doris_kessel_bergeJa, was wollte ich wirklich tief in mir drinnen? Ich hatte mich am meisten auf die Berge gefreut. Und wenn noch Zeit blieb, wollte ich ans Meer. Offiziell endet der Jakobsweg zwar in Santiago di Compostela, aber für viele Pilger ist das Ende das Kap Finisterre, was auch als das „Ende der Welt“ bezeichnet wird. Da zog es mich ebenfalls hin. Und ich wollte natürlich früher nach Hause. Dann hatte ich sogar noch Urlaubstage übrig, für unseren ersten gemeinsamen Urlaub mit Wauwau :-)

Das Buffet an Möglichkeiten

Und plötzlich wandelte sich dieses Gefühl von „Ich-hab-keine-Ahnung-was-ich-machen-soll-und-steh-vor-dem-Nichts“ in ein Gefühl von „Ich-habe-alle-Möglichkeiten“. Als würdest du vor einem Buffet stehen und darfst wählen, was du jetzt in diesem Augenblick möchtest. Und du darfst dich jederzeit umentscheiden. Man muss nicht immer von A nach B gehen. Du kannst auch erst über C laufen oder rückwärts gehen oder B einfach überspringen. Das fühlte sich verdammt gut an!

Mein möglichkeitenproduzierender Kopf lief auf Hochtouren: „Wie komme ich am schnellsten zum Cruz de Hierro? Indem ich den Bus nach Astorga nehme und von dort nach Rabanal laufe. Das sind knapp 23 Kilometer. Dann kommt meine heißersehnte Bergetappe mit knapp 25 Kilometer, die in Molinaseca endet. Nur da gibt es keinen Bus, erst in Ponferrada. Das zusätzlich noch zu laufen, wäre wohl größenwahnsinnig … vielleicht könnte ich am nächsten Tag von Molinaseca noch ein Stückchen weiter laufen und im nächsten Ort mit dem Bus nach Santiago fahren und dann ans Meer …?“ Ich liebe Möglichkeiten!

Und schön hörte ich meine liebste Kollegin sagen: „Man kann sich nicht immer die Lorbeeren rauspicken.“ Wo steht das eigentlich geschrieben? Auf zum Extreme-Lorbeer-Rauspicking!

Laufen oder bleiben?

doris_kessel_astorga_burgIn Astorga angekommen, wollte ich mir erst die Kirche und die Burg ansehen. Erstaunlicherweise fühlten sich meine Füße viel besser an. Was ist der Körper doch für ein sich selbst regenerierendes Wunderwerk. Natürlich wollte ich es dann doch wieder wissen, was noch geht und nicht über Nacht bleiben. Also lief ich ganz gemütlich in den nächsten Ort, der drei Kilometer entfernt lag. Einfach so, um zu schauen, wie es läuft. Und es lief. Sogar bis zum nächsten Ort, wieder fünf Kilometer weiter. Ich genoss die Musik in meinem Ohr und musste sehr lachen, als von den Ärzten das „Lied vom Scheitern“. kam.

So lief ich von Ort zu Ort, ohne Etappenplan, einfach Stück für Stück. Bis ich tatsächlich am Abend in Rabanal war – und stolz wie ein Honigkuchenpferd, Oskar und Nachbar’s Lumpi gemeinsam. Da ich für mich beschlossen hatte, alleine zu bleiben, nahm ich mir ein Einzelzimmer in einem Hotel. Und kam mir ziemlich komisch vor beim Abendessen. Alle so waren so voll auf Schickimicki und ich saß da, mit meinem Trainingsoutfit. Und das Essen war naja. Teuer ist eben nicht immer gleichzeitig gut. Ich sehnte mich nach Jesus‘ Herberge zurück.

Endlich in die Berge!

doris_kessel_cruz_hierroIch glaube, ich hatte mich auf keine Etappe so gefreut, wie auf diese. Als ich aus dem Ort hinauslief war ich einfach nur glücklich mit mir selbst und genoss jeden Meter, den ich lief. Es fühlte sich richtig gut an. Wie sagte meine Mitpilgerin Nicole so schön: „Das Genießen im Prozess. Und nicht ständig To-Do-Listen abarbeiten.“

Ich liebe Bergauflaufen – und dann nach unten zu blicken und zu denken: „Das bin ich schon alles hochgelaufen.“ Das war cool!

Angekommen am Cruz de Hierro schmiss ich meinen mitgebrachten Stein auf den Hügel, so wie es der Pilgerbrauch ist. Neben mir stand eine Frau, die ganz arg weinte. Ihre Freundin drückte sie fest und sagte auf englisch, dass jetzt alles gut wird. Mit Tränen in den Augen lief ich weiter. Ich fühlte mich irgendwie leichter. Danke liebes Kreuz. Danke liebe Füße.

Vielleicht mögen die Spanier kein englisch sprechen, aber sie haben andere Qualitäten. Sie haben ein Herz für Pilger. Auf dem Weg wirst du von so vielen Leuten gegrüßt mit „Buen Camino“. An jeder Einkehrstation bekommst du kostenfrei Wasser aufgefüllt. Der Weg ist, außer in den Großstädten, wunderbar ausgeschildert oder mit Pfeilen auf dem Boden markiert. Sie haben ein Gottvertrauen mit dem Bezahlen, so auch auf dieser Etappe. Als ich durch den Wald lief, fand ich auf der rechten Wegseite einen Stand mit leckerem Obst und Riegeln auf Spendenbasis. Du wirfst einfach in die Dose, was du geben möchtest. Tolle Sache.

doris_kessel_donativo_essen

16 Kilometer bergab

Okay, bis hierhin hatte ich wirklich Spaß. Und ich würde es immer wieder tun. Nur wünschte ich mir nun meine festen Schuhe wieder herbei. Der Weg war gepflastert mit Felsvorsprüngen und auch sehr glatten Steinplatten. Mal schnell runterlaufen war nicht mit den Schuhen – und zu fest wollte ich auch sie auch nicht schnüren, damit meine noch gequetschten Zehen weiterhin genug Platz hatten. Das ging auf die exzentrische Muskulatur. Und natürlich stieß ich trotzdem ständig mit den Zehen vorne an, es war einfach zu steil. Als ich an der Straße ankam, war ich so was von dankbar. Ein flacher Weg, jippie!

Nachdem der Asphalt mich ein wenig glücklich gemachte hatte, kam wieder ein Schotterweg nach unten. Verdammt. Autschi. Da waren sie wieder, die altbekannten Schmerzen. Als dann noch ein paar pfeifende Mountainbiker an mir vorbei fuhren, hätte ich sie am liebsten vom Fahrrad geschubst und ihnen ihren fahrbaren Untersatz unter dem Popo weggezogen! Einfach draufsetzen und runterrollern lassen. Ja, das wär’s jetzt.

Bleiben oder weiterlaufen?

doris_kessel_molinasecaZum Glück bin ich irgendwann in Molinaseca angekommen. Was für ein malerisches Örtchen. Alle saßen draußen und genossen die Sonne. Einige schwammen in dem Fluss unter der Brücke, über die ich lief. Ich suchte mir eine nette Einkehrstation mit WLAN und schrieb mit meinem Mann. Er hatte einen Flug gefunden, der Morgen Abend nach Hause ging. Mit Stop-over in Barcelona. Da war es wieder, die Sehnsucht nach zu Hause. Hm, wenn ich vielleicht doch noch bis Ponferrada weiterlaufe, könnte ich morgen mit dem Bus nach Santiago fahren und von dort aus heimfliegen …

Als ich aus dem Ort hinauslief schüttelte ich über mich selbst den Kopf. Meine Beine und Füße wollten einfach nicht mehr, aber mein Heimweh hatte die Oberhand gewonnen. Und meine Finger folgten ihm, indem sie eine SMS an meinen Mann schrieben, dass er bitte den Flug buchen soll und auch gleich den Bus von Ponferrada nach Santiago. Boah, war das aufregend.

Ein paar Minuten später kam eine SMS: „Flug ist gebucht.“ Ich freute mich. Wieder ein paar Minuten später kam die Nachricht: „Es gibt Probleme mit dem Bus, der ist ausgebucht.“ Das durfte mich wahr sein. Wie komme ich denn dann nach Santiago? Kurzzeitig ploppte das Kap Finisterre wieder in meinen Gedanken auf, aber ich verwarf es schnell wieder, als die nächste Nachricht kam: „Kommando zurück, es hat doch noch geklappt.“ Puh. Wow. Ich fliege Morgen nach Hause. Krass.

„Sorry, we are fully booked“

doris_kessel_ponferrada_templerburgJunge, Junge. Was war das für eine Tortur nach Ponferrada. Physisch wie psychisch. Ich dachte, ich komme nie an. Und der Vorort zog sich in die Unendlichkeit. Ich war fertig. Da konnte die Templerburg noch so schön sein, ich wollte da nicht mehr rein. Ich wollte nur noch ein Bett.

Witzigerweise hatte ich von einer Herberge gelesen, die „Nirvana“ hieß. Als letzte Herberge fand ich das irgendwie witzig. Nur leider war die Herberge auch im Nirvana. Nämlich nicht aufzufinden. Zumindest hatte ich die Busstation, nach gefühlten zehn Mal nachfragen, endlich gefunden. Hier musste es doch irgendwo ein Bett zum Schlafen geben! Ich wollte keinen Meter mehr gehen. Zum Glück traf ich einen netten Spanier, der deutsch sprach, da er jahrelang in Deutschland lebte. Er sagte mir, dass die nächsten Herberge ca. vier Kilometer weg war. Was? Das war mir zu weit. So brachte er mich bis zur nächsten Hoteltür. Thank God!

Da stand ich nun. Völlig durchgeschwitzt in der feinen Hotellobby und es war gerade eine Hochzeitsfeier im Gange. Ich fühlte mich überhaupt nicht underdressed. Nein, nein. Und die Blicke der Gäste machten mir auch gar nichts aus. Nein, nein.

Mitleidig sah mich der Portier an, als ich ihn um ein Einzelzimmer fragte und er antwortete: „Sorry, we are fully booked“. Buhuuuu! Das konnte nicht wahr sein. Ich will doch nur ein Bett. Er sah meinen verzweifelten Blick und telefonierte ein wenig herum, bis er etwas passendes für mich gefunden hatte. Ein netter Portier. Und er bestellte mir gleich ein Taxi, das mich zu meinem Bett brachte.

Morgen ist doch der 11. und nicht der 13. September?

Ein Bett. Eine Dusche. WLAN. Und mein Flugticket nach Hause per E-Mail. Ich hatte alles, was ich brauchte. Jetzt benötigte ich nur noch eine Übernachtungsmöglichkeit in Barcelona und für Morgen frische Kleidung. Also checkte ich meinen Rucksack, ob ich noch einmal waschen musste. Irgendeine Stimme in mir, war der Meinung, dass ich noch waschen sollte, aber da war doch noch ein frisches Shirt mit Hose …?

Ich schaute noch einmal auf die Flugdaten. Plötzlich sah ich, dass da nicht der 11. September, sondern der 13. September stand. Aber Morgen war doch der 11. September? Ich schrieb meinen Mann, da ich komplett verwirrt war. Es stellte sich heraus, dass die Fluggesellschaft ihm einen Alternativtermin vorgeschlagen hatte und in der Vorfreude-Hektik hatte er es nicht gemerkt …