lächeln auf die Lippen zaubern.

Du weißt die Dinge erst zu schätzen, wenn du sie nicht mehr hast

Ich fühlte mich wahrlich wie im Himmel und konnte alle meine Sachen aufladen: Handy, Garminuhr, Fotoapparat. Es war ruhig. Ich hatte Platz. Hach, war das toll. Ja, so lernt man wirklich die Dinge wieder zu schätzen. Ganz banale Dinge. Geil.

Falls du vorhast, den Camino zu gehen, kann ich dir zwei Dinge empfehlen: ein Dreifachstecker (damit es dir nicht so geht wie mir) und eine Offlinekarte – so siehst du, auch ohne WLAN, über GPS, wo du gerade bist. Micha hatte so was. Tolle Sache. Runterladen in dem spanischen Herbergs-Schnarchi-Netz, ist nicht zu empfehlen.

Leider ging es Nina gar nicht gut. Ihre Blase an der Fußsohle machte ihr zu schaffen. Sie wusste nicht, ob sie morgen weiterlaufen konnte. Natürlich würde Micha bei ihr bleiben. Und alle hatten ja noch genug Zeit. Nur ich hatte diesen dämlichen Etappenplan, dass ich rechtzeitig in Santiago bin, wenn der Flieger nach Hause geht. Deshalb: Plane dir unbedingt Puffertage ein. Wenn ich noch mehr Urlaub gehabt hätte, hätte ich das in jedem Fall gemacht.

Irgendwie machte mich der Gedanke traurig, dass wir uns trennen würden. Ich war noch nicht bereit, wieder alleine weiter zu laufen …

Mein Jakobsweg als Yogitriathletin – Teil 2: Ich will nach Hause …

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Ja, es sah nicht gut aus um meine Füße. Aber ich hab’s ja nicht anders gewollt. Also Zähne zusammen beißen und weiter laufen. Und was habe ich mich noch vor ein paar Stunden innerlich über die plappernden Franzosen hinter mir aufgeregt, als ich alleine war. Und wie dankbar war ich nun für die tolle Gesprächsablenkung mit Nina, Mischa und Tim. Zwar kam ich mir alterstechnisch ein bisschen wie die Mama vor, da alle zwischen 20 und 27 Jahren waren – aber so was von „weit“. Ich wäre mit 22, wie Tim, nie auf die Idee gekommen den Jakobsweg zu laufen, schon gar nicht ganz. Und das beste: Tim mag keinen Sport und Laufen auch nicht. Und jeden Tag überwindet er seinen inneren Schweinehund auf’s Neue. Respekt.

doris_kessel_hontanas_schildNach ca. 1,5 Stunden sahen wir das nächste Schild und waren erst einmal richtig geschockt. Irgend so ein Witzbold hatte die Kilometerangaben verfälscht: Noch 10.5 Kilometer bis Hontanas??? Zum Glück haben wir beim Näherkommen die äußerst gemeine Niedertracht entlarvt und waren umso erleichterter, vor allem, als die ersten kleinen Häuschen zu sehen waren. Und noch toller waren die Menschen, die dort beim Essen saßen und geklatscht haben, als wir ankamen. Ja, fast ein bisschen wie ein Zieleinlauf-Feeling.

HUNGAAAAA!!!

Boah hatte ich Hunger, boah war ich fertig. Und ehrlich gesagt, konnte ich keinen großen Unterschied zu einer Langdistanz doris_kessel_erstes_pilgermenueerkennen. Die Beine taten fast genauso weh. 20 Kilometer wollte ich laufen, 31 Kilometer sind es geworden. Oh Mann, dieses Ego. Jedenfalls war mein erstes Pilgermenü hammerlecker. Und ich habe gemerkt, dass es mit dem vegetarischen Essen schwierig werden wird. Zumal mir Veganerin Nina erzählte, dass die Spanier zwar „vegetarisch“ drauf schreiben, aber trotzdem Fleisch drinnen ist. Sie haben die Logik, dass ja auch Gemüse drin ist. Aha.

Achja, da war ja noch die Sache mit der Pension. Nachdem ich mich in der Truppe so wohl gefühlt habe, bin ich mit in eine Herberge. Und tataaaa: es gab sogar Einzelzimmer. Also gar nicht schlimm. Bis auf die Hitze, die mich nicht so gut hat schlafen lassen. Und der nachhaltige Schock, dass die drei immer um 6 Uhr rum aufstehen, um möglichst früh loszulaufen. Jesus Christ. Na gut, adios geliebtes Ausschlafen, ciao langes im Bett Rummurmeln. Tschüss Urlaub, hallo Trainingscamp.

Wenn du denkst, es geht nicht mehr …

… kommt von irgendwo ein Compeedpflaster her. Ich glaube, das ist DIE Haupteinnahmequelle der Spanier auf dem Camino: Blasenpflaster. Nina und ich wollten schon eine Compeed-Komplett-Socke erfinden. Einmal anziehen, fertig. Das wäre doch mal was. Vielleicht liest ja jemand den Blog, der die erfindet. Dankbar bin ich auf jedem Fall dem Erfinder der Kompressionsstrümpfe. Die haben mir den 2. Wandertag versüßt. Ebenso war ich dankbar für den Erfinder der äußerst praktischen Ärmlinge, der Gittertapes für meine schmerzende Schulter, der kleinen Doppelball-Blackroll für meine Fuß- und Rückenmuskulatur (nein, ich bekomme dafür keine Provision) – und natürlich für die tollen Eindrücke, die Landschaft, die Sonne und Mahou.

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Mahou? Das war vor einer Kirche (Ort habe ich vergessen, es waren so viele) ein alter, weiser Mann mit einem mindestens genauso alten Fahrrad. Nina kam mit ihm ins Gespräch und er hat uns von seinem Tag erzählt: Voller Achtsamkeit. Voller Entschleunigung. Voller Minimalismus. Das klang schön. Als wir ihn fragten, wie er heißt, sagte er: „Today, I’m Mahou“ – keine Ahnung, ob die Schreibweise stimmt. Und ja, er sprach richtig gut englisch. Und er kannte sich hervorragend mit mentalem Training aus. Er sagte: „Always remember, your mind ist already in Santiago“. Und ich sagte: „Yes, your mind can be everywhere.“ Als sich unsere Blicke trafen, war es wie einer dieser kleinen „Magic Moments“. Du weißt genau, was der andere meint, ohne weiter darüber sprechen zu müssen. Und Maohu begleitete uns dann den ganzen Tag, denn plötzlich sahen wir ständig die Getränkeschilder, wo dieser Name drauf stand ;-)

Herbergen sind gar nicht schlimm

doris_kessel_balkon_albergueFür diese Nacht kamen wir gar nicht drum herum in einer bestimmten Herberge zu übernachten. Nina und ich waren schon überzeugt, als wir vor ihr standen. Denn auf dem Schild stand: Vegeterian & Vegan Food. Rein da! Und wir bekamen sogar einen Private Room mit drei großen Betten. Was für ein Luxus. Und los ging der normale Pilgerwanderungs-Nachwahnsinn: Duschen, Wäsche waschen, essen. Ich sag ja, fast wie auf Lanzarote im Trainingscamp. Diesmal gesellten sich ein Italienerpärchen und Terry aus den USA zu uns an den Tisch.

„What? 4.30?“ Die jungen Italiener liefen jeden Tag um diese Zeit los. Was bin ich doch für ein Komfortzonenjunkie. Nachdem mein Kinnladen so langsam wieder in Normalposition gerückt war, erzählte uns Terry, dass sie jeden Tag so 40 Kilometer lief. Buhuuu. Streu Salz in meine „Ich-würde-ja-so-gerne-aber-meine-Blasen-lassen-es-nicht-zu-Wunde“. Und sie legte noch eines drauf: Nachdem ihre Schuhe kaputt gingen, wollte sie, nur Not, noch einmal zurück nach Burgos, um sich da welche zu kaufen. Und dann wollte sie das Ganze noch einmal laufen. PFFF! Zum Glück hatte die Herbergsfrau, mit dem leckeren Abendessen, einen Flyer von einem Schuladen im übernächsten Ort. Wenn ich da schon geahnt hätte, dass diese Information für mich noch äußerst wichtig werden sollte.

„Spaß ist was anderes“

doris_kessel_sonnenaufgangDas war immer mein Spruch im Wettkampf, wenn es kein guter Tag war. Und genauso war Tag Numero drei. Ich konnte einfach nicht mehr in diesen Betonklötzen laufen. Auch wenn der Sonnenaufgang noch so schön war.

Meine Füße waren garniert mit Blasen, blau gequetschten Zehchen und verfeinert mit Hitzepusteln. Mein ganzes System weigerte sich vehement, noch einmal diese doofen Schuhe anzuziehen. Zum Glück lieh mir Nina ihre Asics-Laufschuhe. Jaja, ich weiß. würde ich für den Wettkampf niemals machen. Fremde Schuhe, auch noch mit einer Pronationsstütze für eine Supiniererin. War mir in dem Moment sch … egal. Ich wollte einfach nur Platz für meine geschundenen Füßchen und war endlos dankbar. Einige Zeit ging es auch gut.

An diesem Tag war meine Motivation sowas von im Keller und ich war so froh für das Coaching der anderen. Ja, am Jakobsweg sind alle irgendwie gegenseitige Coaches. Jeder hilft dem anderen, entweder mit Worten oder bequemeren Schuhen.

Im Pilger-Paradies

Durch Zufall fanden wir für unsere letzte Pause für den Tag eine kleine Oase in einer Herberge – mit Pool! Wie schnell man so ein Pilgerherz zum Höherschlagen bringen kann. Man nehme einen Pool, gesalzene Nüsse und Chips, Orangensaft mit Eiswürfel in einem grünen Garten. „Ich will hier bleiben, schrie mein Herz!“ Und tatsächlich hatten wir kurz überlegt, ob wir bleiben sollten. Aber wir hatten am nächsten Tag eine Etappe vor uns, die einen Abschnitt mit 18 km ohne Wasserstelle hatte. Plus den nun restlichen Kilometern war das einfach zu viel. „Na gut. Beim nächsten Mal vielleicht.“ sagte irgendeine Stimme in mir. Waaaaaas??? Es gibt kein nächstes Mal, Doris, du bist wohl komplett wahnsinnig!

Rein in die Flip-Flops

Nachdem ich weder in die Wanderstiefel wollte, noch in die Laufschuhe, blieben nur meine Flip-Flops. Ja, ich weiß. Schienbeinkantensyndrom vorprogrammiert. Egal. Dieser Schmerz war mir gerade lieber. Und tatsächlich ging es ein paar Kilometer gut und wir kamen irgendwann im nächsten Ort an. Frag nicht wie. Und dann wollte ich keinen Schritt mehr laufen. Wieder eine Herberge? 12-Bett-Zimmer? Egal. Ich wollte einfach nur stehen bleiben. So wie am Ende einer Langdistanz. Ja, das Gefühl kannte ich. Und die Blasen und gequetschten Zehen machten mich fertig.

kathedrale_aufgebenDa war ich nun. Im 12-Bett-Zimmer. Und natürlich waren nur noch die oberen Betten frei, d.h. rauf und runter steigen. Wer einmal einen Marathon oder Ironman gemacht hat, weiß, wie sich das anfühlt, das Runtersteigen. Kein Spaß. Vom Wackeln und Quietschen der Gestänge wollen wir gar nicht reden. Und den mangelnden Steckdosen für mein Handy, das fast leer war. Und dem nichtfunktionierendem WLAN, das mich mit zu Hause verbinden sollte. Ich musste raus hier. Ein bisschen weinen und zu Hause anrufen. Natürlich ging niemand hin. Da saß ich nun auf der Treppe der Kirche in Villalcázar und fragte mich, warum ich das eigentlich mache und was ich mir beweisen will. Ich wollte einfach nur noch nach Hause …