Salt Spring Island – Teil 3

Ab diesem Moment beschloss ich, oder wahrscheinlich schon früher, dass diese Woche egofreie Zone herrschen sollte. Hat ja eh keinen Sinn ;-)

So saßen wir uns gegenüber, genossen das Essen und blickten uns dabei tief in die Augen – und da war schon der nächste schöne Moment: Er sah nicht weg. Ganz und gar nicht.

Ich liebe es, Menschen tief in die Augen zu blicken, weil sie für mich das Tor zur Seele sind.

Früher fand ich das furchtbar. Mich hatte das total nervös gemacht, jemandem lange in die Augen zu sehen.

Was mir sehr half waren meine ganzen Rhetorikseminare. Aber es hatte mir wirklich Überwindung gekostet. Richtig Überwindung, denn im Grunde gibst du in dem Moment auch jede Menge von dir selbst preis.

Mein Ex-Mann mochte es genauso wenig, wie ich damals. Dabei hatte ich ihm so gerne in seine wunderschönen mandelförmigen Augen geschaut.

Wir hatten einmal eine Übung zusammen gemacht: Dabei sitzt man sich gegenüber und blickt sich – ohne zu sprechen – für fünf Minuten in die Augen. Und tatsächlich hatte er sich darauf eingelassen. 

Probiere es einfach mal mit jemandem aus. Sich tief in die Augen zu blicken kann magisch sein. Oder mach es mit dir selbst im Spiegel. Ich mache das oft. Ja, ich spreche dann sogar mit mir. Und sage mir, dass wir das schaffen und dass ich mich liebe. Machmal glaube ich es sogar ;-)

Während ich hier schreibe sind schon einige Monate vergangen, seit diesem Kochmoment. Und ich fragte mich immer wieder, warum ich bei ihm sofort das Gefühl hatte, dass ich ihm so sehr vertrauen konnte. Denn im Grunde hatte sich dieses Gefühl nicht bestätigt. Zumindest noch nicht.

So bin ich da tiefer hinein und in einem Gespräch mit meiner Freundin Marie wurde mir eines klar: Er war in irgendeiner Form mein Spiegel. Er gab mir die Möglichkeit, mich zu sehen.

Ich kann mich noch gut erinnern, als wir uns auf dem Boot in Kaua’i, auf dem Rückweg von dem Kalalau Trail, gegenüber saßen. Er machte mir ein Kompliment.

Ich weiß nicht mehr, was er genau sagte, ich weiß nur, was ich darauf auf englisch antwortete: „Do you know Rumi? The beauty you see in me is a reflection of you.“

Die Schönheit, die du in mir siehst, ist eine Reflexion deiner Selbst.

Ja, ich hatte mich in dieser Woche in ihm gesehen. Mich mit Anfang 20. Es waren so viele Parallelen. Angefangen von seinen Rückenschmerzen, seine manchmal leise Stimme, wenn wir miteinander sprachen bis hin zu den Farben, die er trug. Damals sah ich echt blaß damit aus.

Weil ich mich nicht zeigen wollte? Weil ich nicht gehört werden wollte? Und weil ich einen Job machte, der mir überhaupt keine Freude machte. Ich sage nur über neun Jahre Versicherung.

Meine Rückenschmerzen waren erst weg, als ich das studierte, was mich brennend interessiere. Die Verspannungen und Verhärtungen in meinen Schultern verschwanden, einfach so.

Ich werde nie dieses Gefühl vergessen, als ich die ersten Jobs nach der Uni hatte. So war das also, wenn Arbeit einem richtig Spaß machte. Klar, sie kostete mir auch Energie. Doch ich hatte noch nie erlebt, dass ich mir am Freitag bereits wünschte, dass Morgen am Tag darauf Montag war, weil ich einfach weiter arbeiten wollte.

Welche Arbeit bereichert dich so sehr, dass dien Körper dir keine Signale senden muss, damit du damit aufhörst?

Ich bin gespannt, wann mein Kniegelenk ganz aufmacht. Was es mir noch sagen möchte. Wo ich mich immer noch zu sehr selbst kasteie oder zurück halte.

Ich weiß nur eines: An Tagen wo ich nicht schreibe, produziert mein Körper Traurigkeit. Und wenn ich mich dann hinsetze, ist alles wieder gut.

Zurück zu Na Pali Kai.

Wenn ich ihm blind vertrauen konnte, bedeutete das im Umkehrschluss, dass ich mir blind vertrauen kann. Irgendwas in mir weiß das auch. Aber da ist noch irgendeine dumme Blockade :-(

Ich weiß auch, wann sie sich massiv wieder aufgebaut hatte. Als er mich blockiert hatte. Ich sagte ja, die Geschichte hat kein Happy End.

Könnte es sein, dass er mir in dieser Woche meine lichtvollen Seiten spiegelte? Mit all meiner Sanftmut? Er hatte einmal die Autotür offen gelassen und ich hatte ihn darauf aufmerksam gemacht. Er sagte: „Ich bin schusselig.“ Ich sagte: „Ich bin 24 Stunden am Tag schusselig.“

Es fühlte sich so nach zu Hause an. Nach Aufatmen. Endlich war da jemand, der das verstehen konnte. Wo ich keine Angst haben musste, dass ich irgendetwas vergaß oder es nicht genau so machte, wie es der andere es gerne hätte. Es nahm soviel Druck von mir.

Du willst nicht wissen, wie oft mir am Tag mein Handy herunterfällt. Zum Glück gibt es dafür tolle Schutzhüllen ;-)

Heute hatte mir der Kassierer hinterhergerufen, weil ich meine EC Karte an der Kasse vergessen hatte. Und wenn mir jemand den Weg erklärt, kann es sein, dass ich beim dritten Mal abbiegen schon aussteige, weil es mir einfach nicht merken kann :-D

Danke schon mal an alle, die geduldig mit mir sind <3

Ja, ich merke immer mehr wie wenig ich damit klar komme, wenn Menschen streng mit sich oder anderen sind. Was ich auch war und es wahrscheinlich zum Teil immer noch bin.

Warum tun wir das? Es tut uns doch allen nicht gut. Und es bringt doch niemanden um, wenn man die Autotür vergisst zu schließen, wenn das Auto fernab von jedem Straßenverkehr steht. Und jemand anders einen daran erinnert. Wir sind alle wie ein großes Team.

Hm, was hatte ich ihm gespiegelt? Das kann nur er für sich beantworten.

In einem Gespräch wurde mir eines klar, was er sich nicht so gerne ansehen wollte, war seinen Schatten. Er war der Meinung, dass es das nicht gibt. Oder zumindest hatte ich das so verstanden. 

Doch wir sind beides: Licht und Schatten. Schatten und Licht. Wo kein Licht ist, ist auch kein Schatten. Bla bla.

Lass mich dir etwas über MEINEN Schatten erzählen. So gerne ich Licht und Liebe bin. So sehr ich gerne jeden Tag völlig in meiner Dankbarkeits-Wertschätzungs-Liebes-Wolke dahin schweben würde, ich habe auch andere Seiten.

Ich kann wahnsinnig selbstzerstörerisch sein. Ich kann so voller Wut sein. Als es mir 2016 so richtig schlecht ging konnte ich mich nicht mehr mit anderen freuen. Nein. Ich war sogar neidisch und bin es manchmal noch. Ich vergleiche, bewerte und liebe es im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen. Deshalb wahrscheinlich Theater, Band und Bühne.

Ich wünschte, ich könnte das alles ablegen. Und jede Sekunde diese tiefe Liebe fühlen, für alles was ist. Jeden Baum, jeden Strauch, jedes Tier. Manchmal würde ich am liebsten einfach wildfremde Menschen umarmen, weil mir einfach danach ist. Da ist so viel Liebe, die ich verteilen und herschenken möchte. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten.

Ich wünschte, ich könnte das alles komplett ablegen. Doch je mehr ich mich dagegen wehre und mich dafür verurteile, desto mehr füge ich mir selbst Schmerzen zu.

Mich dann liebevoll in den Arm zu nehmen, meine Hand auf meine Wange zu legen und zu sagen: „Es ist okay, es ist okay.“

Mich immer mehr so zu akzeptieren, wie ich gerade bin. Und herauszufinden, was ich übernommen habe und wieder loslassen möchte, weil es nicht mehr zu mir gehört.

„Bitte verurteil dich nicht. 

Hör auf mit dir so hart ins Gericht zu gehen.

Es gibt kein Gericht. Du selbst bist der Richter.

Wähle Sanftmut. Wähle Weisheit.

Ich glaube an Dich.“

Das waren die Worte, die ich mir selbst zu Beginn meiner dreimonatigen Reise auf Kaua’i geschrieben hatte.

Ich mag das Wort „Sanftmut“ so gerne. Da steckt auch das Wort „Mut“ drin.

So schön, oder?

Ja, ich hätte gerne seinen Schatten kennengelernt. Ihn erlebt, wenn er so richtig wütend ist. Wie er streitet. All diese Kraft und Power, die in ihm steckte.

–> The Beginning:

Alle Blogartikel zu Hawaii und meinem lebensverändernden Unfall dort

–> So ging es weiter:

Canada – wie die magische Reise weiterging