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Ja, es sah nicht gut aus um meine Füße. Aber ich hab’s ja nicht anders gewollt. Also Zähne zusammen beißen und weiter laufen. Und was habe ich mich noch vor ein paar Stunden innerlich über die plappernden Franzosen hinter mir aufgeregt, als ich alleine war. Und wie dankbar war ich nun für die tolle Gesprächsablenkung mit Nina, Mischa und Tim. Zwar kam ich mir alterstechnisch ein bisschen wie die Mama vor, da alle zwischen 20 und 27 Jahren waren – aber so was von „weit“. Ich wäre mit 22, wie Tim, nie auf die Idee gekommen den Jakobsweg zu laufen, schon gar nicht ganz. Und das beste: Tim mag keinen Sport und Laufen auch nicht. Und jeden Tag überwindet er seinen inneren Schweinehund auf’s Neue. Respekt.

doris_kessel_hontanas_schildNach ca. 1,5 Stunden sahen wir das nächste Schild und waren erst einmal richtig geschockt. Irgend so ein Witzbold hatte die Kilometerangaben verfälscht: Noch 10.5 Kilometer bis Hontanas??? Zum Glück haben wir beim Näherkommen die äußerst gemeine Niedertracht entlarvt und waren umso erleichterter, vor allem, als die ersten kleinen Häuschen zu sehen waren. Und noch toller waren die Menschen, die dort beim Essen saßen und geklatscht haben, als wir ankamen. Ja, fast ein bisschen wie ein Zieleinlauf-Feeling.

HUNGAAAAA!!!

Boah hatte ich Hunger, boah war ich fertig. Und ehrlich gesagt, konnte ich keinen großen Unterschied zu einer Langdistanz erkennen. Die Beine taten fast genauso weh. 20 Kilometer wollte ich laufen, 31 Kilometer sind es geworden. Oh Mann, dieses Ego. Jedenfalls war mein erstes Pilgermenü hammerlecker. Und ich habe gemerkt, dass es mit dem vegetarischen Essen schwierig werden wird. Zumal mir Veganerin Nina erzählte, dass die Spanier zwar „vegetarisch“ drauf schreiben, aber trotzdem Fleisch drinnen ist. Sie haben die Logik, dass ja auch Gemüse drin ist. Aha.

Achja, da war ja noch die Sache mit der Pension. Nachdem ich mich in der Truppe so wohl gefühlt habe, bin ich mit in eine Herberge. Und tataaaa: es gab sogar Einzelzimmer. Also gar nicht schlimm. Bis auf die Hitze, die mich nicht so gut hat schlafen lassen. Und der nachhaltige Schock, dass die drei immer um 6 Uhr rum aufstehen, um möglichst früh loszulaufen. Jesus Christ. Na gut, adios geliebtes Ausschlafen, ciao langes im Bett Rummurmeln. Tschüss Urlaub, hallo Trainingscamp.

Wenn du denkst, es geht nicht mehr …

… kommt von irgendwo ein Compeedpflaster her. Ich glaube, das ist DIE Haupteinnahmequelle der Spanier auf dem Camino: Blasenpflaster. Nina und ich wollten schon eine Compeed-Komplett-Socke erfinden. Einmal anziehen, fertig. Das wäre doch mal was. Vielleicht liest ja jemand den Blog, der die erfindet. Dankbar bin ich auf jedem Fall dem Erfinder der Kompressionsstrümpfe. Die haben mir den 2. Wandertag versüßt. Ebenso war ich dankbar für den Erfinder der äußerst praktischen Ärmlinge, der Gittertapes für meine schmerzende Schulter, der kleinen Doppelball-Blackroll für meine Fuß- und Rückenmuskulatur (nein, ich bekomme dafür keine Provision) – und natürlich für die tollen Eindrücke, die Landschaft, die Sonne und Mahou.

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Mahou? Das war vor einer Kirche (Ort habe ich vergessen, es waren so viele) ein alter, weiser Mann mit einem mindestens genauso alten Fahrrad. Nina kam mit ihm ins Gespräch und er hat uns von seinem Tag erzählt: Voller Achtsamkeit. Voller Entschleunigung. Voller Minimalismus. Das klang schön. Als wir ihn fragten, wie er heißt, sagte er: „Today, I’m Mahou“ – keine Ahnung, ob die Schreibweise stimmt. Und ja, er sprach richtig gut englisch. Und er kannte sich hervorragend mit mentalem Training aus. Er sagte: „Always remember, your mind ist already in Santiago“. Und ich sagte: „Yes, your mind can be everywhere.“ Als sich unsere Blicke trafen, war es wie einer dieser kleinen „Magic Moments“. Du weißt genau, was der andere meint, ohne weiter darüber sprechen zu müssen. Und Maohu begleitete uns dann den ganzen Tag, denn plötzlich sahen wir ständig die Getränkeschilder, wo dieser Name drauf stand ;-)

Herbergen sind gar nicht schlimm

doris_kessel_balkon_albergueFür diese Nacht kamen wir gar nicht drum herum in einer bestimmten Herberge zu übernachten. Nina und ich waren schon überzeugt, als wir vor ihr standen. Denn auf dem Schild stand: Vegeterian & Vegan Food. Rein da! Und wir bekamen sogar einen Private Room mit drei großen Betten. Was für ein Luxus. Und los ging der normale Pilgerwanderungs-Nachwahnsinn: Duschen, Wäsche waschen, essen. Ich sag ja, fast wie auf Lanzarote im Trainingscamp. Diesmal gesellten sich ein Italienerpärchen und Terry aus den USA zu uns an den Tisch.

„What? 4.30?“ Die jungen Italiener liefen jeden Tag um diese Zeit los. Was bin ich doch für ein Komfortzonenjunkie. Nachdem mein Kinnladen so langsam wieder in Normalposition gerückt war, erzählte uns Terry, dass sie jeden Tag so 40 Kilometer lief. Buhuuu. Streu Salz in meine „Ich-würde-ja-so-gerne-aber-meine-Blasen-lassen-es-nicht-zu-Wunde“. Und sie legte noch eines drauf: Nachdem ihre Schuhe kaputt gingen, wollte sie, nur Not, noch einmal zurück nach Burgos, um sich da welche zu kaufen. Und dann wollte sie das Ganze noch einmal laufen. PFFF! Zum Glück hatte die Herbergsfrau, mit dem leckeren Abendessen, einen Flyer von einem Schuladen im übernächsten Ort. Wenn ich da schon geahnt hätte, dass diese Information für mich noch äußerst wichtig werden sollte.

„Spaß ist was anderes“

doris_kessel_sonnenaufgangDas war immer mein Spruch im Wettkampf, wenn es kein guter Tag war. Und genauso war Tag Numero drei. Ich konnte einfach nicht mehr in diesen Betonklötzen laufen. Auch wenn der Sonnenaufgang noch so schön war.

Meine Füße waren garniert mit Blasen, blau gequetschten Zehchen und verfeinert mit Hitzepusteln. Mein ganzes System weigerte sich vehement, noch einmal diese doofen Schuhe anzuziehen. Zum Glück lieh mir Nina ihre Asics-Laufschuhe. Jaja, ich weiß. würde ich für den Wettkampf niemals machen. Fremde Schuhe, auch noch mit einer Pronationsstütze für eine Supiniererin. War mir in dem Moment sch … egal. Ich wollte einfach nur Platz für meine geschundenen Füßchen und war endlos dankbar. Einige Zeit ging es auch gut.

An diesem Tag war meine Motivation sowas von im Keller und ich war so froh für das Coaching der anderen. Ja, am Jakobsweg sind alle irgendwie gegenseitige Coaches. Jeder hilft dem anderen, entweder mit Worten oder bequemeren Schuhen.

Im Pilger-Paradies

Durch Zufall fanden wir für unsere letzte Pause für den Tag eine kleine Oase in einer Herberge – mit Pool! Wie schnell man so ein Pilgerherz zum Höherschlagen bringen kann. Man nehme einen Pool, gesalzene Nüsse und Chips, Orangensaft mit Eiswürfel in einem grünen Garten. „Ich will hier bleiben, schrie mein Herz!“ Und tatsächlich hatten wir kurz überlegt, ob wir bleiben sollten. Aber wir hatten am nächsten Tag eine Etappe vor uns, die einen Abschnitt mit 18 km ohne Wasserstelle hatte. Plus den nun restlichen Kilometern war das einfach zu viel. „Na gut. Beim nächsten Mal vielleicht.“ sagte irgendeine Stimme in mir. Waaaaaas??? Es gibt kein nächstes Mal, Doris, du bist wohl komplett wahnsinnig!

Rein in die Flip-Flops

Nachdem ich weder in die Wanderstiefel wollte, noch in die Laufschuhe, blieben nur meine Flip-Flops. Ja, ich weiß. Schienbeinkantensyndrom vorprogrammiert. Egal. Dieser Schmerz war mir gerade lieber. Und tatsächlich ging es ein paar Kilometer gut und wir kamen irgendwann im nächsten Ort an. Frag nicht wie. Und dann wollte ich keinen Schritt mehr laufen. Wieder eine Herberge? 12-Bett-Zimmer? Egal. Ich wollte einfach nur stehen bleiben. So wie am Ende einer Langdistanz. Ja, das Gefühl kannte ich. Und die Blasen und gequetschten Zehen machten mich fertig.

kathedrale_aufgebenDa war ich nun. Im 12-Bett-Zimmer. Und natürlich waren nur noch die oberen Betten frei, d.h. rauf und runter steigen. Wer einmal einen Marathon oder Ironman gemacht hat, weiß, wie sich das anfühlt, das Runtersteigen. Kein Spaß. Vom Wackeln und Quietschen der Gestänge wollen wir gar nicht reden. Und den mangelnden Steckdosen für mein Handy, das fast leer war. Und dem nichtfunktionierendem WLAN, das mich mit zu Hause verbinden sollte. Ich musste raus hier. Ein bisschen weinen und zu Hause anrufen. Natürlich ging niemand hin. Da saß ich nun auf der Treppe der Kirche in Villalcázar und fragte mich, warum ich das eigentlich mache und was ich mir beweisen will. Ich wollte einfach nur noch nach Hause …