Meine tiefsten Ängste

Aha! Er hatte sich doch gemeldet, dass er gut angekommen ist. Er bedankte sich für meine Zeit und meine Energie.

Hm, war das nett? Im Grunde ist das größte Geschenk, was wir Menschen machen können: Unsere Zeit und unsere Energie. Auch er hatte sie mir geschenkt. Er hatte nur zwei Tage auf Kaua’i und hatte sie mit mir verbracht.

Sein letzter Satz machte mich sehr nachdenklich. Er schrieb: Erinnere dich immer an deinen Wert.

Woher wusste er das?

Okay, Herr Therapeut, dann gehen wir jetzt noch einmal in das Wertethema hinein.

Vielleicht hast du dich während des Lesens schon gefragt, ob ich denn kein Thema mit dem Alter gehabt hätte.

Ganz ehrlich? Ja. Aber wenn wir zusammen waren, dann war mir das total egal. Ich dachte auch, dass es mir generell egal wäre. Doch tief in mir drin war dem nicht so. Was mir erst einige Wochen später bewusst wurde. 

Die permanenten Autokennzeichen als ich wieder in Deutschland war, mit der Zahl 23 sprachen eine mehr als deutliche Sprache. Ich wurde eine zeitlang fast täglich damit konfrontiert, um mich wirklich in der Tiefe damit auseinander zu setzen, was das bedeutete: 20 Jahre.

Er könnte mein Sohn sein und ich seine Mutter. Alleine was ich in den letzten 20 Lebensjahren alles erlebt hatte, hatte er noch vor sich. Zumindest waren das meine Gedanken. Also bin ich da tiefer rein, z. B. ob ich ein Mutterthema hätte. Aber es kam immer wieder ganz klar: Nein.

Er war für mich absolut gleichwertig. 

Dennoch war ich plötzlich mit Gedanken konfrontiert, die ich so nicht kannte. Über MEIN Alter, meine Falten etc. 

Plötzlich konnte ich mich in Frauen hineinversetzen, die für ihren jüngeren Partner einiges tun würden, nur damit sie jünger aussahen. Was nicht heißt, dass ich mich für jemanden unters Messer legen würde. Aber ich konnte es nun nachfühlen. 

Das scheint meine Lebensaufgabe zu sein. Dinge zu erleben, damit ich andere wieder besser verstehen konnte. Ob das jetzt Kummer, Depression, emotionaler Missbrauch, Behinderungen, Mobbing oder Burn out sind. Bald werde ich auch die Erfahrung einer Scheidung hinter mir haben.

Jetzt fragst du dich warum ich mich überhaupt damit auseinander gesetzt haben, denn wir waren definitiv nicht zusammen.

Gute Frage. Es hatte etwas in mir ausgelöst und das wollte ich mir ansehen. 

Was ich mir zu Beginn definitiv nicht ansehen wollte war die Idee wirklich nach Kanada zu fliegen und ihn zu fragen, was er davon hielt, dass ich ihn besuchen komme.

Doch mein Herz hatte keinen Frieden gegeben. Ich weiß es noch wie heute: Ich saß mit meinem Handy im Garten und presste sich mit aller Gewalt geben meinen Brustkorb. Ich konnte kaum atmen. Es wurde erst besser als ich die Nachricht geschrieben hatte.

Plötzlich wurde ich mit meiner größten Angst konfrontiert: Der Angst vor Ablehnung.

Junge, so etwas hatte ich noch nicht erlebt. Was da alles aus der Tiefe nach oben ploppte. Im meine, im Grunde konnte ich ihm dankbar sein, aber in diesen Tagen hätte ich gut darauf verzichten können.

Erst der brutale Trennungsschmerz von meinem Mann, dann ging es mir besser und dann so etwas. Meine Seele hatte das volle Programm gewählt.

Wo kam diese Angst plötzlich her? Wann bist du entstanden? Wahrscheinlich in meiner Kindheit durch meinen Vater. Und wenn ich dir jetzt noch erzähle, dass Tristans Initialen genau der Spiegel zu denen meines Vaters sind.

Aber das fiel mir erst auf, als ich wieder in Deutschland war Ich blickte auf das Autokennzeichen meines Vaters und es traf mich wie der Blitz. Jesus Christ. Was für ein Heilungsmarathon.

Und Tristans Antwort machte das Ganze nicht besser. Er wollte erst in drei Tagen antworten, weil er über’s Wochenende weg war und dort keinen Empfang hatte.

Aber im Grunde ging es nicht um ihn, sondern um das was es in mir auslöste. 

Klar fand es ein Teil in mir total scheiße. Was für ein scheiß Spiel. Warum hatte ich es nicht einfach sein lassen. Warum bin ich überhaupt mit auf das Boot? Mir ging es doch wieder gut!

Anscheinend nicht ganz. Und im Nachhinein bin ich sehr dankbar, denn ich will meine Ängste überwinden, um frei zu sein.

Was mir half war Schwimmen.

Bahn um Bahn habe alles herausfließen lassen, geweint und geatmet. Ich habe mir mental vorgestellt, wie das Wasser alles reinigt und klärt.

Danach ging es mir besser. 

Mein Dauermantra in diesen Tagen war „Ich bin wertvoll“ und tatsächlich konnte ich es nach einiger Zeit immer mehr fühlen. YES.

Nach drei Tagen kam dann die Antwort. Ich habe sie nicht mehr klar vor Augen, aber es war so etwas wie ein „Ja“ und er wollte mir auch sagen, was seine Wahrheit ist: Dass er gerade auf einer Selbstfindungsreise ist und nichts im Außen sucht. Er wollte nicht, dass ich mich fehlgeleitet fühle.

Aha, warum hast du mir das nicht gleich an dem Trail-Tag sagen können?

Okay, Doris, unabhängig von dem was er will: Was willst du?

Nachdem er auch geschrieben hatte, dass er so beschäftigt ist, dachte ich mir: Nein. Dann nicht. Dann ist es eben so.

So schrieb ich ihm, dass es womöglich nicht der richtige Zeitpunkt war. 

Doch diese British Columbia Sache ließ mir keine Ruhe …

Plötzlich wusste ich es. ICH wollte dorthin. Egal, ob wir uns sehen oder nicht. Und ich wollte nicht nur für eine Woche, sondern ich wollte länger bleiben eine Tour machen. 

Die Sache hatte nur einen Haken, ich hatte einem Workshoptermin zugesagt der bald war. So fragte ich meine Freundin Maja, ob sie mich vertreten könne, aber sie konnte nicht. So schrieb ich offen und ehrlich dem Organisator, ob mich jemand vertreten könne. Und tatsächlich, es war überhaupt kein Problem!

YEAH! So hatte ich drei Wochen. Kanada ich komme!

Es war fantastisch. Plötzlich lief wieder alles, weil ich eine Entscheidung für MICH getroffen hatte.

Hm, sollte ich über Portland fliegen? 

Wie Portland? Ja, Portland. Ich bin auf Kaua’i ständig Menschen begegnet, die aus Portland kamen oder Virginia. Aber ich entschied mich für die Route über Seattle.

Seattle. Darüber sind wir nach meinem Unfall auch nach Hause geflogen. Nach Hause nach Deutschland. Diesmal flog ich weiter nach Vancouver.

Dieses Glücksgefühl, als ich die Flugbestätigung bekommen hatte. Oh mein Gott! 

Kaum war der Flug gebucht, schrieb Tristan: „Ja, womöglich ist es nicht der richtige Zeitpunkt.“ Er hatte wohl auch meine Ausflugsbilder auf Facebook gesehen und meinte, dass ich die Zeit auf Kaua’i bis zum Ende noch genießen sollte.

Hm, sollte ich ihm sagen, dass ich gebucht habe? 

Da war es wieder mein Herz. Ja, ich sollte es ihm sagen. Jedoch unter der Prämisse, dass es keine Rolle spielt, was er dazu sagt.

Es war wie ein Wunder. Ich konnte wirklich dieses Gefühl etablieren, dass beides für mich völlig in Ordnung war. 

So schrieb ich ihm, dass ich gebucht hatte und ließ es offen.

An dem Tag der Flugbuchung ist noch etwas anderes Magisches passiert. Es kam der Impuls ein neues Buchexposé zu schreiben. Ich hatte Anfang des Jahres schon Eines verfasst und eine Absage erhalten, die mich ziemlich traf, denn es wäre mein absoluter Traumverlag gewesen.

Auf Kaua’i kam ich zu dem Schluss, das irgend etwas mit dem Aufbau des Buches nicht mehr stimmte. Ich hatte zu Beginn die Idee zuerst darüber zu schreiben, wie mein Ex-Mann und ich uns kennengelernt hatten, denn das war wirklich eine lustige Geschichte. Und dann wie ich mich durch meine Ausbildungen verändert hatte und was es mit ihm machte. Dann sollte erst der Unfall auf Kaua’i kommen.

Doch irgend etwas passte nicht mehr: Es waren die Kapitel. 

Ich hatte meinem Ex-Mann unsere Kennlerngeschichte bereits als kleines Buch zu seinem Geburtstag vor ein paar Monaten geschenkt.

Ja, das war es: Sie gehörte nicht mehr in das Buch.

So setzte ich mich an mein Macbook und schrieb ein Neues. Es war unfassbar, wo ich Anfang des Jahres tagelang daran schrieb, war es nach wenigen Stunden ich fertig und ich sendete es an einen anderen Verlag ab. 

Du denkst dir jetzt vielleicht, warum ich das Exposé nicht gleich an mehrere Verlage gesendet hatte. Ja, hätte ich machen können, aber ich musste immer an einen Satz denken. Den hatte der Chef des ersten Verlages gesagt. Er meinte, wenn man mit einem Verlag zusammenarbeitet, dann ist das wie ein Ehe, die man sich vorher gut überlegen sollte. Und genau das hatte ich getan.

Ich wollte so sehr diesen einen Verlag und habe eine Absage bekommen. Du willst nicht wissen wie sehr mich das runtergezogen hatte. Ich wollte nie wieder schreiben. Nie wieder. Und doch habe ich mich irgendwann gefangen und weitergeschrieben …

Kaum hatte ich das Exposé abgesendet kam eine Nachricht von Tristan: Natürlich wollte er mich sehen. Wenn wir nun drei Wochen hatten, würde er sich in jedem Fall Zeit nehmen. Er wollte wissen, wann mein Flieger geht und ob ich in Vancouver oder Victoria landen würde.

Er schien wie ausgewechselt.

War er jetzt nicht nur mein „Tiefste-Ängste-Hervolholer“, sondern auch noch mein „Buchschreib-Booster?“

Ich glaube ja. Ich glaube er war in vielen Dingen mein größter Lehrer. Seine Seele hatte einen verdammt guten Job gemacht.

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–> The Beginning:

Alle Blogartikel zu Hawaii und meinem Unfall dort

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–> Canada und wie die magische Reise weiterging