Ich fliege nach Vancouver!

Wir machen nun einen kleinen Zeitsprung von Hawaii nach Kanada.

Wenn du erst hier einsteigst würde ich dir empfehlen, dass du die Geschichte von vorne beginnst (1# Hawaii-Blog):

https://coaching-mit-phantasie.de/category/hawaii/

ODER: Du magst gleich hier weiterlesen :-)

Da saß ich nun am Beifahrersitz in Sarahs Auto, während wir an den Flughafen nach Lihue fuhren. In der Dunkelheit zog Kaua’i links und rechts an mir vorbei und mir erschien alles so unwirklich. Wie im Traum. Doch die Vorfreude und Aufregung in mir drin sagte, dass ich hellwach war. 

Angekommen am Flughafen drückte ich sie noch einmal feste und ich war einfach so dankbar, dass sie mir in den letzten Tagen den nötigen Arschtritt gegeben hatte. Wenn sie nicht gewesen wäre, würde ich wahrscheinlich immer noch hin- und her überlegen. Danke, Sarah!

Ich winkte ihr zum Abschied zu, schnappte mir meine Koffer, drehte mich um – und plötzlich traf es mich bis ins Mark, als ich den Sitzplatz sah, auf dem ich vor guten zehn Monaten saß. Völlig hilflos mit Krücken. Hoffnungsvoll darauf wartend, dass das Flughafenpersonal einen geeigneten Rollstuhl für mich hatte, damit ich mein Bein hochlagern konnte.

So ging ich den gleichen Weg durch die Kontrolle. Auf beiden Beinen. Ohne Krücken. Ohne Schmerzen. Voller Kraft. Links, rechts, links, rechts.

Mir liefen Tränen über die Wangen, weil ich so voller Demut war. So überwältigend dankbar, dass ich laufen konnte. Dass es mir nichts ausmachte im Stehen zu warten. Die Kraft hatte den leichten Anstieg Richtung Gate ohne Festhalten am Geländer zu meistern. Alleine auf die Toilette gehen und meine Trinkflasche mit Wasser auffüllen konnte.

Dass ich ganz normal auf den Wartesitzen sitzen konnte, mit gebeugten Knie, bis das Boarding losging. Und diesmal ging ich als Letzte in den Flieger. Ganz unscheinbar. Und einem überwältigenden Glücksgefühl in mir.

Kurz vor dem Abflug hatte ich noch eine Nachricht bekommen und sie war einfach wundervoll.

Am Flieger angekommen stieg ich mit Leichtigkeit über die Schwelle und mir war es mir total egal, ob ich am Fenster saß oder nicht. Ich war einfach selig und konnte sogar immer wieder schlafen.

Im Halbschlaf kam mir plötzlich ein Gedicht in den Sinn, dass vor einigen Jahren mein Yogalehrer in Savasana vorgelesen hatte. Es hatte mich tief berührt und ich wusste, dass ich genau das will, was da geschrieben stand.

Der Titel des Gedichtes ist „Die Einladung“ von Oriah Mountain Dreamer. Damals wusste ich noch nicht, dass sie Kanadierin ist. Natürlich.

Vor allem der letzte Satz: „Ich möchte wissen, was dich von innen hält, wenn sonst alles wegfällt.“

Ja, was hält uns dann? Was hält dich in solchen Momenten von innen zusammen? Was gibt dir Halt, wenn alles andere wegfällt?

Mir fällt spontan eine Auflösungsmeditation ein, die ich sehr liebe. In der du dir vorstellst, wie um dich herum alles verschwindet und sich auflöst. Bis zu beginnst, dich selbst aufzulösen, alle deine Körperteile, bis hin zu deinem Herzen und deinem Verstand. Du bist vollkommen verschwunden.

Was bleibt dann noch?

Grenzenloses Bewusstsein und die Gewissheit, dass immer alles gut ist, auch wenn alles andere wegfällt. Diese freie, weite und zugleich tiefe Liebe, die völlig leicht und neutral ist und dieser nichts Bedarf, damit sie entsteht oder vergeht. Sie ist einfach da. Immer während und allgegenwärtig da.

In Momenten wo ich einfach nicht mehr kann ist in den letzten Jahren in mir etwas gereift. Ich wage nicht zu behaupten, dass ich den heiligen Gral der Selbstliebe in seiner völligen Vollkommenheit entdeckt und in mir integriert habe.

Aber da ist etwas.

So ein Gefühl, dass ich auch in solchen Momenten in keinem anderen Körper sein möchte und vor allem mit keinem anderen Menschen oder Leben tauschen will. Ich möchte in mir und meinem zu Hause sein, Ich möchte genau das Leben leben, das ich gerade lebe. Egal, wie schlimm die letzten Monate waren. Egal wie ungewiss meine Zukunft gerade ist.

Lass uns nun gedanklich zurück in den Flieger wandern und zum Flug, der tatsächlich wie im Flug verging. Ich konnte gar nicht fassen, dass wir schon in Seattle landeten. In Seattle.

Da lief ich diesmal völlig frei und selbstbestimmt den Gang vom Flieger Richtung Ausgang, genau zu dem Gate wo ich auch vor zehn Monaten stand. Ich schloss für einen Moment meine Augen und ließ die Bilder Revue passieren, als der so unglaublich nette Mann mit dem falschen Rollstuhl kam, der keine Hochlegefunktion für mein Bein hatte und danach mit diesem wilden fluffig gepolsterten Flughafenflitzer.

Ich ließ alle Erinnerungen an mir vorüberziehen, als ich den Weg zum Zug ging, der die Terminals miteinander verbindet. Ich kannte den Weg nur zu gut, auch wenn ich ihn das letzte Mal sitzend absolviert hatte. 

Ich erinnerte mich an die Lounge, als ich Lara traf und sie mir Energie gab. Und es diesmal gar nicht mehr so lange dauerte, bis wir uns wieder sehen würden. In Victoria, wo sie lebte. Das Leben ist schon verrückt.

Mir war, als würde alles plötzlich Sinn machen, als würde sich mein Leben und meine Zukunft langsam wie in Puzzle zusammensetzen. Als wäre mit dem Aufprall meines Knies auf den Felsen in Kaua’i schon alles irgendwie vorherbestimmt gewesen. Der hawaiiansiche Geist neben mir, der mir das Gefühl gab, dass nun alles nach Plan läuft.

Was für ein Plan! Den hätte ich mir selbst nicht besser ausdenken können. Oder doch?

Du willst nicht wissen, wie breit mein Grinsen war, als ich am finalen Gate für das Boarding für Vancouver saß. Ich musste mehrmals auf die Anzeigetafel blicken, um mich zu vergewissern, dass ich da wirklich hinflog.

Und tatsächlich, da stand es in leuchtender Schrift auf dem Monitor direkt vor mir: Vancouver. Vaaaaancouuuver. Wie das schon klang. Vaaaaancooouveeeeer.

– to be continued –