doris_kessel_sandalenNachdem ich dann doch noch nach Hause telefonieren konnte, sogar per Face-Time, vom WLAN des Restaurants, wo wir aßen, wurde meine Stimmung wieder besser. Und ich kam mir so doof vor. Wie eine verwöhnte Göre. Tim hatte als Student nun mal nicht viel Geld und die Herberge war kostenfrei, auf Spendenbasis. Die Nacht war zwar der Horror, weil ich jedes Mal aufwachte, wenn sich der Japaner unter mir umdrehte. Und ab 4 Uhr war die Nacht sowieso vorbei, da das allgemeine Rucksack-Gekrame der anderen Pilger losging – und ja, ich hatte Ohrstöpsel dabei ;-)

So, was mache ich nun? Die Wanderschuhe wollte ich nicht mehr anziehen und auch nicht mehr mit mir rumschleppen. Also steckte ich einen Zettel in die Schuhe „Shoes for free“ und ließ sie in der Herberge. So machen Pilger das. Jeder lässt was da, was er nicht mehr braucht. Ich konnte mir nun ein Taxi zum nächsten Ort bestellen und Terrys Schuhladen suchen. Öffnungszeiten gab es im Internet keine. Was, wenn sie keinen passenden Schuhe für mich haben? Willkommen in der Ungewissheit.

Da denkst du, es ist für dich gelaufen. Du hast keine Ahnung was kommt. Und dann leiht dir Tim seine Sandalen und du kannst prima damit laufen. Der Laden im nächsten Ort macht nahezu in dem Moment auf, als du dort ankommst und es gibt sie: die Terry-Wunderschuhe. Ich liebe sie. Noch.

18-Kilometer-Durststrecke

Nun ging sie los, die 18-Kilometer-Non-Stop-Strecke. Im Wanderfrüher stand, man soll unbedingt genug zu trinken einpacken, da es auf dieser Etappe nichts gibt. Deshalb soll es, aufgrund des nicht vorhandenen Schattens, eine der härtesten und auch spirituell erfahrungsreichsten sein.

Wir hatten für heute entschieden, dass wir alleine laufen wollen und uns im nächsten Ort in der Herberge „Real Camino“ treffen. Gesagt, getan. Ich hatte 2,5 Liter Wasser dabei, das musste reichen. Ist ja auch Gewicht. Also stapfte ich mutig aus der Stadt heraus ins Niemandsland. Am Ortsausgang sah ich eine junge Frau mit einem langen, geflochtenen strohblonden Zopf und unglaublich hellen Augen, die sich gerade Wasser an einem Brunnen zapfte. Wir grüßten uns und ich ging weiter.

doris_kessel_mesetas_weg_endlosWegweiser brauchte man auf dieser Strecke nicht, denn es ging immer nur gerade aus. Ich konnte mich also schon mal nicht verlaufen. Was war ich dankbar für Tims Sandalen, die waren sowas von bequem. Meine Füße waren frei und konnten atmen. Und meine neuen Schuhe wollte ich erst ab Morgen anziehen. Hach, was für ein tolles Gefühl. Alles war plötzlich wieder gut.

Da hörte ich von rechts eine Stimme auf englisch – es war die Blondine mit den Wahnsinnsaugen. Wir kamen ins Gespräch. Ich erfuhr, dass sie Sara hieß und aus Schweden stammt. Und ich weiß nicht mehr wie, aber irgendwann kamen wir auf Yoga, Meditation und auf das Buch „Jetzt – die Kraft der Gegenwart“ von Eckart Tolle. Ich war total in meinem Element und vergaß alles außenherum. Irgendwann stand rechts ein Getränkeverkäufer mitten in der Pampa. Der kam für viele bestimmt wie gerufen. Also machten wir eine kurze Verpflegungspause und liefen weiter.

Die Zeit verging wie im Flug. Wir kannten uns überhaupt nicht und hatten trotzdem so ein tolles Gespräch mit Tiefgang. Ohne unnötiges Blabla wie „Heiß, heute, hm?“. Ein Satz von Sara ging mir Tage später nicht mehr aus dem Kopf. Sie sagte mit solcher Leidenschaft: „I love to walk.“ Ich fragte mich ernsthaft, ob ich Laufen liebe. Laufen im Sinne von Joggen ja, aber Laufen im Sinne von gehen? Das gab mir zu denken.

Magic Moments

Wir diskutierten auch über Minimalismus vs. Materialismus – und wenn mir ein englisches Wort nicht einfiel, half Sara mir aus ;-) Als ich meine Yogalehrerinnen-Ausbildung machte, meinte ich, ich müsste total abstinent sein. Denn wenn man mit sich selbst im Reinen ist, braucht nicht ständig neue Dinge, um sich selbst aufzuwerten. Blablablubb. Bis ich irgendwann begriffen hatte, dass das ja auch nur wieder eine dieser selbst auferlegten Regeln ist. Sara erzählte mir von dem Buch „Der Mönch, der seinen Ferrari verkaufte“. Der Autor bestätigt genau das, und, dass es im Leben darum geht, die Dinge einfach bewusst (natürlich nicht verschwenderisch) zu genießen und sich nicht immer so viele Gedanken zu machen.

Plötzlich kam von rechts aus dem Nichts ein Windwirbel, der durch uns hindurchfegte und auf der linken Seite wieder abebbte (Nina erzählte mir am Abend, dass sie diesen sogar in der Ferne sahen). Es war ansonsten komplett windstill. Sara und ich sahen uns nur an und mussten lachen. Es war wie eine Bestätigung: Ja, genauso ist das. Das Leben einfach genießen!

Ich bin im Himmel: Pool, Badewanne, WLAN & Steckdosen

doris_kessel_sonnenblume_herzDie nächsten Herberge, die auch ein extra Haus mit Einzelzimmern hatte, war einfach der Knüller. Sie hatte einen Pool. Einen wunderbar erfrischenden Pool. Wie macht man Pilger glücklich? Mit einem Pool! Habe ich schon erwähnt, dass die Herberge einen Pool hatte? :-)

Und mein Zimmer hatte ein eigenes Bad mit BADEWANNE! Durch mein Zimmerfenster konnte man direkt in die weiten Sonnenblumenfelder blicken.

Manche Pilger machen Motive zur Motivation in die Blumen, z.B. Smileys oder ein Herz. In vielen Herbergen gibt es an den Pinnwänden auch kleine Zettel zum Abreißen, z.B. mit der Aufschrift „Strength“, „Love“, „Trust“, je nach dem, was man an den Tag brauchte. Ich mag so kleine Dinge, die einem ein Lächeln auf die Lippen zaubern.

Du weißt die Dinge erst zu schätzen, wenn du sie nicht mehr hast

Ich fühlte mich wahrlich wie im Himmel und konnte alle meine Sachen aufladen: Handy, Garminuhr, Fotoapparat. Es war ruhig. Ich hatte Platz. Hach, war das toll. Ja, so lernt man wirklich die Dinge wieder zu schätzen. Ganz banale Dinge. Geil.

Falls du vorhast, den Camino zu gehen, kann ich dir zwei Dinge empfehlen: ein Dreifachstecker (damit es dir nicht so geht wie mir) und eine Offlinekarte – so siehst du, auch ohne WLAN, über GPS, wo du gerade bist. Micha hatte so was. Tolle Sache. Runterladen in dem spanischen Herbergs-Schnarchi-Netz, ist nicht zu empfehlen.

Leider ging es Nina gar nicht gut. Ihre Blase an der Fußsohle machte ihr zu schaffen. Sie wusste nicht, ob sie morgen weiterlaufen konnte. Natürlich würde Micha bei ihr bleiben. Und alle hatten ja noch genug Zeit. Nur ich hatte diesen dämlichen Etappenplan, dass ich rechtzeitig in Santiago bin, wenn der Flieger nach Hause geht. Deshalb: Plane dir unbedingt Puffertage ein. Wenn ich noch mehr Urlaub gehabt hätte, hätte ich das in jedem Fall gemacht.

Irgendwie machte mich der Gedanke traurig, dass wir uns trennen würden. Ich war noch nicht bereit, wieder alleine weiter zu laufen …

Was ist dein Weg? Dein ureigener Herzensweg?