Deep Healing bei den Joffre Lakes

Was für eine Nacht. Alter Falter hatte ich schlecht geschlafen.

Ich fühlte mich am Morgen wie ausgekotzt und völlig durch den Wind. Irgendetwas arbeitete in mir. Als würde heute irgendetwas passieren und mein ganzes System bereite sich darauf vor.

Im Nachhinein war mir klar, warum. Meine Seele wusste schon, was auf uns zukommt und das war definitiv nicht lustig!

Was war das? Und warum war ich heute so hypernervös?

Manchmal bringen Fragen nichts, wenn es noch nicht Zeit ist, die Antwort zu erfahren. Ich hoffe, dass ich das irgendwann auch einmal kapiere und einfach noch mehr vertrauen kann. Vor allem, dass ich immer behütet und beschützt bin. So wie an diesem Tag.

So bereitete ich die Wanderung in diesem echt schnuckeligen Apartment vor. Packte meinen Rucksack und genoss für einen Moment dieses Gefühl wieder eine Art Wohnung zu haben. Einen Raum nur komplett für mich. 

Und es machte mir soviel Spaß, mir jeden Tag die Routen rauszusuchen, meine Sachen zu organisieren und zu planen. Ich hatte alles was brauchte. Essen, meine Kleidung, ein Auto, ein Bett, eine Dusche und viele viele Abenteuer direkt vor meiner Nase.

Als ich Richtung Joffre Lakes fuhr fühlte sich mein Auto irgendwie komisch an. Ich kann dir nicht sagen, was es war. So gab ich all meine positive Energie in dieses für mich immer noch viel zu große Fahrgeschoss und bat die Spirits, dass ich gut ankommen möge. Was ich dann auch tat. 

Als ich das Auto abstellte und über den Parkplatz Richtung Parkeingang lief, fiel mir auf der linken Seite ein Auto auf. Es hatte auf dem Kennzeichen unter anderem „B0B“. Ich wusste auch nicht warum ausgerechnet dieses Auto meine Aufmerksamkeit hatte.

Ich kann dir nur eines sagen, wenn du einmal in British Columbia bist, dann musst du UNBEDINGT zu den Joffrey Lakes! So etwas unfassbar Atemberaubendes habe ich bei einem See noch nie gesehen. Die Farbe dieser Seen schien aus einer anderen Dimension zu sein.

Insgesamt sind es drei Seen. Der Untere, Mittlere und Obere. Begonnen hatte ich mit dem unteren See und wollte dort einfach nur sitzen und die Szenerie genießen.

Ich beobachtete die Menschen und vor allem zwei deutsche junge Frauen, wie sie versuchten die perfekten Posen für ihre Fotos festzuhalten. Eine war dabei sehr beharrlich. Ich musste sehr schmunzeln, denn sie hatten ja keine Ahnung, dass ich jedes einzelne Wort verstehe.

Als Coach finde ich es immer wieder spannend zu sehen wie sehr wir alle im Grunde nur geliebt werden wollen und vielleicht dafür manchmal zu sehr auf andere eingehen. Was eine der beiden definitiv tat. Sie entschuldige sich tausend Mal, weil sie für ihre Freundin nicht die richtige Perspektive fotografierte.

Die eine, die sich unterordnet und die andere die wie ein Feldwebel herumkommandierte. Schüler und Lehrer. 

Ja, ich kenne beide Rollen.

Ich finde wir sollten damit aufhören. Weder uns selbst klein zu machen, was wir nicht sind, noch sich über jemand zu stellen. Wir sollten uns gegenseitig unterstützen, wieder in Balance zu kommen, um weder zu sehr ins eine noch ins andere Extrem zu verfallen. Ja, das wünsche ich mir.

Während ich weiter lief hatte ich Na Pali Kais Worte im Ohr, was er für magische Momente hier erlebt hatte. Doch mir war klar, dass es hier nicht um ihn ging, sondern um meinen Ex-Mann. Also weg mit den Gedanken und Fokus auf das was gerade anstand: Loslassen.

Dafür hatte ich eine Kette mitgebracht, die mir mein Ex-Partner auf Fuerteventura geschenkt hatte. Er wollte mir immer Sachen kaufen und ich wollte das gar nicht. Mir fällt es immer noch schwer so etwas einfach anzunehmen und danke zu sagen.

In diesem Fall habe ich mir von ihm diese Kette schenken lassen und nahm das Geschenk einfach an.

Das Band war Türkis, meine Lieblingsfarbe. Wie die Farbe des Sees, die sich vor mir ausbreitete. Als Anhänger hatte sie eine Muschel. Ich liebe Muscheln und auch Steine und sammle sie seit Jahren in einer Schale. Von überall auf der Welt. Das sind meine Schätze.

Okay, Joffrey Lakes, zeig mir den richtigen Platz für diese Kette.

Dieser sollte beim oberen See sein. Ich wusste es einfach. Bevor ich an dem Ort angekommen war aß ich für ihn noch eine Birne. Es liebte Birnen und es war immer eine wahre Freude im dabei zuzusehen, wie er sie mit soviel Genuss auf dem Sofa verspeiste und gefühlt stundenlang bis zum letzen Kern alles außen herum abknabberte. 

So genoss ich diese Birne und musste dabei schon weinen.

Der Platz für die Kette war unter einem Ast etwas außerhalb des Trails, wo ich sie vergrub. Alleine das war schon so unglaublich berührend. Ich ließ noch einmal alle Erinnerungen hochkommen, die kommen wollten, auch an Emma, deren Hundemama ich einmal war.

Puh. Einatmen. Ausatmen.

Als ich wieder nach unten kletterte sagte ich noch einmal in Gedanken zu ihm „Bye bye Hase“ und erinnerte mich an seine Worte, immer, wenn wir uns verabschiedet hatten: „Bye, bye, Butzi“. Ich weiß auch nicht, warum wir das auf englisch gemacht haben. Sein Name für mich war Butzi, weil ich so „putzig“ war. Nur auf fränkisch eben.

So ließ ich alles aus mir heraus fließen, fühlte uns spürte und ließ los.

Danke Joffrey Lakes, danke Kanada.

Ich nahm einen tiefen, tiefen Atemzug und fragte mein System zu wieviel Prozent ich ihn losgelassen hatte

Es waren plötzlich 80% Prozent. 

Von 40 auf 60 auf 80. Mir schien, als würde mich Kanada auf etwas vorbereiten. Wer weiß, vielleicht hatte mich Kaua’i schon darauf vorbereitet. Ich meine den Heilungsmarathon, den ich in den zwei Monaten dort hingelegt hatte, war echt enorm.

Fast zehn Jahre Beziehung sind einfach eine lange Zeit. Und trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ich nicht Jahre brauchen werde, um das zu verarbeiten.

Nein, es ging viel schneller als gedacht. Und während ich so tippe werden meine Finger immer leichter und leichter und tief in mir drin weiß ich auch warum.

Es waren nur noch wenige Tage bis ich Na Pali Kai wieder sah. Eigentlich schon am nächsten Tag. Doch alles kam ganz anders …

Zurück zu den wunderschönen Seen. 

Ich hatte etwas Bedenken wegen des langen Rückwegs und meines Knies. Es regnete und der Trail war etwas rutschig. So ging ich achtsam den ganzen Weg zurück und genoß noch einmal die malerische Kulisse, die Berge, den Fluss rechts auf meiner Seite. Und jeden Schritt, denn ich gehen konnte.

Die Luft tat so gut. Das Atmen tat so gut und ich liebte dieses Gefühl einfach einmal wieder so richtig durchgeschwitzt zu sein :-)

So freute mich auf eine Dusche in dem schnuckeligen Girlie-Apartment, vielleicht auf einen Saunagang und ich wollte unbedingt noch einmal in dem Pool schwimmen! Ach ja und ESSEN. Ich hatte mega Hunger!

So kam ich dem Parkende immer näher und näher und lief zurück über den Parkplatz Richtung Auto – und traute meinen Augen nicht: Ich hatte einen Platten. Vorne links. Scheiße.

Okay. Lagecheck. Du hast eine Road-Assistance, die rufen wir die jetzt an. Hoffentlich hält meine deutsche Prepaid-Karte so lange wie das Gespräch dauerte, denn ich konnte damit immer nur für 20 Euro telefonieren. Was letztes Jahr auf Kaua’i nach meinem Unfall ein Desaster war, weil das Gespräch nach wenigen Minuten abbrach, weil das Geld alle war. 

Ich scheine echt auf Nervenkitzel zu stehen. Merke Doris, das nächste Mal kaufst du dir gefälligst eine passende Karte für Kanada! Und wenn die nicht passt, dann eben ein neues Handy. Du wolltest doch sowieso eine bessere Kamera haben.

Kein Empfang? What? Ach nö, auch das noch. Was mach ich denn jetzt?

Weißt du was das Verrückte war? Ein Teil in mir blieb völlig ruhig. Ich habe manchmal das Gefühl, dass in Extremsituationen ruhiger bleiben kann, als in weitaus weniger aufregenden Momenten.

So ging ich los und fragte eine Frau im Auto gegenüber, die gerade losfahren wollte, ob sie Handempfang hätte. Negativ. Auch nicht das Paar im anderen Auto. Okay, weiterfragen.

Mir war schon irgendwie klar, dass es darauf hinauslaufen wird, dass mich jemand wieder mit runter nach Pemberton nehmen musste, wo bestimmt Empfang war.

Plötzlich kam mir ein weiteres Paar entgegen und ich frage sie, ob sie Empfang hätten. Wieder negativ. Okay, Doris, nimm all deinen Mut zusammen und frag sie, ob sie dich mitnehmen können.

Das tat ich dann auch und sie waren super nett und sagten sofort ja. So flitzte ich schnell zu meinem lädierten Auto, nahm alle meine Sachen heraus und stieg in deren SUV ein.

Wow, das habe ich auch noch nie gemacht. Bei wildfremden Menschen einfach so mitfahren. Hatte mir doch meine Mutter beigebracht, niemals bei fremden Menschen ins Auto zu steigen. Sorry Mom, ging nicht anders ;-)

Ganz ehrlich? Ich hatte mich total wohl und sicher gefühlt. Ich war einfach so dankbar für diese netten Menschen.

So plauderten wir im Auto und ich weiß nicht warum, aber ich habe sogar von dem Buch erzählt an dem gerade schreibe und, dass diese Geschichte auf jeden Fall mit reinkommt ;-)

Und jetzt kommt das Beste: Noch am Morgen spukte mir immer wieder Victoria auf Vancouver Island im Kopf herum und schaute mir ein paar Unterkünfte an. Die Stadt in der Laara lebte, die ich letztes Jahr nach meinem Unfall auf dem Flughafen in Seattle kennengelernt hatte und die ich auf dieser Reise noch besuchen wollte.

Als ich mir die Stadt im Internet ansah, fand ich heraus, dass es dort sogar einen 70.3 Ironman gab. Du willst nicht wissen, was das in dem Moment mit mir machte. Es ging voll in mein System rein und ich musste so sehr weinen.

Weißt du, im Grunde wollte ich nie wieder einen Triathlon-Wettkampf machen, nach meinem letzten Langdistanz-Desaster, wo ich meinen Körper vollkommen geschrottet hatte. 

Doch irgendwas in mir konnte den Triathlon noch nicht ganz loslassen. Irgendwas war da noch. Irgendwas in mir wollte dort an den Start gehen. Und während ich hier tippe, laufen mir schon wieder Tränen über die Wangen.

Der Triathlon hatte mich 2004 mit meinem Extfreund auf Big Island und auch nach Kaua’i gebracht. Mein Traum war es ab diesem Zeitpunkt immer in Kona zu starten. Aber ich war zu langsam bei den Qualifizierungswettkämpfen.

Ich wollte die Insel einfach nur spüren bis in ihre Extreme. Die Hitze, den Wind, die Lava und all die gigantische Naturgewalt dort. Völlig eintauchen. Nur Hawai’i und ich.

Nun war es wohl Victoria und ich.

Ja, dieser Ort zog mich einfach magisch an. Und dreimal darfst du raten, wie die nette und so hilfsbereite Frau im Auto hieß: Victoria.

In Pemberton angekommen brachten sie mich an eine Tankstelle, um dort zu telefonieren. Ich nahm wieder all meinen Mut zusammen, um sie zu fragen, ob sie mir helfen könnte und ob, wir vielleicht ihr Handy benutzen könnten.

Ich hatte nicht nur bedenken wegen meiner beschissenen Prepaid-Karte, sondern ebenso blanke Panik vor einem Telefongespräch auf Englisch. Was ist, wenn ich nicht alles verstand und mich dumm anstellte? Da kamen Ängste hoch. Junge, Junge.

Sie war einfach so der Hammer. Sie gab mir ihr Telefon, schaltete das Gespräch auf Lautsprecher und blieb schützend an meiner Seite. Jedesmal wenn ich sie fragend ansah, weil ich z.B. keine Ahnung hatte, was ein „Spare“ ist, half sie mir. Ein „Spare“ ist ein Ersatzreifen. Ja, den hatte ich im Kofferraum.

Ich könnte immer noch Weinen vor Dankbarkeit, weil sie mir in dem Moment so eine unfassbar sensationelle Unterstützung war. 

Als ich das Gespräch beendete, atmete ich tief durch und Victoria lächelte mich aufmunternd an. Die Road-Assistance sollte in ungefähr zwei Stunden hier sein. 

Ich drückte beide noch einmal feste und bedankte mich. Er war auch so toll und wollte sicher gehen, dass der Service-Dame am Telefon klar, war, dass mein Auto woanders stand, als ich gerade war und, dass sie mich hier erst abholen mussten.

Danke. Danke. Danke. Mahalo. Mahalo. Mahalo. Thank you. Thank you. Thank you.

Als sie wegfuhren traute ich meine Augen nicht, als ich auf das Kennzeichen sah: B0B. Es war genau das Auto, das ich gesehen hatte. Oh mein Gott.

War das alles schon so geplant?

Da stand ich nun an der Tankstelle und hatte immer noch mega Hunger. Ganz ehrlich? In dem Moment war mir total egal, dass es in nächster Nähe nur Fast-Food gab und, dass das alles andere als vegan und zuckerfrei war. Ich brauchte jetzt einen fetten Cookie und einen Milchshake!

Ich machte mir eher Gedanken, was ich mache, wenn sie mich anrufen wollten. Aber auch diese Gedanken waren völlig unnötig, denn sie riefen in der Tankstelle an, um mir zu sagen, dass es etwas dauerte – und der nette Kassierer überbrachte mir die Nachricht nach draußen. Da waren sie wieder all meine Engel um mich herum. Wie damals nach meinem Unfall auf Kaua’i. 

Du bist nicht alleine. Bitte vergiss das nie, liebe Leserin, lieber Leser. Wir sind alle wie eine große Familie <3

So saß ich auf dem Asphalt vor der Tankstelle. Verschwitzt, voller Schlamm an meinen Beinen, meinen Bauch voll mit ungesunden Zeug (und mein Darm rebellierte schon) und trotzdem einfach nur seelig. Ich hatte gegessen und getrunken, war auf der Toilette, hatte warme Sachen an, WLAN und würde bald abgeholt werden.

Und als hätte sie es gespürt, schrieb mir mein Apartment-Host, ob ich irgend etwas bräuchte. Ja! Wo finde ich den nächsten Reifenhändler? Denn die Mietwagenfirma sagte mir, dass ich das selbständig machen muss und sie mir dann den Betrag erstatten werden.

Sie empfahl mir in Whistler „Barneys Tireland“ und so recherchierte ich schon einmal für den nächsten Tag, wo das genau war.

Alles war gut.

Nach zweieinhalb Stunden war er dann endlich da, mein gelber Engel, wie wir sie in Deutschland nennen. Einer meiner Ex-Freunde war so einer und fand an seinem Job so  toll, dass die Menschen sich immer auf ihn freuten.

So wie ich in diesem Moment ICH :-) 

Was haben wir auf der Fahrt Richtung meines lädierten Mietwagens gelacht. Er liebte seinen Job und ich genoss seine verrückten Geschichten, während wir in der Dunkelheit dem Parkplatz immer näher kamen.

Was für ein Abenteuer.

Ratzfatz hatte er meinen Reifen gewechselt und ich schwor mir, dass ich das lernen wollte, damit ich mir das nächste Mal selbst helfen konnte. Ich liebe Selbständigkeit! Danke, Dad, dass du mir später gezeigt hast, wie das geht.

Der kanadische gelbe Engel machte die ganzen Unterlagen fertig und schon saß ich im reparierten Auto auf dem Rückweg. 

Mir ist, als wäre es erst gestern gewesen. Ich kann mich noch gut an die wundervollen Klänge der Mantra-Musik im Auto und die dunklen leeren Straßen erinnern. Diese Autofahrt war eine der schönsten Erlebnisse in BC.

Ich fühlte mich einfach nur pudelwohl und wollte an keinem anderen Ort der Welt sein. Ich glaube, in diesem Moment hatte ich mich verliebt: In British Columbia.

–> The Beginning:

Alle Blogartikel zu Hawaii und meinem Unfall dort

*

–> Canada und wie die magische Reise weiterging