Vergebung

Da lag ich nun Tag um Tag nach meinem Rücktransport von Kaua’i auf dem Sofa und war dankbar für jeden Besuch. Es war spannend meine Erwartungshaltung zu beobachten, mit der ich davon ausging, wer auf jeden Fall kommen würde.

Denn ich konnte nirgendwo hin und viele meiner Freunde wohnten weiter weg.

Doch es kam ganz anders. Denn es haben mich Menschen von ganz weit weg besucht, mit denen ich niemals gerechnet hätte – und Menschen, von denen ich fest davon überzeugt war, dass sie kommen würden, blieben aus. Das war für mich eine sehr schmerzhafte Erfahrung. Am meisten, dass meine Mutter nicht kommen konnte, weil sie selbst krank war und mit meinem Vater hatte ich zu dem Zeitpunkt keinen Kontakt. Ebenso wenig mit meinem Bruder.

Wer für mich da war, war meine „neue“ Familie. Meine Schwägerin und meine Schwiegereltern und ich bin ihnen heute immer noch so dankbar, dass sie ich durch sie erfahren durfte, was Familie wirklich bedeutet.

Ganz besonders freute mich auf den Besuch von einer Frau, wo ich niemals gedacht hätte, dass wir uns jemals wieder so gut verstehen würden. Ihr Name ist Johanna.

Wir hatten und damals gegenseitig sehr verletzt.

Es war im Jahr 2005 und ich hatte mich von meinem damaligen Freund getrennt. Sie war zu dem Zeitpunkt schon fast auf dem Weg nach Australien und ich hatte sie bereits vermisst, obwohl sie noch gar nicht weg war.

Wir beide hatten sehr viel zusammen für Triathlon Wettkämpfe trainiert, sind gemeinsam in der Liga gestartet und haben viele gemeinsame Kilometer auf dem Rad verbracht. Mit ihr bin ich das erste und einzige Mal 200 Kilometer am Stück Rad gefahren.

Ich weiß nicht warum, aber ich wusste irgendwie, dass sie genau sein Typ war und sie war wesentlich jünger als ich. Verrückterweise sagte ich sogar einmal zu seiner Schwester: Sie wird meine Nachfolgerin sein. Ich weiß auch nicht warum, ich war mir nicht sicher, ob wir zusammen bleiben würden und dachte mir, dann hätte er eine tolle Frau an seiner Seite.

Pass auf was du denkst.

Letztendlich kam es so. Und es kam für mich noch viel schlimmer. Ich hatte das erste Mal in meinem ganzen Leben Nachrichten angeschaut, die ich mir hätte nicht anschauen sollen. Ich fand es immer total daneben, wenn ich von Frauen hörte, die ihrem Freund so wenig vertrauten, dass sie seine Nachrichten kontrollierten. Zja, auch hier hat mich das Leben eines besseren belehrt.

Sag niemals nie.

Sein Posteingang am PC in unserm gemeinsamen Büro war offen. Wir waren zwar schon getrennt, aber ich wohnte noch da, bis ich auszog. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie zog mich dieser Posteingang magisch an und so begann ich zu lesen. Das war ein traumatisches Erlebnis. Zu lesen, was jemand über dich schreibt, den du so gerne hattest wie sie.

Im Nachhinein kann ich sie so gut verstehen. Sie hatte einfach um ihn gekämpft. Letztendlich kamen wir doch wieder zusammen, als sie in Australien war. Was für sie brutal gewesen sein musste, denn sie konnte nichts tun.

Ja, wir haben uns beide sehr verletzt und es hat viele Jahre gedauert, bis wir wieder zueinander fanden.
Als ich dann mit meinem Mann zusammen kam erzählte mir dieser, dass bei seinen Eltern eine Johanna die Einliegerwohnung mieten möchte. Sie sagte wohl zu seinem Vater, dass wir uns kennen und sein Vater wollte wissen, ob ich sie kenne und, ob das okay für mich ist.

Puh, das war eine harte Nummer für mich. War ich schon bereit sie wieder so nah in meinem Leben zu haben? Leider nein. Und das tut mir heute noch so leid, dass ich mein Ego zu dem Zeitpunkt nicht überwinden konnte.

Und dann passierte ein paar Jahre später etwas Magisches.

Ich veranstaltete mit meiner Freundin zusammen ein Event „Yoga und Picknick am Rothsee“ und Johanna schrieb mir eine E-Mail, dass sie sich gerne anmelden würde und, ob das okay für mich wäre. Sie machte nun auch Yoga, wow.

In dem Moment, als ich die E-Mail von ihr las, war ich einfach nur tief berührt von ihrem Mut. Natürlich war es für mich okay. Sogar mehr als das. Ich freute mich so sehr sie zu sehen!

Als wir uns dann am Rothsee gegenüberstanden und uns in den Arm nahmen, haben wir einfach nur geweint.

Wir hatten uns vergeben. Wir hatten uns freigelassen von all dem Schmerz. Einfach so.


Danke, Yoga.

Sie hatte mittlerweile geheiratet und eine wundervolle Tochter. Ich nenne sie das „Jackpot-Kind“ im absolut positiven Sinne. Sie ist einfach der Hammer. Wenn ich eine Tochter habe, dann bitte auch so ein tolles Kind. Sie war mittlerweile eine so großartige Mutter und ich bewunderte sie, wie sie mit der Kleinen umging und wie tiefenentspannt sie dabei war.

Da lagen wir auf unseren Yogamatten und hinter uns schwammen die Triathleten im Rothsee mit ihren Neoprenanzügen. Schon verrückt, wie die Dinge sich manchmal entwickeln.

Und es wurde noch verrückter.

Sie war mittlerweile auch Physiotherapeuten und wollte mir nach meinem Unfall mit meinem Knie helfen, weil ich so lange keine Termine für Hausbesuche bekam.

Sie kam den weiten Weg mit ihrer bezaubernden Tochter.

Wie sehr habe ich diesen Nachmittag genossen und war so dankbar, dass sie da war. Irgendwann hatten wir die verrückte Idee, dass wir zusammen eine systematische Aufstellungsarbeit mit Bodenkarten machen, um uns ganz zu vergeben und die Vergangenheit aufzuarbeiten.

So schrieb jede ihre Themen auf eine Karte und wir mischten sie in einem Stapel durch. In dieser Variante hatte ich das vorher noch nie gemacht, normal arbeite ich mit einem Menschen an seinen Themen.

Es war eine unglaubliche Erfahrung.

Jede bekam die Hälfte der Karten und wir verteilten sie umgedreht im Raum, so dass die Schriftseite nach unten zeigte. Spannenderweise hatte mich das Ganze kaum erschöpft, obwohl mich so schwach fühlte.

Intuitiv wählten wir nacheinander aus, auf welche Karten wir uns stellten. Unser gemeinsamer Ex-Partner ebenfalls auf einer Karte.

Ihre Tochter begann plötzlich den Ort zu wechseln, um woanders am Boden zu malen und saß irgendwann genau neben dieser Karte. Total spooky.

Ja, Kinder sind so weise.

Ich hatte auf eine Karte „Hawai’i“ geschrieben, weil ich Frieden schließen wollte mit dieser Ironman-World-Championchip-Sache. Dass ich es in der Vergangenheit nicht geschafft hatte, mich dafür zu qualifizieren. Und sie wählte genau diese Karte aus, um sich darauf zu stellen, ohne es zu wissen.

Plötzlich kamen ihr die Tränen, als sie auf der Karte stand. Denn auch sie wäre dort fast gestartet, wurde aber kurz vor dem Rennen in Hawai’i krank. Sie hatte es noch nicht ganz verarbeitet und meine Karte half ihr dabei. So wie mir ihre Karten halfen, meine Themen zu heilen.

Am Ende haben wir unserem gemeinsamen Ex-Freund alles Gute gewünscht. Denn er will weder mit ihr noch mit mir Kontakt. Auch wenn ich es versucht hatte.

Wie gerne wäre ich mit ihm etwas trinken gegangen und hätte mit ihm über alte Zeiten geplaudert. Aber er wollte nicht und das musste ich akzeptieren. Akzeptieren, dass ich nur für mich Dinge bereinigen kann – und auf Menschen keinen Einfluss habe, ob sie mich in ihrem Leben haben wollen oder nicht.

Dafür war ich umso dankbarer und bin es noch, dass sie in meinem Leben war und wieder ist. Dass wir uns vergeben haben.

Und nicht nur das.

Als ich das Jahr darauf keine Wohnung mehr hatte bot sie mir an, dass ich ihre haben könnte, wenn sie in ihr neues Haus ziehen.

Und sie hatte sich sogar für mein neues Online-Training „Mut und Kraft“ angemeldet. Obwohl sie unsicher war, ob sie meine Stimme so oft hören konnte … wow. Ich durfte sie durch ihre zweite Schwangerschaft begleiten und sie hat mir so ein liebevolles und großartiges Feedback geschrieben. Und mich sogar noch darauf aufmerksam gemacht, dass ich das mit in diesen Text schreiben soll.

Ich bin einfach nur demütig. Puh.

Das ist für mich wahre Größe. Das ist für mich Vergebung in seiner reinsten Form.

Lasst uns immer mehr vergeben, ja?

Danke, Johanna, du bist so wundervoll und hast mir soviel gelehrt. Mahalo nui loa.

 

Hier findest du Johannas Feedback und das Online-Training „Mut und Kraft“, wo Vergebung eine große Rolle spielt:

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