Lost in Vancouver 

Wow, ich saß tatsächlich im Flieger nach Kanada! Ich fühlte mich wie in einem Abenteuerfilm und das beste war: Ich hatte die Hauptrolle bekommen!

Von dem fetten Grinsen in meinem Gesicht musste ich wirklich aufpassen, dass ich keinen Krampf in den Backen bekam. 

Wir setzten zum Landeanflug an. Huch, was war das denn jetzt? Mein Herz glühte in alle Richtungen.

Mir war, als wäre ich noch nie in meinem ganzen Leben so sehr meinem Herzen gefolgt, wie in diesem Moment und selbst während ich diese Zeilen hier schreibe reagiert es auf jedes Wort.

Oh mein Gott. Also echt Kanada, dich hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm. Wo kommst du den plötzlich her? Hatten wir das damals vor der Inkarnation bereits ausgemacht oder haben sich die da oben etwas Neues einfallen lassen? Ich befürchte Ersteres.

Habe ich deshalb vorher jahrelang in der Ahornstraße gelebt? Sensationell, Universum. Du bist echt ein kleiner Komiker. Hättest du dir nicht etwas Subtileres ausdenken können? 

Na, dann muss ich da jetzt wohl durch. Denn diese Vorfreude kenne ich, das muss nicht heißen, dass alles easy-cheezy wird. Zumindest nicht für mein Ego.

Ich bin ja schon gespannt wie sich kanadischer Boden unter meinen Füße anfühlt …

Angekommen an der Border Control.

Komisch, fühle mich irgendwie wie in Deutschland, nur größer ;-)

Okay, Uhrencheck. Nachdem ich seit Monaten ständig Doppelzahlen sehe, sobald ich auf die Uhr schaue, weiß ich, dass alles nach Plan läuft. Es ist ..

… 8:18.

Also alles save.

Okay nächster System-Check-up: Nachdem ich noch auf Kaua’i im Loslass-Prozess meines Ex-Mannes bei 40% lag, bin ich gespannt, wo ich jetzt liege. Gut liebes Körper-Geist-Seele, gebt mir Feedback, wo befinde ich mich gerade?

60%.

Wow. Ganze 20% mehr? Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Ich habe für 40% fast drei Monate gebraucht, das ist unfair! Kanada scheint ein echter Loslassbooster zu sein. Zumindest, was das angeht.

Als ich endlich durch die Grenzkontrollen durch war und das WC mich vorm endgültigen Platzen bewahrt hatte, blieb ich wie gebannt vor einer Werbung stehen, die sich rechts neben mir auftat. Das stand in großen Lettern: „This is your home.“

Uff. Es war doch nur Werbung. Kein Panik. Ist nur ein Plakat. Hat nichts zu bedeuten. Oder doch? Und wieso wird beim Tippen mein Herz schon wieder ganz warm.

So, Lagecheck. Wo geht es zur Autovermietung? Gleich einmal die nette blonde ältere Dame auf der rechten Seite fragen.

Ah, das ist einfach. Das schaffe sogar ich mit meiner mangelnden Orientierung. Und die Sache mit dem beiden Rollkoffern war wirklich eine gute Idee.

Ich hatte mir auf Kaua’i noch schnell einen zweiten Koffer gekauft und mein MTB dort gelassen. Mit meinem riesigen Fahrradkoffer wäre ich schier ausgeflippt.

Hoffe mein liebes MTB ist nicht zu einsam ganz alleine in der Abstellkammer. Ich komme ja bald wieder!

Zumindest dachte ich das in dem Moment noch.

Nur noch über die Straße und gleich rein in die Autovermietung zu dem netten Herren am Empfang. Noch so ein netter Kanadier. Ich mag den englischen Akzent. Ist so eine Mischung aus Amerikanischen-Englisch gemixt mit ein bisschen British, was im Übermaß nicht so mein Ding ist. Aber nur so ein Hauch von beidem klingt toll. Mag ich. Wo ist der gefällt mir Button?

Was? Wieso hast du gerade JA gesagt, Doris? Wir kaufen keinen zusätzlichen Schnickschnack bei der Vermietung! Wir haben mit 600 Euro für den Wagen kalkuliert, mehr ist nicht drin!

Aber das JA kam wie aus der Pistole geschossen. Ich hatte nicht einmal Zeit nachzudenken. Das JA zur „Road Assistance“, falls ich einen Platten hätte. Oh, oh. Ich will gar nicht weiter darüber nachdenken.

Auch nicht über die Autoauswahl, die sich dann vor mit auftat. Ich wollte einen kleinen schnuckeligen Flitzer, nicht so ein hypermodernes Riesengeschoss! Das ist mir viel zu groß!

„Sorry, we don’t have smaller ones right now.“ Toll. Andere hätten sich sicher über ein Upgrade gefreut. Ich nicht.

Na, gut, welches nehmen wir? Das Blaue da hat als Kennzeichen eine Acht. Acht bringt Glück. Das nehme ich.

Puh, muss ich jetzt noch die Bedienungsanleitung für diese ganzen Knöpfe lesen? Ich und Bedienungsanleitungen. Ich kann dir sagen, wir werden nie Freunde werden. Dann schon eher mit Ausprobieranleitungen. Oder Experimentieranleitungen. Und das Wort „Anleitung“ lassen wir auch noch weg, dann passt’s wieder.

Okay, nachdem ich das viel zu große Auto irgendwann auf der Straße hatte und mir zum Glück noch im WLAN-Netz der Autovermietung die Route auf mein Handy herunterladen konnte passierte der Worst Case: Ich hatte mich verfahren und die Route war weg.

Oh, nein. Und schon ging das Gehupe hinter mir los. Spätestens ab diesem Zeitpunkt realisierte ich, dass ich vom gechillten Aloha-Schnulli-Bulli-Verkehr mitten in München am mittleren Ring gelandet war.

Besser gesagt, in der für mich gefühlten Verkehrshölle, mitten in Vancouver. Das machte überhaupt keinen Spaß und mein Stresslevel stieg auf den höchsten Pegel seit ich Deutschland verlassen hatte.

Okay, wo ist der nächste Starbucks, ich brauche WLAN! Universum, zeig mir den Weg. 

Ah, das ging ja schnell, da rechts ist einer. Danke.

Okay, zweiter Versuch. Und Dritter. Und Vierter. Na, gut, ich war nur dreimal beim Starbucks und kannte die Straßennamen schon fast auswendig.

Gut, Doris, orientier dich. Wir wollen in die Berge. Die liegen im Norden. Das kann doch nicht so schwer sein. Unsere Vorfahren hatten auch kein Navi und konnten sich anhand der Gestirne zielsicher auf den Weltmeeren bewegen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit war ich dann tatsächlich auf der richtigen Straße.

NEIN! Schon wieder falsch abgebogen. Na gut, dann drehen wir eben eine extra Runde im Stanley Park. Hm. Die Bäume sehen ja wie zu Hause aus. Nur größer. Und kalt ist mir auch. Nach fast drei Monaten tropisches Klima ein ganzer schöner Kälteschock.

Als ich aus dem Park wieder herausfuhr traute ich meinen Augen nicht. Hatte dieses Vehikel das mir entgegen kam tatsächlich das Kennzeichen „Na Pali“?

Sag mal Universum, willst du mich jetzt total verarschen? Du schickst mich von Kaua’i nach Kanada, damit ich ein Kennzeichen mit der Aufschrift „Na Pali“ sehe? Das hätten wir auf Kaua’i auch näher haben können!

Da war es wieder das Gefühl, dass das alles nicht mit rechten Dingen zu ging. Die „Na Pali Coast“ hatte ich noch sehr gut in Erinnerung. Letztes Jahr waren wir an meinem Geburtstag dort und hatten von oben den besten Ausblick überhaupt, komplett frei von Wolken. Noch vor ein paar Wochen befand ich mich unterhalb. Mitten im Dschungel. Von Wasserfall zu Wasserfall. Um mein Trauma zu heilen und dem Na Pali Kai zu begegnen …

Zack! 848, 141, 777, 444. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich wusste plötzlich was all die Zahlen bedeuteten, die ich seit Wochen und fast schon Monaten sah.

848 war die Zahl für meinen Weg. 141 stand für Selbstliebe. 777 war Kanada und 444 Kaua’i. Das Wissen war einfach da. Das war ja einfach!

Und dafür musste ich nach BC fliegen?

Als ich um die Ecke bog sah ich noch ein Kennzeichen – mit der 808. Diese Zahlenkombination passte nicht in meine Universums-Zeichen-Welt. Ergo diese Zahl gehörte nicht mir. Aber warum nahm sie dann wahr? Bald erfuhr ich wem diese Zahl gehörte …

Endlich! Ich war auf dem Highway. Puh! Durchatmen. Stress lass nach. 

Auf einmal schossen mir Tränen in die Augen. Ich sah ständig Kennzeichen mit den Initialen meines Ex-Mannes und unserem Hund. Mir wurde schlagartig klar, warum ich mich für eine ganze Woche in den Bergen entschieden hatte. Der Loslass-Prozess wollte hier enden. Oh mein Gott.

Okay, Universum. Dann gehen wir da jetzt durch …

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.