Man ließt das immer wieder in Coaching-Motivationstexten: „Du bist einzigartig!“ – „Du bist wichtig!“ – „Du bist wertvoll!“

Ja. Stimmt auch. Nur lesen ist das EINE. Glauben das ANDERE.

Und das, was man gelesen hat und glaubt, auch noch zu LEBEN, ist wieder was ganz was anderes.

 

 

Ich habe als Kind schon gerne von einer Welt geträumt, in der jeder so sein durfte, wie er oder sie gerne wäre. In meiner Welt gab es Menschen mit blauen und grünen Haaren und für ALLE war das NORMAL. Keiner hat sich darüber echauffiert, was jemand anderes trägt, weil jeder frei sein durfte, so lange er niemand anderem damit schadete.

So habe ich mich in meiner Jugend gerne modisch ausprobiert. Nur war damals mein Selbstwertgefühl nicht stark genug z.B. über „nette“ Hauspost, in meiner damaligen Ausbildung, hinwegzusehen. Es hat mich tief verletzt. So sehr, dass ich nicht nur begonnen habe, die Sachen zu entsorgen – sondern mich in eine Form habe pressen lassen. Und es hat viele Jahre gedauert, bis ich meine kreative Entfaltung wiederentdeckt habe. Und mit dem Wiederentfalten dessen, was einst zusammengefaltet wurde, bin ich immer noch gut beschäftigt.

In einem Interview habe ich neulich gehört, dass man erst wirklich frei ist, wenn man sich total lächerlich machen kann und es einem dabei völlig egal ist, was andere von einem denken. Ich bewundere Menschen, die das wirklich können. Deshalb übe ich das sehr gerne :-)

 

Rein in die Schublade …

 

Unser Gehirn ist ständig am abscannen und bewerten, denn es ist evolutionstechnisch auf Überleben und Beschützen programmiert, denn es könnte ja irgendwo Gefahr lauern. Und auf der einen Seite ist das auch wichtig. Außerdem arbeitet unser Gehirn energiesparend. So musst es sich nicht lange mit etwas aufhalten. Rein in die Schublade. Fertig.

Und so funktioniert auch unser System – es wird klassifiziert: Das beginnt schon beim „Auf-die-Welt-kommen“. Passt der neue Erdenmensch in die „Norm“ oder nicht? In welche Schulschublade können wir ihn stecken? Und was können wir tun, damit die Gaußsche Normalverteilung in der Schule wieder stimmt? Aussortieren.

Wo bleibt da die Einzigartigkeit? Das Wertvolle, das jeden einzelnen Menschen wieder ausmacht? Das Puzzlestück, das die Welt in ihrer Ganzheit zusammenfügt?

Ich habe eine Zeitlang mit Jugendlichen von der Förderschule und jugendlichen Schulabbrechern gearbeitet. Zu Beginn wurde ein umfangreiches Testverfahren gemacht. Es war u.a. ein Jugendlicher dabei, der laut Test einen IQ von 60 hatte. Weit unter dem Durchschnitt. Er hatte am Ende den besten Hauptschulabschluss. Die Schublade hat doch nicht gepasst. Ein anderer kam erst aus der JVA. Er hatte „Migrationshintergrund“ und ein hohes Gewaltpotential. Ich habe in einer Bewerbungstrainingseinheit erlebt, wie gut es sich mit dem Computer auskannte und welche Freude er daran hatte, anderen zu helfen, die das nicht konnten. Jedoch war seine Frustrationstoleranz sehr gering, so dass die Freude nicht lange anhielt, als die erste Hürde kam.

Was ich damit sagen will: Jeder kann irgendwas gut. Und ich wünsche mir eine Welt, in der jeder das Leben kann. Denn was gibt es Schöneres, als das, was da in einem steckt herauszuholen und am besten, anderen damit eine Freude zu machen? Ja, so hat jeder etwas davon.

 

Auch dein Körper ist einzigartig

 

In meinen Workshops und Yogastunden ist es mir ein großes Anliegen, immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass jeder Mensch und jeder Körper anders ist. Wir haben alle eine unterschiedliche DNA. Unterschiedliche Fingerabdrücke. Unterschiedliche Stimmen. Unterschiedliche Gangarten. Jeder bewegt sich anders. Jeder braucht was anderes. Und nicht jede Übung ist für jeden gut. Nicht jedes Essen ist für jeden gut. Jeder hat seine EIGENart – und „art“ heißt auf englisch „Kunst“ – und ja: Es ist mir egal, ob die Wortendung, wissenschaftlich gesehen, nicht daraus resultiert ;-)

Und da frage ich mich, warum es dann immer wieder Werte und Tabellen gibt, in die man sich einsortieren soll, um herauszufinden, wer man ist, wie man tickt und was für einen gut ist? Und wir nicht gleich unseren Körper fragen, was er gerade braucht? Er weiß es doch am besten. Hm, vielleicht weil wir den Bezug dazu verloren haben. Weil wir lieber einen Computer befragen, wie es uns gerade geht.

Ja, vielleicht brauchen wir „Richtwerte“. Einen Rahmen, der uns Sicherheit gibt. Ein ungefähres Gefühl von dem, was sein könnte, aber dann doch nicht zutreffen muss. Weil wir wieder damit angefangen haben, auf unseren Körper und auf unsere Seele zu hören und unserer Einzigartigkeit zu folgen.

Jeder von uns ist wie ein Stern, der nur für sich selbst und andere leuchten kann, wenn er den Weg wieder zu sich selbst gefunden hat.

Also: Sei einzigartig! Und lass uns deine Einzigartigkeit wieder entdecken …