Magical Kalalau Trail – Teil 4

Als wir da so saßen konnte ich nicht anders, ich musste einfach herausfinden, wer hier jetzt mit wem zusammen war. Keine Ahnung warum. 

Normalerweise bin ich nicht so indiskret. So fragte ich Tristan und Ben, ob sie denn zusammen wohnen würden. Ich meine, wenn man ein Paar ist, dann wohnt man womöglich zusammen, oder?

Beide schüttelten vehement den Kopf und sagten, dass sie schon seit dem Kindergarten befreundet sind, aber jeder woanders in Kanada wohnt. AHA!

Und wer von euch steht jetzt auf Männer? Die Frage hatte ich natürlich nur gedacht, nicht gesagt. Was du wieder denkst.

Tristan riss mich aus meinem Fragezeichen im Gesicht und bat mich ein Foto von ihm und Henry auf dem Felsen zu machen. Klar mach ich das!

Ganz ehrlich, wenn ich vor einigen Jahren dieses Bild gesehen hätte, dass mir nun dargeboten wurden, dann hätte ich wahrscheinlich völlig anders reagiert. Zwei nackte Männer auf einem Felsen, die sich gegenüberstehend umarmen.

Der eine um mindestens 40 Jahre älter. Doch in dem Moment schoss mir nur ein Gedanke in den Kopf: Ist das schön! Ja, es war für mich in dem Moment was wahre Schönheit ausmachte. Da lag nichts darüber.

Es war pur und einfach nur schön. Ich musste an das Buch „Die Königin und der Samurai“ von Veit Lindau und seiner Frau Andrea Lindau denken, wo die Frau in dem Buch immer wieder die Frage gestellt bekam, was wahre Schönheit für sie bedeutete. Für mich war es genau das in diesem Moment.

Als Tristan wieder vom Felsen herunterstieg meinte er, dass ich die Kamera behalten könne, um Bilder zu machen. Er vertraute mir seine Kamera an? Und wenn ich etwas kaputt mache? Sie nass wird? Dennoch nahm ich sie irgendwie gerne und machte ein paar Bilder.

Wir liefen weiter und suchten Henry, der schon über alle Lavafelsen war. Ben war irgendwie auch verschollen. Und ich hatte schon wieder Hunger.

So kramte ich meine mitgebrachten Gurkenstücke und Sellerienstangen aus und fragte Tristan, ob er auch etwas wollte. Tatsächlich sagte er ja und wir knabberten knackige Rohkost. Als würden wir das immer so machen.

Plötzlich breitete er seine Arme aus und wollte mich einfach drücken. Ich war hin- und hergerissen, aber ließ mich darauf ein. Ich meine, ich umarme Menschen ständig. Aber, dass das ein Mann von selbst macht, war für mich in dem Moment eher ungewöhnlich.

So liefen wir weiter. Überquerten Bachläufe, kletterten über Felsen und ich bewunderte seine Balance, ohne sich festhalten zu müssen – im Gegensatz zu mir. Aber mein Knie hielt.

An manchen Stellen haderte ich echt mit mir, weil ich mir die Überquerung alleine nicht zu traute. Als könnte er schon wieder meine Gedanken lesen, reichte er mir seine Hand. Hm. Vielleicht schaffe ich es auch alleine. Doris, nimm sie einfach!

Das tat ich dann auch.

Was für ein Handgriff. So fest, aber nicht zu fest. So auffangend, aber nicht festhaltend. So sicher. Ich wusste in dem Moment, dass ich ihm endlos vertrauen konnte. 

Was so ein Handgriff alles aussagen konnte. Das musste ich erst einmal in mein System sickern lassen.

Oh, Frösche! Wir liefen gerade über einen kleinen Bachlauf und da waren lauter kleine so goldige Frösche! Tristan nahm ein paar in seine Hand und hielt sie mir vor die Nase. Ich hätte am liebsten alle nacheinander abgeknutscht, weil die so süß waren. Was für ein schöner Moment.

Irgendwann waren wir dann doch wieder alle zusammen und setzen uns unter Bäume für ein weiteres Picknick. Jeder breitete aus, was er mitgebracht hatte und ich war total begeistert. Fast alles vegan, bis auf die Eier. Sensationell!

Ich weiß nicht mehr wie wir darauf kamen, aber irgendwann fragte ich Tristan wie alt er sei. Er sagte 23.

Oh. Oooooh. Kannst du nicht wenigstens 30 sein oder so? Ich meine, die meisten schätzen mich auf 35, manchmal 33. Dann wären es quasi nur drei Jahre.

Er fragte, wie alt ich bin. Ich sagte 43. Mit seiner Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Er sagte: „Ist auch nur eine Zahl“. 

Achja, stimmt, so hatte ich das noch gar nicht gesehen. Na, wo er Recht hat, hat er Recht, oder? Okay, Doris, warum hast du diese Gedanken? Und warum interessiert dich das überhaupt, wenn er doch sowieso auf Männer steht.

Während mein innerer Dialog weiterging fiel Henry plötzlich ein Zahn aus. Und noch einer. Oh mein Gott, wir mussten alle so lachen. Auch wenn in mir drin ein Teil sich fragte, ob das nicht eigentlich total peinlich ist und ob ich überhaupt lachen darf. Es ist schon unfassbar was für Programme in uns laufen, die ständig abscannen und uns dann glauben machen, wie wir etwas zu finden haben oder wie man sich verhalten sollte.

Löschen Doris. Altes Programm löschen. Was ich jedoch nicht löschen konnte war die nächste Information von Tristan. Er erzählte von seinem Traum letzte Nacht. Er hatte geträumt, dass er fließend deutsch sprechen kann.

What? Zum Glück wusste er nicht, was auf meiner Wunschliste stand. Die Liste hatte ich erst vor wenigen Wochen aktualisiert und spezifiziert: Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich vor ein paar Wochen nach Worten rang, um mich in einer Diskussion angemessen auf englisch auszudrücken.

Ich bin gnadenlos gescheitert und habe mich ziemlich unwohl und gehandicapt gefühlt.

Jedoch gefiel mir schon immer die Vorstellung mit jemanden zusammen zu sein, der englisch spricht. Keine Ahnung warum. Ich fand englisch schon immer toll und war total begeistert, als wir es dann in der Schule endlich lernen durften. Von dem langweiligen Schulenglisch einmal ganz abgesehen.

Jedenfalls kam ich nach dieser Diskussions-Misere zu dem Schluss, dass der tolle englisch-sprechende Wahnsinnstyp an meiner Seite zumindest ein wenig deutsch können sollte. Ist ja nur fair, oder? So kam es auf meine Wunschliste.

Und dann erzählt er auch noch, dass er sogar in der Uni ein Semester deutsch hatte. Fantastisch. Das mit dem Wünschen funktioniert ja wirklich immer wieder prächtig.

Na, die Deutschkenntnisse musste ich gleich einmal testen, was er noch wusste. Unter anderem sagte er: „Die Sonne schient“. Natürlich kam die Pädagogin in mir durch und korrigierte im Klugscheißermodus die Grammatik in „scheint“.

Ja, die Sonne schien. Im Außen und in mir drin. Das klang so goldig. Oh mein Gott. Was passierte da nur.

Und während ich hier schreibe, zeigt meine Uhrzeit 8:08. Na, klar. Oh, Mann. Was es mit dieser Uhrzeit auf sich hat erfährst du in meinen Geschichten über Kanada.

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–> The Beginning:

Alle Blogartikel zu Hawaii und meinem Unfall dort

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–> Canada und wie die magische Reise weiterging