Du bist das Wunder – Teil 1

– März 2019 – 

Es geschahen noch andere Wunder.

Ich war wieder im Krankenhaus. Tatsächlich war bereits nach vier Monaten alles verheilt und zusammengewachsen. Die Schrauben konnten raus.

Normalerweise macht man das nach einem Jahr, frühestens nach einem Halben.

Anscheinend sollte es schneller gehen.

Du kannst dir sicher vorstellen, was ich für einen Bammel vor der Operation hatte. Vor allem den Schmerzen danach.

Die Ärzte sagten, dass es diesmal schneller gehen würde, weil nur die Schrauben heraus kamen und ich in ein paar Tagen wieder fit wäre.

Mein Mann brachte mich auf mein Krankenhauszimmer. Puh, der Abschied war furchtbar. Ich wollte dort nicht bleiben. Ganz und gar nicht. Mein ganzes System ging in den puren Widerstand. Vielleicht sollte man die Zimmer lieber Gesundheitszimmer nennen?

Ich weiß nicht wann ich mich das letzte Mal so alleine fühlte, auch wenn Menschen um mich herum waren.

Während ich meine Sachen auspackte, ließ ich die Tränen einfach fließen und versuchte mich an all den schönen Dinge zu erfreuen, die ich mir mitgebracht hatte: Kräuter, Vitamine, Postkarten mit schönen Sprüchen.

Unter anderem eine Postkarte von meiner Freundin Mimi. Darauf stand: „Lass uns Tanzen“. Ja, irgendwann kann ich wieder tanzen.

Diesmal hatte ich vorgesorgt und die Tage zuvor begonnen, Eisentabletten zu nehmen, wegen des Blutverlustes. Ich hatte recherchiert, welche Kräuter mir helfen könnten, u.a. Petersilie. Und hatte jede Menge Vitamine, Mineralstoffe und meine Globuli eingepackt. Außerdem Basentabletten, Kurkuma, Ingwer und Zitronen.

Ich wollte alles dafür tun meinem Körper zu unterstützen und kein zweites Mal eine Anämie haben.

Doch meine Blutwerte sollten wieder in den Keller gehen. Vorerst.

Ich war in einem Dreibettzimmer untergebracht und selbst im Krankenhaus blieb ich von meinen Themen nicht verschont, denn die anwesende Frau war schwerhörig. Wie meine Mutter. Was mich in den Wahnsinn trieb.

Weißt du, ich kann es von Grund auf nicht leiden, wenn Menschen schreien. Es macht mir sogar manchmal Angst. Ich wollte niemanden anschreien.

Als Kind und als Jugendliche habe immer sehr leise gesprochen. Wahrscheinlich wollte ich einfach nicht gehört werden.

Geholfen haben mir unzählige Seminare für Rhetorik und Kommunikation. Theater- und Bandauftritte.

Und natürlich meine Arbeit, wenn ich vor Menschen spreche. Aber bis dahin war ein langer Weg.

Nun stand ich da in diesem Zimmer in dem ich nicht sein wollte und die ältere Frau stellte mir jede Menge Fragen auf die ich nicht antworten wollte. Doch sie ließ keine Ruhe.

Als sie mich darum bat, ob ihr etwas bringen und, ob ich ihr Nachhemd hinten zuziehen könnte, geschah etwas Wunderschönes: Von einer Sekunde auf die andere ging sie mir nicht mehr auf die Nerven.

In dem Moment, als ich sie berührte war der Wunsch ihr zu helfen stärker, als mein inneren Widerstand. 

Plötzlich war ich einfach nur voller Mitgefühl und war so gerne für sie da.

Wenige Augenblicke später wurde eine junge Frau in ihrem Bett von der OP ins Zimmer gefahren. Sie schlief noch.

Ich konnte mir leibhaftig vorstellen, wie es ihr gerade ging. 

Nur noch ein paar Stunden …

Ich musste mich bewegen. Einen Fuß vor den anderen setzen. Gehen. Laufen.

Wer weiß wie lange ich es nach der OP wieder nicht konnte. Alleine diese Vorstellung war für mich grauenhaft.

Meine größten Ängste wurden getriggert. Und diesmal war es noch schlimmer, weil ich wusste, was auf mich zu kam.

Auch wenn die Ärzte sagten, dass es mit der Heilung schneller ginge. Ich hatte blanke Panik. All der Mut, den ich vor der ersten OP auf Kaua’i hatte war weg.

Es war im Grunde ein wenig wie vor einem Ironman Triathlon.  Wenn du so etwas einmal gemacht hast, weißt du was auf dich zukommt. Du weißt, dass es irgendwann weh tun wird. Mal mehr, mal weniger. Doch kannst du es nicht kontrollieren. Du weißt nicht, was dieser lange, lange Tag für dich bereit hält.

Im Grunde hatte ich das jahrelang trainiert. Ich hatte mich freiwillig in solche Situationen begeben. Und es immer wieder gemeistert.

Wo war dieser Wille hin, sich durchzukämpfen, sich durchzubeißen?

Mein Mann sagte immer, dass er mich im Wettkampf bewunderte. Vor allem beim abschließenden Marathon. Ich bin gelaufen wie ein Uhrwerk. Pausen gab es nicht. Ich fand das „wieder anlaufen“ viel schlimmer, als einfach kontinuierlich weiterzulaufen. Er hingegeben brauchte immer wieder Gehpausen und lief dann wieder los.

Warum schaffte ich es nicht, diesen Kampfgeist wieder zu reaktivieren?

–> The Beginning:

Alle Blogartikel zu Hawaii und meinem lebensverändernden Unfall dort

–> So ging es weiter:

Canada – wie die magische Reise weiterging

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