Der brutalste Abschied meines Lebens

– Juni 2019 – 

Nein, ich wollte nicht gehen. Meine Hände zitterten und mein ganzer Körper war voller Stresshormone.

Wir standen am Vorabend Check-In vor meinen Abflug nach Kaua’i. Mein Mann neben mir und unser Hund Emma dahinter.

Tief in mir drin wünschte ich mir, dass er einfach sagte: „Bitte bleib“. Ich hätte in diesem Moment alles stehen und liegen lassen und wäre geblieben. Auf der Stelle.

Doch er sagte nichts. Er wollte nicht, dass ich bleibe. Da musste ich jetzt durch.

„Der Radkoffer ist zu schwer“, sagte die nette Dame am Check-In-Schalter. Oh, nein, auch das noch. Somit konnte ich nicht einchecken, was ziemlich blöd war. Denn wir wollten gleich im Anschluss mein Auto mit meinen Sachen zu meiner Freundin bringen.

Ich war am Limit.

Zurück vor dem Haus versuchten wir, mit Hilfe einer Waage, die Sachen umzuverteilen. Drei Monate waren einfach eine lange Zeit und auf mein Sportequipment wollte ich nicht verzichten. Ich brauchte das so sehr und freute mich wahnsinnig auf’s Schwimmen, Radfahren, Wandern und vielleicht auf’s Laufen. Auch wenn ich zu dem Zeitpunkt keine Ahnung hatte, wann ich das wieder richtig konnte.

Es war schon wirklich skurril. Wir waren irgendwie getrennt und doch standen wir in der Garage und halfen zusammen wie eh und je. Wir waren schon immer ein gutes Team und egal in welcher Situation wir waren, wir haben uns immer unterstützt. Wie richtige gute Freunde.

Ich war so voller Demut über seine Größe. Nicht nur, dass er mir half, mich an den Vorabend-Check-In zum Flughafen fuhr, mit mir mein Auto wegbrachte – und mich auch noch bis zum Ende am kommenden Tag bis zur Sicherheitskontrolle brachte.

Natürlich hatte ich eine Freundin gefragt und sie hätte es auch gemacht. Aber er wollte es machen.

Als ich dann das letzte Mal in meinem Auto saß und wir über die Autobahn fuhren habe ich nur geweint. Mein Leben war nun in meinem Auto und den Koffern für Kaua’i. Ich fragte mich in dem Moment schon, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe und mir bewusst bin, was ich hier gerade tue.

Ich fühlte mich schrecklich. Wollte ich das wirklich?

Bei meiner Freundin Lucia angekommen stand schon die ganze Familie vor ihrem Haus. Hätten wir zu dem Zeitpunkt schon gewusst, was auch noch auf sie kommen wird. Puh. Wir beide hatten den krassen Weg gewählt. Wenn auch zeitversetzt.

Ich musste mit ihr erst einmal um die Ecke, weil ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Ich war am Ende. Sie nahm mich in den Arm, blickte mir tief in die Augen und sagte: „Du hast es so gewollt. Du hast dein Bestes gegeben, jeden Tag.“

Ja, sie hatte Recht. Ich hatte soviel versucht und so sehr um diese Beziehung gekämpft. Ich wollte so sehr, dass wir es schaffen. Aber keiner meiner Versuche kam bei ihm an. Ich habe ihm so viele Vorschläge gemacht, auch was Coachings anging. Er sagte, dass wir das nicht brauchten. Er wollte diesen Weg nicht und das musste ich radikal akzeptieren.

Ich stellte mir immer wieder dieselben Fragen in meinem Kopf. Hatte ich wirklich alles gegeben? Was war es an mir, dass wir auf keinen grünen Nenner kamen? Was hätte ich noch tun können – ohne mich selbst zu verbiegen? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur eines: Mein Herz schrie nach Kaua’i.

Im Grunde machte er mir das größte Geschenk. Er ließ mich frei.

Lucia drückte mir noch einen kleinen Engel in die Hand, der mich auf der längste Reise meines Lebens beschützen sollte.

Dann räumten wir meine Winterreifen aus dem Auto meines Mannes in ihre Garage.

Als ich mich von meinem Auto verabschiedete erschien mir alles so unwirklich. Passierte das wirklich? War das echt?

Auf der Rückfahrt sprachen wir kaum ein Wort, jeder war in seinen Gedanken. 

Zu Hause wieder angekommen, oder zumindest das, was es an diesem letzten Abend noch für mich war, wollten wir gleich ins Bett. Ich schlief wie immer unten, er wie immer oben. Emma blieb bei mir. Noch ein letztes Mal mit ihr einschlafen und wieder aufwachen. Sie fehlte mir jetzt schon. Aber sie war sein Hund. Auch das musste ich akzeptieren.

Du kannst dir vielleicht denken, dass ich nicht wirklich schlief. Was zum einen daran lag, dass ich nicht schlafen konnte und zum anderen, dass mein Mann angefangen hatte das Buch zu lesen, das ich ihm zu seinem Geburtstag geschenkt hatte.

Unsere Geschichte. 

Ich hörte ihn weinen. Er las fast die ganze Nacht und ich fragte mich: Warum jetzt erst? Warum hast du fast zwei Monate gewartet, um es zu lesen?

Am nächsten Morgen im Auto sagte er: „Vielleicht können wir es so sehen. Du fliegst jetzt erst ein Mal und wenn der liebe Gott will, dann werden sich unsere Wege wieder treffen. So wie du in dem Buch geschrieben hast.“

War da Hoffnung? Warum machte er mir jetzt soviel Hoffnung? 

So gingen wir den Weg gemeinsam bis zum Flughafen, bis zum Check-In, bis zur Sicherheitskontrolle. Emma war auch dabei.

Jedoch war sie so mit den ganzen Eindrücken und Gerüchen dort beschäftigt, dass sie gar nicht wirklich wahrnahm, wie ich mich verabschieden wollte. Das tat weh.

Ebenso die Tränen meines Mannes. Ich hatte ihn noch nie so sehr weinen sehen wie in diesen letzten Tagen. Warum hast du mir das vorher nie gezeigt?

Eine letzte Umarmung, ein letztes Kuss auf meine Stirn. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Und er auch nicht.

So lief ich durch die Sicherheitskontrolle. Ganz ohne Krücken und Knie-Orthese und hoffte, dass ich den Flug irgendwie überleben würde und mein Knie und vor allem meine Lymphe das mitmachen werden.

Als ich durch die Sicherheitskontrolle durch war drehte ich mich noch einmal um. Er stand immer noch da.

So winkte ich ein letztes Mal und er winkte zurück.

 

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Canada – wie die magische Reise weiterging