Novemberblues

Lass uns nun in der Zeit ein gutes Jahr zurück springen.

Irgendwie habe ich die beiden Tage im Krankenhaus in Deutschland dann doch überlebt.

Ganz ehrlich? Es war schrecklich. 

Die Schmerzen, die Nachwirkungen des Rückflugs, der Jetlag, die Angst vor dem Fallen.

Zum Glück hatte ich eine sehr liebe Zimmernachbarin, die mich immer zur Toilette brachte, denn alleine hatte ich zu große Panik, dass ich hinfalle. Es war furchtbar.

Und die Vorstellung, dass ich nun tagsüber alleine in unserer Wohnung wäre, weil mein Mann wieder arbeiten musste, schürten meine Ängste noch mehr. Was ist, wenn etwas passiert und keiner da ist, der mir helfen konnte? Nachts war er da, wenn ich raus musste, aber sobald er die Wohnung verließ war ich auf mich alleine gestellt.

Mit am schlimmsten war die Angst vor Emma, unserem Hund. Ja, ich weiß das klingt total schrecklich. Aber ich hatte Angst, weil so sie ein unglaubliches Energiebündel war. Was ist, wenn sie mich umrennt? Auf mein Knie springt? Mir weh tut?

Meine Hämoglobin- und Hämatokrit-Blutwerte waren immer noch desaströs und ich fühlte mich schwach ohne Ende. Zum Glück waren die Entzündungswerte etwas besser und ich musste kein Antibiotikum mehr nehmen.

Mir war auch völlig schleierhaft, wie ich die Treppen zu unserer Wohnung im zweiten Stock schaffen sollte, da wir keinen Aufzug hatten. Jeder Meter war ein Kraftakt. Bitte Universum hilf mir, dass ich das schaffe!

Ja, ich hatte es geschafft, irgendwie. Mein Mann hatte mich bei jeder Treppenstufe gelobt und motiviert.

Atmen, linkes Bein anheben, Krücken nachziehen, abdrücken, rechtes Bein vorsichtig nachziehen und hoffen, dass die Schmerzen sich in Grenzen halten. Und wieder von vorne. Er meinte, ob es mir helfen würde die Stufen zu zählen. Nein. Sobald ich dachte, verlor ich den Fokus. Nicht denken.

Als wir vor der Tür waren ging er zuerst rein und nahm Emma. Sie hatte mich vier Wochen nicht gesehen und würde vor Freude ausflippen. Was im Grunde wunderschön war. Aber diesem Moment war ich einfach nur voller Panik und Angst. Und während ich diese Zeilen schreiben, tut mir das so unendlich Leid, denn sie konnte nichts dafür.

Er hielt sie fest, bis ich auf dem Sofa angekommen war und mein rechtes Bein in Sicherheit hatte. Dann näherte er sich langsam mit ihr, während er sie immer noch am Halsband festhielt, weil sie unbedingt zur mir auf’s Sofa wollte.

Wenn ich so darüber schreibe, kommt es mir vor, als wäre ich überhaupt nicht ich selbst gewesen. Und doch war ich es. Zumindest ein Teil von mir der voller Angst war.

Du willst nicht wissen, wie sehr ich es geliebt habe mit ihr rumzutollen, rumzufetzen, zu spielen, mit ihr zu rennen und im See zu schwimmen. Wir sind immer zusammen reingerannt, ein paar Meter geschwommen und wieder rausgerannt. Das war so lustig. Sie war nicht tot zu kriegen.

Am schönsten war der Moment, wenn sie dann auf der Rückfahrt im Auto eingeschlafen ist, weil sie so platt war. Und ich war seelig, weil ich ihr eine schöne Zeit schenken konnte. Ich wollte immer, dass sie ein glückliches Hundeleben hat.

Als ich auf dem Sofa lag und sie links neben mir hoffte ich nur eines: Bitte nicht auf mein Knie springen. Die Vorstellung mit ihr jemals wieder rumzutollen oder sie beim Spaziergehen halten zu können war in dem Moment für mich Lichtjahre entfernt. Tatsächlich sollte es sehr lange dauern, bis wir beide das wieder tun konnten.

Bitte verzeih mir Emma. Ich fühlte mich einfach so unglaublich schwach.

Die Tage vergingen und ich habe sie alleine in der Wohnung auf dem Sofa irgendwie rumbekommen. Das Highlight des Tages war der Ortswechsel am Morgen vom Bett auf’s Sofa und am Abend wieder zurück. Gott sei Dank konnte in der Nacht wenigstens ein paar Stunden schlafen. Wenngleich der Wundschmerz in den Fersen vom Liegen mich immer wieder wachwerden ließ. 

Du fragst dich vielleicht, ob ich denn keine Schmerzmittel genommen hätte. Ja, habe ich. Aber nur Ibuprofen in Maßen. Ich wollte nach Kaua’i unbedingt Hydrocodon absetzen, weil ich zum Einen nicht abhängig werde wollte von Tabletten und zum Anderen die Signale meines Körper nicht überhören wollte.

Tagsüber hatte mein Mann mir alles neben das Sofa gelegt, was ich brauchte, denn tragen konnte ich mit den Krücken nichts. Meinen Kaffee am Morgen trank ich im Stehen in der Küche. Zum Glück war unsere Küche so gebaut, dass ich mich überall festhalten konnte.

Ich musste mir immer dreimal überlegen was ich wo brauche, denn jeder Weg war ein einziger Kraftakt und ich war von jedem zusätzlichen Schritt erschöpft ohne Ende.

In dieser Zeit lernte ich Achtsamkeit und Fokus pur. Auch wenn ich durch all die Wettkämpfe mich sehr gut fokussieren konnte und mir Yoga und Meditation Achtsamkeit lehrten. All das brauchte ich jetzt dringend.

Jede falsche Bewegung hätte mich Stürzen lassen können und es war keiner da, der mir helfen konnte, weil alle arbeiten mussten.

Klar hatte ich Besuch, am Wochenende und am Abend. Und das war wunderschön. Aber die meiste Zeit war ich alleine. 

Und das triste Novemberwetter tat seinen Rest dazu. Es war grau in grau, es regnete und raus konnte ich ebenso wenig.

Irgendwann hatte mein Mann die Idee bei der Krankenkasse einen Rollstuhl zu beantragen, dass er oder meine Freunde mich außen herumfahren konnten.

Er sollte mir ebenso eine Hilfe auf dem Schiff sein.

Schiff? Ja. Wir hatten Anfang Dezember über unseren Hochzeitstag eine Kreuzfahrt gebucht, die ich im Grunde stornieren wollte. Aber er hatte sich so gefreut und wollte sie unbedingt machen. Und ich wollte ihn nicht enttäuschen. Hatte er doch für Kaua’i schon so viele Urlaubstage für mich geopfert.

Ich fühlte mich nach wie vor schuldig, weil er an einen Ort reisen musste, an den er nie wirklich hin wollte und seinen kostenbaren Urlaub dafür hergeben. Ich wollte ihm unbedingt diese Schiffsreise schenken. Das war das Mindeste was ich tun konnte.

Du willst nicht wissen, wieviel ich geweint habe. Ich dachte 2016 wäre mein schlimmsten Jahr gewesen und ich könnte mit körperlichen Schmerzen wesentlich besser umgehen, als mit psychischen. Im Training und im Wettkampf konnte ich mich quälen bis zum Umfallen. Doch das war ein anderer Schmerz. 

„Du wirst sehen, wenn du wieder zu Hause bist, wird alles gut.“ Das waren die Worte vieler meiner Freunde, meiner Mutter und meiner Schwiegereltern. Jeder dachte, wenn ich erst einmal wieder in Deutschland bin, dann ist alles viel besser.

Ganz ehrlich? Nichts war besser. Mir war jeden Tag arschkalt, weil mein Kreislauf total im Keller war. Ich konnte nicht raus, das Wetter war triste und ich war alleine. In Kaua’i war ich es nicht. Es war im Haus immer irgendjemand da zum Reden. Es schien die Sonne. Es war grün und ich konnte mit dem Rollstuhl nach draußen. Und wenn nicht, konnte ich im Bett wenigstens den Vögeln und den Hähnen zuhören. 

Doch niemand konnte das verstehen. Außer meine Freundin Helena, die das Jahr zuvor mit mir auf Kaua’i war. Sie wusste wie sehr ich diese Insel liebte und welche unfassbare Energie dort war.

Ich glaubte fest daran, dass der Heilungsprozess dort viel schneller gegangen wäre. Am liebsten wäre ich so lange dort geblieben, bis ich wirklich wieder flugfähig gewesen wäre. Aber ich musste mich den äußeren Gegebenheiten beugen. 

Ach ja Fliegen. Das stand bald wieder bevor. Diesmal nach Gran Canaria. Bis dahin war noch Einiges mit meiner Behinderung zu Organisieren.

Ja, ich war zu diesem Zeitpunkt behindert, auch wenn meinem Ego das nicht gefiel. Ich musste es akzeptieren.

Auch, dass ich auf dem Schiff all die schönen Dinge nicht tun konnte. Whirlpool, Sauna, Fitnessstudio, Yoga – konnte ich alles vergessen. Sie hatten sogar einen Indoor-Cycling-Raum und einen Pool in dem man richtig schwimmen konnte. Nur konnte ich weder in den Pool rein noch wieder heraussteigen.

So stand ich vor der nächsten großen Herausforderung meines Lebens: Mit Rollstuhl und Krücken auf einem Kreuzfahrtschiff.

Und noch schleierhafter war mir, wie ich das schaffen sollte mein DAY LOVER Online Training per Whats App in zwei Wochen durchzuführen. Ich hatte bereits Anmeldungen und musste den Start schon nach hinten schieben. Alle waren total lieb und verständnisvoll und ich wollte ich sie in keinem Fall enttäuschen. 

So war es mein Aufgabe in diesem Zustand zu lernen jeden Tag wirklich zu lieben. Denn ich konnte immer nur das als Coach weitergeben, was ich selbst durchlebt oder erfahren hatte. Alles andere kam für mich nicht in Frage.

Mein Knie war zwar verletzt, aber meine Stimmbänder waren es nicht. Ich konnte sprechen. Und ich ahnte ja nicht, welche Kräfte freigesetzt wurden, sobald ich begann die Sprachnachrichten Woche für Woche zu sprechen.

Welche Energie durch mich hindurch floss, als ich wieder anfing Yoga mit nur einem Bein zu unterrichten. Doch für Yoga musste ich mich noch ein paar Wochen in Geduld üben.

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The Beginning:

–> Alle Blogartikel zu Hawaii und meinem Unfall dort

–> Canada und wie die magische Reise weiterging