Salt Spring Island – Teil 1

Ich scheine auf kleine Inseln im pazifischen Ozean zu stehen. Nur diesmal war es nicht Kaua’i. Auch die Vegetation war eine ganz andere. Sah ein bisschen aus wie in Deutschland. Wo waren denn hier die Palmen geblieben?

Ich hatte zwar noch viel Zeit, aber zuerst wollte ich den Weg zu meiner neuen Unterkunft für die nächsten Tage finden, was ziemlich einfach war. Nur dreimal abbiegen.

Zack! 848. Die Zahl für meinen Weg. Sobald ich von der Fähre runterfuhr war sie direkt vor mir. Ich schien hier genau richtig zu sein.

Und nicht nur das, ständig sah ich die Initialen von Na Pali Kai und die Eins dahinter.

Bei der vorletzten Abbiegung passierte das Unglaubliche: Direkt vor mir fuhr ein Auto mit dem Kennzeichen mit den Initialen meines Ex-Mannes. Mir war heiß und kalt gleichzeitig. Ich atmete ein paar Mal tief ein und aus und fragte ein letztes Mal mein Herz: „Zu wieviel Prozent habe ich ihn losgelassen?“

Die Antwort kam prompt: 98%.

Und ich wollte gar nicht wissen, was mit den restlichen 2% war. Denn er wird immer ein Teil meines Lebens bleiben. 98% sind völlig in okay.

Dennoch war mir da alles schon sehr unheimlich. Warum ging es auf einmal so schnell?

Es schien, als wäre ich bereit für meine neue Unterkunft, die nicht weit entfernt lag. Vorbei am kleinen malerischen Hafen und an einer Praxis. Ob er hier wohl arbeitete? Später stellte sich heraus, dass er das tatsächlich tat.

Nachdem ich viel zu früh dran war, fuhr ich einfach der Nase nach über die Insel. Auf und ab. Ich stellte mir vor, wie cool es hier wäre mit dem Rennrad zu fahren. Großartig verfahren konnte ich mich hier genauso wenig wie auf Lanzarote ;-)

Ich hatte gleich wieder Ideen im Kopf für einen Yoga-Retreat oder noch viel besser: Bike & Hike.

Für die ganzen Dinge, die ich in meinem Leben noch machen wollte brauchte ich wohl noch ein Zweites. Wer weiß wie viele ich schon hinter mir hatte.

Die Zeit verging wie im Flug und nach all den Strapazen der letzten Tage würde ich ihn tatsächlich in wenigen Minuten wiedersehen. Oh Gott war ich aufgeregt! Wie es wohl sein würde?

So nahm ich die letzte Abbiegung in die Hofeinfahrt und da stand er auch schon. Im Regen.

Ich parkte das Auto und stieg aus.

Er sah müde aus. Und immer noch so jung. Irgendwie sogar noch jünger. Und ich fühlte mich nach all den Strapazen der Tage zuvor wie seine Oma.

Als ich vor ihm stand nahm er mich in den Arm, wenngleich sich die Umarmung eher distanziert anfühlte. 

Ich sagte: „Du siehst müde aus.“ Er sagte: „Du auch.“

Ich sagte: „Oh ja, das bin ich auch.“

Ja, es war ein verdammt langer Weg zu ihm. Mit vielen vielen Hindernissen. Doch ich wollte es unbedingt, diesen Weg auf mich nehmen.

Er ahnte ja nicht, wie lange dieser Weg tatsächlich für mich war.

Doch es ging nicht um ihn, es ging um mich. Irgend etwas wollte hier her. Er meinte, es würde mir sicherlich gut gefallen.

Mal sehen.

Wir hatten nicht viel Zeit bis wir zu dem Tanz-Event los mussten und ich wollte auf jedem Fall noch duschen.

War schon irgendwie komisch. Plötzlich war ich da.

Als ich fertig gestylt in die offene Küche ging, saß die Familie am Esstisch und er auf dem Hocker am Rand. Das war auch komisch.

Ich musste schmunzeln, als wir zur Tür raus gingen und er meine mitgebrachten Schuhe zusammen nahm und ordentlich auf die Seite stellte. Ich meine, ich halte mich echt für einigermaßen ordentlich. So schlimm hatte ich sie jetzt doch nicht hinterlassen ;-)

Als wir über den Hof liefen fragte er, ob ich fahren möchte. Ganz ehrlich? NEIN. Ich wollte einfach erst einmal nicht mehr fahren.

So fuhr er. Ja, er hatte tatsächlich ein Auto. Und du wirst nicht fassen, was für eines: Einen Camry, genauso wie in dem Buch, das ich auf Kaua’i gelesen hatte „Grandmother’s Whisperer“. Ich wusste beim Lesen nicht einmal wie so ein Auto aussah. Jetzt saß ich drin.

Eine der besten Momente war als wir losfuhren und wie auf Knopfdruck zeitgleich eine Tüte mit Mandeln zwischen unsere Beine stellten. Er hatte anscheinend auch gerade Hunger und mochte Mandeln, wie ich.

Ich weiß gar nicht, ob es ihm so aufgefallen war. Ich fand den Moment total cool. Zwei Dumme ein Gedanke. Wie mit dem Foto am „Secret Beach“. Man könnte es auch Synchronizität nennen.

Angekommen beim Vollmond-Event.

Ich werde nie den Moment vergessen, als wir bei einer Art von Anmeldung standen. Da saß ein netter Mann, der uns alles erklärte und uns Stifte und Zettel zeigte, worauf wir aufschreiben sollten, was wir loslassen wollten. Danach konnten wir unsere Loslass-Zettel in der großen aufgestellten Feuertonne verbrennen. So etwas liebe ich ja.

Der nette Herr am Empfang fragte uns, welchen Bezug wir zu Hawai’i haben und wir erzählten ihm, dass wir erst auf Kaua’i waren und uns dort kennengelernt haben.

Er legte abprupt eine seiner Hände auf sein Herz, simulierte einen Stromschlag und rief: „Kaua’i hat auch zusammengebracht!“

Jep. Hat sie. Seh ich auch so. Nur der neben mir sieht das wohl nicht so. Der sucht nämlich nichts im Außen. Und natürlich hatte ich das nicht laut gesagt.

Ich sah mich um. Cool war es hier. Mitten im Wald.

Wir saßen draußen auf den aufgebauten Bänken und Tischen und schrieben auf, was wir loslassen wollten. Wieder so ein schöner Moment.

Als ich fertig war meinte er: „Du hast aber viel geschrieben.“

Ja. Ich habe auch eine Menge loszulassen.

Und während ich hier schreibe, lausche ich einem Video, wo es um das Loslassen geht. Wie passend. Kurt Tepperwein sagte gerade: „Loslassen ist ein Weg zur Vollkommenheit.“ Das klingt schön. Immer mehr loszulassen, was nicht mehr zu einem gehört.

Da standen wir vor der Feuertonne und warfen unsere Zettel hinein. Meiner wollte nicht so recht ins Feuer. Komm schon, hab dich nicht so. Wir schaffen das mit dem Loslassen.

Ich drehte mich zu Na Pali Kai und plötzlich nahm er mich in den Arm. Na, geht doch. Gar nicht so schwer mit dem von selbst in den Arm nehmen. Vor allem in einem Moment, wo ich überhaupt nicht damit gerechnet hatte. Er war wohl immer wieder für eine Überraschung gut.

Ich kann dir wirklich nicht sagen, was in der Woche mit mir los war. Ich habe mich so oft zurück genommen und war übervorsichtig. War das wirklich ich? Ich meine, ich bin wirklich nicht auf den Mund gefallen, aber mein Bedürfnis zu sprechen war wie weggeblasen. Tausend Fragen hätte ich ihm stellen können. Warum hatte ich das nicht gemacht? 

Im Grunde hatte er mich auch nicht viel gefragt. Wollte er nichts über mich erfahren? Die Antwort werde ich wohl nie bekommen.

Ja, ich muss dich leider jetzt schon enttäuschen. Diese Geschichte hat kein Happy End. Ich bin gemein, ich weiß, dass ich das jetzt schon schreibe. Aber weißt du was, beim Film „Titanic“ weiß man auch schon zu Beginn, dass sie untergehen wird. Und trotzdem hofft man irgendwie, dass es noch gut ausgeht. Man sitzt wie gebannt auf seinem Kinostuhl und taucht voll ein in diese berührende Geschichte.

Lass uns weiter eintauchen … und zusammen tanzen gehen. Das hatte ich mir nach all den Monaten körperlichen Schmerzes wahrlich verdient.

Doch zuerst gab es noch einen kleinen astrologischen Vortrag zum Vollmond und der Tages-Nacht-Gleiche, dann eine Kakaozeremonie und gesungen wurde auch. Wow, konnte dieses Paar zusammen toll singen. Leider konnte ich nicht herausfinden, ob Na Pali Kai singen konnte. Hätte gerne seine Stimme gehört. Schade.

Jetzt will ich aber endlich tanzen! 

Was war ich in dem Moment dankbar über alle Trance-Tänze, an denen ich Teil genommen hatte. Seitdem ist mir so ziemlich egal, was andere denken, wenn ich tanze. Auch wenn wir bei diesem Vollmond-Tanz nicht mit Augenbinde durch die Gegend gehüpft sind.

Und mein Knie? Hielt. Danke, Knie! Ich konnte sogar wieder springen. Alle möglichen Dance-Moves ausprobieren und mich voll austoben. Hach, war das toll!

Ich schwitzte und war zeitweise echt außer Puste, aber es fühlte sich sooo gut an. Danke, Kaua’i. Danke, Na Pali Kai. Danke, Salt Spring Island.

Gegen Ende lagen dann alle erschöpft im Raum verteilt und ich schenkte Na Pali Kai eine kleine Thai Yoga Session.

Halt! Zuvor ist noch etwas ganz Seltsames passiert. Wir saßen alle im Kreis und plötzlich rutschte er von mir weg und umarmte das Mädel neben mir. 

Autsch! Was war das? Dieses Gefühl war mir neu. War ich eifersüchtig?

Hättest du den Großteil meiner Exfreunde gefragt, hätten sie dir das Gegenteil bestätigt. Einer meiner Exfreunde verbrachte sogar einmal eine Woche mit wiederum seiner Exfreundin – geschäftlich – in einem Hotelzimmer – im gleichen Bett. Mir machte das überhaupt nichts aus. Ich vertraute ihm blind.

Was passierte hier? Was machte das mit mir?

Als er wieder in seine Ausgangsposition zurückrutschte sah ich, dass sie geweint hatte. 

Oh, Mann, Doris. Doppelautsch. Ich hätte mich am liebsten geohrfeigt. Wieso hatte ich das nicht gemerkt? Ich meine, zu Hause war ich für Menschen da, nahm sie in den Arm. Mir war als hätte ich plötzlich einen männlichen Zwilling vor mir. Diese ganzen Gemeinsamkeit waren schon echt spooky. Und in der Woche sollten es noch mehr werden.

Gott sei Dank war mein Herzchakra nicht mehr so überpaced und ich kam wieder mehr in meine Mitte. Wenn gleich mir irgendetwas Energie zog. War er so etwas wie mein Kryptonit?

Zurück zu dieser blöden Eifersucht. Was willst du mir sagen? Man sagt, du bist ein Zeichen für mangelndes Selbstwertgefühl und Unsicherheit.

Lieber Selbstwert, bist du mit dem Aufprall meines Knies auf den Felsen irgendwo in den tiefen des Flusses verschwunden, oder was? Oder kommt jetzt nur zum Vorschein was bereits in der Tiefe lag?

Ich befürchtete Zweiteres. Blöd. Diese Rolle gefiel mir gar nicht.

Hallo, Herr Regisseur, ich hätte bitte gerne eine andere Rolle! Geht das bitte? Eine coole Rolle. So völlig frei von Eifersucht und so. So ein cooles Chick, das ich mal war. Mein Ex-Mann sagte oft: „Naaa, haben wir heute wieder die Checkerhosen an?“. Jepp :-D 

Meistens konterte ich dann mit: „Wie sprichst du überhaupt mit deiner Vorgesetzten?“ Darüber musste er dann meistens lachen. Das war lustig.

Gar nicht lustig war hingegen mein Eifersuchtsverhalten.

Wieso triggerte ausgerechnet er es an? Wir waren überhaupt nicht zusammen. Er kann tun und lassen was er will. Es geht mich überhaupt nichts an.

Irgendwie schien das alles so wertvoll für mich zu sein, dass meine Angst groß war, dieses Wertvolle zu verlieren. Was ich nie besaß. Denn wir können niemanden besitzen. 

Und das ganze passte überhaupt nicht zu einem meiner höchsten Werte: Freiheit. 

Lass ihn frei sein, Doris. Und zwar PRONTO.

Als ich mich umsah traute ich meinen Augen nicht. An der hinteren Wand hing genau das gleiche Wandtuch, das am Treppenaufgang zu meinen Yoga-Coaching-Räumen hing.

Ich schien auch hier wieder genau richtig zu sein.

Als wir dann wieder zurück waren, war es schon komisch in diesem Gästezimmer zu übernachten. Aber er wollte nicht, dass seine „Gasteltern“ sich unwohl fühlten. Er wollte vor ihnen nicht „touchy-feely-around“ sein. Das Wort musste ich erstmal googeln, als er es mir als Sprachnachricht ausgesprochen hatte …

… oh. Ich glaube, ich bin ziemlich touchy-feely.

Mein Ex dagegen eher weniger.

Hach ja. Irgendwann treffe ich jemanden, der auch so ist.

Ähm, Kaua’i, könntest du das das nächste Mal bitte mit berücksichtigen? Danke schon mal im Voraus.

Na dann, gute Nacht Salt Spring Island, ich mag dich. Auch wenn du keine Palmen hast.

–> The Beginning:

Alle Blogartikel zu Hawaii und meinem lebensverändernden Unfall dort

–> So ging es weiter:

Canada – wie die magische Reise weiterging