Auf nach Squamish! 

Wow. Ich war tatsächlich in Kanada. Und fuhr Richtung Norden in die Berge.

Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich nach Bergen und kühler Luft sehnte. Mein ganzes System wollte dorthin.

Trotz der Müdigkeit fühlte mich einfach nur frei und genoss es so sehr über den Highway zu fahren. Alleine in diesem viel zu großen Auto zu sitzen und die Landschaft an mir vorbeiziehen zu lassen. Links das dunkelblaue Meer, rechts die Felsvorsprünge in silbergrau.

Auf dem Sea-to-Sky-Highway. Hach, alleine der Name war schon so schön: Auf dem Weg der vom Meer zum Himmel führt. 

Ja, Freiheit. Alleine dieses Geschenk wieder Autofahren zu können. Ich war so demütig nach all der Zeit auf dem Sofa mit meinem verletzten Knie und immer angewiesen zu sein auf andere Menschen, die einen von A nach B bringen. Klar war ich dankbar, trotzdem konnte ich mich nie wirklich daran gewöhnen und sehnte mich nach dem Tag, an dem ich wieder Autofahren konnte. Nach sieben Monaten war es dann endlich so weit und ich war der glücklichste Mensch auf Erden.

Diese Freiheit selbst zu entscheiden wann und wo du hingehst. Dich einfach in dein Auto zu setzen und loszufahren. Um Neues zu entdecken.

Ich kann dir gar nicht sagen, wie viel Freude es mir macht, mein Leben immer mehr selbst zu gestalten, mich zu entfalten, auszuprobieren und zu testen, wo meine Grenzen liegen. Ja, manchmal falle ich dabei auch ziemlich auf die Schnauze und denke, dass ich nicht mehr kann.

Doch wenn mir 20 Jahre Triathlon eines gelehrt haben dann, dass Grenzen verschiebbar sind. Wenn du denkst, du kannst nicht mehr, geht noch soviel mehr!

Danke lieber Körper, dass du das alles mitgemacht hast. Danke liebes Knie, dass du mir soviel gelehrt hast. Dass wir zusammen gewachsen sind und, dass du mir jetzt erlaubst, dieses Abenteuer zu erleben. 

Danke lieber Ex-Ehemann, dass du mich freigeben hast. Auch wenn unser Abschied am Flughafen mit das Brutalste war, was ich je erlebt habe. 

Ich werde nie diese wundervollen Zeilen vergessen, die du mir zu meinem Geburtstag geschrieben hast und ich mich damals fragte, wer dieser Typ war, der das geschrieben hatte ;-)

Das ist mein Lieblingsabschnitt:

„Setz dich in dein schönes Pipi-Langstrumpf-Boot und lass dich vom Fluss des Lebens gemütlich und unbeschwert treiben. Ich wünsche dir, dass dich deine Lebensfreude jeden Tag umgibt. Von guten Mächten wohl geborgen. Du bist wundervoll – genau: Voller Wunder. Sei in deiner Welt glücklich und schlafe jeden Abend mit einem Grinsen im Gesicht ein, weil du einen Tag voller Wunder hattest.“

Pipi Langstrumpf war immer mein großes Vorbild. Doch ich glaube meine Mutter fand es damals nicht so lustig, als ich als Kind die Küche unter Wasser gesetzt hatte, weil ich mit zwei Bürsten unter den Füssen wie Pipi in der Küche Schlittschuhlaufen wollte :-)

Was ist es für ein Segen in einer Beziehung, gleich welcher Art, zu sein und so tiefe Wertschätzung zu erfahren. Selbst, als wir uns 2016 getrennt hatten, gab es nie Streit um irgendwelche Dinge. Wir waren uns immer einig. So wie auch jetzt. 

Ja … meine Welt und deine Welt. Wir konnten sie nicht vereinen. So sehr wir es versucht haben. Mögest du jemanden an deiner Seite haben, die mit dir in deiner Welt ist und möge ich jemanden an meiner Seite haben, der mit mir in meiner ist. So sei es.

Weißt du, ich mag diesen Spruch „Lass uns Freunde bleiben“ im Grunde gar nicht. Weil ich immer der Meinung war, dass es nicht funktioniert. Doch diesmal sehe ich das anders.

Du wirst immer mein bester Freund bleiben. Immer. Du warst und bist für mich immer wunderschön gewesen. Deshalb gab es zur Hochzeit kein „Ich-werde-dich-immer-lieben-Gesangsstück“. Nein. „You will always be beautiful“ von Joshua Kadison:

„The world will turn,

and the seasons will change.

And all the lessons we will learn,

will be beautiful and strange.

We’ll have our fill of tears, our share of sighs.

My only prayer, is that you realize.

You’ll always be beautiful, in my eyes.“

… angekommen in Squamish.

Was für ein gemütlicher Ort. Die Schilder erinnerten mich immer wieder daran, dass ich in Kanada war und nicht in Österreich ;-). Und der weite Blick über die flachen Bauten hinweg an Amerika. Ich mag die Weite, das lässt alles weiter werden.

Mein AirBnb lag sehr zentral und das Haus war einfach der Hammer. So toll und so eine nette Familie – und so ein schönes Zimmer für mich! Ich war total begeistert.

Das Highlight war mein EIGENES Badezimmer. Seit Monaten hatte ich mir das Badezimmer mit mehreren Menschen geteilt und das war zu dem Zeitpunkt auch okay. Nun genoss ich es in vollen Zügen diesen Space nur für mich alleine zu haben. Alles kommt zur rechten Zeit.

Neugierig lauschte ich in der Küche der Geschichte meiner Gastgeberin, wie sie nach Kanada kam. Denn sie kam wie ich aus Europa :-)

Hach, ich mag Geschichten so gerne. Jeder von uns hat seine ganz individuelle Geschichte und jede Einzelne davon ist so einzigartig. Natürlich hatte sie ihr Herz hierher gebracht … wow.

Alle waren so nett und haben mir blind vertraut. Ja, Vertrauen ist etwas, was ich auch an Kaua’i so toll finde. Überall wo ich war, waren die Häuser immer offen. Auch hier in BC.

So, liebe Doris, dann lass uns das erste Mal in Kanada einkaufen gehen und das Verkaufsangebot erkunden!

Ich liebe das einfach. Sachen neu entdecken. Was in der Natur schon oft dazu führte, dass ich mich verlaufen oder mit dem Rennrad verfahren hatte. Aber das hatte meinen Entdeckerdrang bisher nicht gemindert ;-)

Zum Glück konnte ich mich bei meiner Erkundungstour durch die Einkaufsregale nicht verlaufen und war total begeistert von den humanen Preisen. Auf Kaua’i haut es dir ja schon manchmal den Vogel heraus. Und man könnte dort so vieles selbst anbauen oder herstellen. Was einige zum Glück schon tun.

So lief ich mit großen Augen durch das Sortiment und war entsetzt, dass es kein Mandelmus gab. 

Was total komisch war, dass ich ab diesem Zeitpunkt überhaupt kein Bedürfnis mehr nach Avocados, Mangos und Co. hatte, die ich in Kaua’i fast täglich verschlungen hatte. Mein Körper wollte Äpfel. Spannend! 

Was so ein Orts- und Klimawechsel bewirken konnte.

Und mein Körper brauchte nicht nur Äpfel, sondern dringend eine heiße Badewanne. Oh Gott war mir kalt! Her mit dem heißen Tee und dem warmen kuscheligen Hoodie. Dich hatte ich ja eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr an. Bibber!

Und dann ab ins Bett, ich war unendlich müde …

Waaas? Es ist Mittaaaag?

Tatsächlich! Ich hatte die Nacht 13 Stunden am Stück geschlafen. Was für ein Geschenk.

Und das Nächste wartete unten in der Küche auf mich, in Form eines Zettels auf dem stand: „Good Morning, Doris, have a great day and help yourself with the tomatoes.“ Das machte ich doch gerne! Die waren frisch aus dem Garten und so lecker!

Hm, was machte ich jetzt mit dem angebrochenen Tag? Eine lange Wanderung war nicht mehr drin. 

Nachdem ich per Whats App meine selbstpersönlichen Reiseplaner hatte, in Form Na Pali Kai für die Berge und Laara für Vancouver Island, entschied ich mich von den ganzen Vorschlägen für Murrin Park und Shannon Falls.

Na, dann mal los …

Da waren sie wieder die ganzen Autokennzeichen auf der Hinfahrt und die schon fast eindringliche Erinnerung an das was gerade anstand: Loslassen.

Emma war besonders die Tage in Squamish präsenter als die Wochen zuvor. Sie war unser Hund, besser gesagt sein Hund.

Wie nennt man einen Hund, den man mit groß gezogen hatte und trotzdem von Anfang an klar war, dass es sein Hund ist? Ich weiß es nicht. Ein Hund, dessen Hundemama ich einmal war.

Jeden Tag kamen Erinnerungen auf Facebook was wir in den letzten Jahren alles zusammen gemacht hatten. Sie erschien mir nachts in meinen Träumen und überall sah ich Autokennzeichen mit einem „E“. Ich machte mir schon Sorgen, ob mit ihr alles okay war, aber mein Ex schrieb mir, dass alles gut war. Puh.

Was hätte ich darum gegeben, sie dabei zu haben. Sie hätte es geliebt. Und die Temperaturen wären für sie mit ihrem langen hellen Zottelfell viel besser gewesen als auf Kaua’i.

Was blieb waren all die Erinnerungen.

Ihre Angst vor Schafen und Ziegen und ihre unglaubliche Menschenfreundlichkeit. Jede Kuscheleinheit auf dem Sofa und jeden Abend, wenn sie sich wieder einmal in meinem Bett völlig breit gemacht hatte und für mich kaum noch Platz war.

Nachdem mein Ex und ich die letzten Monate getrennt geschlafen hatten, war sie jeden Abend an meiner Seite und jeden Morgen die Erste, die ins Schlafzimmer kam, damit wir vor dem Aufstehen eine Runde kuscheln konnten.

Ich vermisste sie wahnsinnig und trotzdem wäre Bleiben keine Lösung gewesen. Und ich wusste, dass sie es bei ihm gut hatte. Er war der beste Hundepapa auf der ganzen Welt.

Loslassen, Doris. Gib sie frei. Beide.

Murrin und Shannon halfen mir dabei. Doch mit der größte Loslassakt sollte wenige Tage später bei den Joffre Lakes sein …

–> Hier findest du alle Blogartikel zu Hawaii und meinem Unfall dort

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–> Hier zu Canada und wie die magische Reise losging