Der laaange Weg zu Na Pali Kai

– September 2019 – 

Am nächsten Morgen musste ich bald raus. Barney’s Tireland öffnete um 8 Uhr und ich wollte so bald wie möglich dort sein, damit sie den Reifen wechseln konnten.

Hoffentlich hatten sie das Modell da. Puh, war das aufregend. Mein Energiesystem war jetzt schon am Limit und ich wollte doch nicht völlig am erschöpft am Zielort heute Abend ankommen.

Auf der kleinen Insel auf der Na Pali Kai derzeit wohnte. 

Meine beiden Koffer wollte ich auch noch umpacken, so dass ich dort einen im Auto lassen konnte und nicht soviel mit mir rumschleppen musste.

Erstaunlicherweise ging das zumindest ganz leicht und alles was ich brauchte war in einem Koffer und der Rest im anderem. 

Hm, welches Kleid sollte ich Morgen auf dem Aloha-Vollmond-Event anziehen? Das ganz Weiße oder das Weiße mit dem schwarzen Paisleydesign, was ich mir letztes Jahr in Kaua’i gekauft hatte? Ich entschied mich für Kaua’i. Macht ja auch irgendwie Sinn.

Ich war völlig aus dem Häuschen, als mir Na Pali Kai am Tag zuvor den Link zu dem Event zugesandt hatte. Wie herausragend war das denn bitte! Ein Aloha-Equinox-Event mit Tanzen zum Vollmond.

Ich liebe Tanzen und es war für mich eines der schmerzhaftesten Dinge, dass ich es die letzten Monate nicht konnte. Ich wollte einfach wieder rumhüpfen. Mal sehen, ob ich es Morgen konnte und was mein Knie dazu sagen würde.

So eine tolle Idee! Und das beste waren seine Worte dazu: „Wir machen das auf jeden Fall!!!“ Mit drei Ausrufezeichen. Das war somit keine Frage, es war ein Befehl. Okay, Sir. Machen wir!

Angekommen im Reifenland.

Oh nein, sie hatten das Modell nicht da. Mist. Was mache ich denn jetzt?

Der nächsten Reifenhändler wäre ähnlich weit weg gewesen, wie die Autovermietung am Flughafen, also konnte ich auch gleich dort hinfahren und den Wagen tauschen.

Der Besitzer war so unglaublich nett, er hatte versucht die Autovermietung telefonisch zu erreichen und suchte mir von der Vermietungskette einen näheren Standort heraus. Und ich durfte ihre mich in ihr WLAN einloggen, damit ich mir die Route herunterladen konnte. 

Danke, Barney’s Tireland (nein, ich werde von ihnen nicht gesponsert ;-)), ihr wart ganz große Klasse!

Okay, auf Richtung Flughafen bzw. dem Standort vorher.

Mich grauste es ja ehrlich gesagt wieder, durch Vancouver zu fahren. Das letzte Mal war schon der Horror. Und hoffentlich würde das mit dem Autotausch überhaupt klappen.

Das war mir echt zu viel Aufregung. Ich brauchte dringend Ruhe und hoffte, dass ich das Auto die nächsten Tage einfach einmal stehen lassen konnte.

Als ich mich der Stadt näherte stieg mein Stresslevel und ich redete mir permanent selbst gut zu. Wir schaffen das, Doris! Es darf leicht sein.

Das war es auch. Ich fuhr zielgerichtet dorthin, wo das Navi mich hin lotste – aber da war keine Autovermietung!

Okay, ganz ruhig bleiben und atmen. Dann tritt jetzt Plan B in Kraft. Also doch zum Flughafen.

Und du ahnst es schon. Da war wieder das Problem mit der Route. Denn ich hatte ja nur die vom Reifenland zu diesem Standort. Okay, her mit der Offline-Karte, wo ist der verdammte Flughafen?

Ach, das finde ich schon irgendwie. Und ein Flughafen sollte ja auch ausgeschildert sein, oder?

Nein, war er nicht. Okay, es reicht. Ich brauche eine Pause. Universum, gib mir einen Parkplatz und ein Café. Danke.

Zack. Oh, das ging ja schnell, denn ca. 50 Meter vor mir war rechts ein Parkplatz und links gleich ein Café. Sensationell. Ich sollte das mit dem Wünschen nicht überstrapazieren, denn wie sagte einer meiner Ausbilder so schön: Die Rechnung kommt auch irgendwann.

Äh? Was sind das denn für Parkuhren? In Deutschland sehen die ganz anders aus. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich dann endlich raus, wie sie funktionierten und lümmelte unendlich dankbar in einem der braunen bequemen Sessel des Cafés, gönnte mir eine vegane Turmeric Latte und lud mir die Route Richtung Flughafen herunter. 

Okay, Vancouver, ich mag zwar die Fahrerei hier nicht, aber dass man überall pflanzliche Milch bekommt weiß ich sehr zu schätzen.

Und plötzlich ging alles ganz leicht. Schnurstracks war ich am Flughafen und saß ratzfatz in einem neuen Auto, das mir super gefiel. Ein süßer kleiner Chevrolet-Spark-Flitzer.

„Spark“ für Mädchen und der Lack hatte tatsächlich ein wenig geglitzert. Also falls ich meinen Beettle irgendwann nicht mehr habe, dich würde auch nehmen Sparky.

Danke auch hier dem kostenfreien WLAN und meiner neuen Route Richtung Horseshoe Bay. Na Pali Kai hatte mir bereits den Zeitplan für die Fähre als Screenshot zugeschickt und mir alles erklärt. Vielleicht war er ja doch nicht so unzuverlässig. Denn seine Antwort, wo ich denn nun übernachten könnte, ließ echt lange auf sich warten.

Er wohnte während seines Praktikums bei einer Familie mit im Haus, wo er nur ein kleines Zimmer hatte. Sie hätten aber eventuell noch ein Gästezimmer. Mir war das ehrlich gesagt egal. Ich brauchte einfach ein Bett. Und am Ende war dann wieder alles gut, ich bekam das Gästezimmer.

Als könnte er wieder meine Gedanken lesen, schrieb er tatsächlich einmal, als ich in Gedanken zu ihm sagte: „Hey, jetzt wird’s aber Zeit.“ Fünf Minuten später war die Antwort da. Vielleicht sollten wir diese technischen Hilfsmittel einfach weglassen. Geht ja auch so.

Hey, Horshoe Bay – I made it! YES! Überglücklich stand ich in der Schlange Richtung Fähre und war schon wieder aufgeregt, denn ich bin noch nie alleine Autofähre gefahren.

Als ich Klein war, war ich mit meinen Eltern an der Ostsee und wir sind mit der Fähre nach Helgoland. Kann mich noch gut daran erinnern. Meine Mutter hatte über die Reling gekotzt, weil sie so seekrank war. Ja, ich bin böse, ich weiß.

Zum Glück hatte ich das nicht von ihr geerbt. Ich kam da eher nach meinen Vater. Dem machte so etwas gar nichts aus. Ganz im Gegenteil, er musste in seinem Leben alles ausprobieren, vor allem Extremsportarten. Ich glaube seinen Freiheitsdrang habe ich auch von ihm. 

Ne, oder? Direkt vor mir auf dem Auto stand Equinox. Ja, da gehen wir Morgen Abend hin.

Da stand ich nun und stand ich nun und stand ich nun. Und es wurde immer später und später. Und dachte mir „Komisch, die Fähre hat aber ganz schön Verspätung.“ 

Als ich eine Frau neben meinem Auto vorbeilaufen sah, fragte ich sie, ob sie wissen würde, wieviel Verspätung die Fähre denn hätte. Sie meinte: „Wir haben sie verpasst. Die nächste kommt in zwei Stunden.“

Waaaaaaaas?

Kennst du diese Momente, wo du einfach nicht mehr anders kannst, als in schallendes Gelächter auszubrechen? Genau das passierte in dem Moment. Ich konnte nur noch lachen.

Im Trainingscamp auf Lanzarote sagten wir beim Abendessen immer: „Nach müde, kommt albern.“ – Neben: „Eis geht immer!“. Es war so lustig. Wir Bike-Guides saßen am Abend nach dem Essen immer noch zusammen, nachdem wir uns wie so oft gnadenlos überessen hatten.

Einer der Guides kam aus den Niederlanden und sie sagte dann, sie müsse sich jetzt „ausbauchen“ – und, ob es dieses Wort nicht auf deutsch gäbe. Nein, gab es nicht. Aber es war ein sensationelles Wort, das ich mir gemerkt habe. Genauso wie die Redewendung, wenn man in Holland keine Kinder will, dann sagen die Frauen, dass ihre Eierstöcke nicht klingeln. :-D

Du denkst dir jetzt bestimmt: Doris, mit deiner Orientierung hat man dir allen Ernstes eine Radgruppe anvertraut? Ja, war durchaus ein riskantes Wagnis ;-)

Spaß beiseite. Ich hatte es tatsächlich jeden Tag geschafft, dass alle wieder pünktlich beim Abendessen waren :-)

Da saß ich nun im Auto mitten in BC und habe mich nur noch weggeschmissen vor lauter Lachen. Und ich muss schon wieder lachen, weil es einfach so unfassbar war.

Wenigstens gab es für kurze Zeit WLAN und ich konnte Na Pali Kai Bescheid geben. Seine Antworten haben den Lachflash nicht gemildert :-D

Die Sache war nämlich die: Ich musste noch eine andere Fähre bekommen und dazwischen lagen ungefähr 40 Minuten Autofahrt. Das wurde verdammt knapp.

Ich fragte ihn, was denn passieren würde, wenn ich schneller fahren würde, als erlaubt war. Denn dann hätte ich es schaffen können. Er meinte, dass das ein paar hundert Dollar kostet und wenn ich über 40 bin, dann nehmen sie mir das Auto weg. Oh. Ohhhh. Dann lieber doch nicht.

Ich hatte mir ernsthaft überlegt, ob ich, wenn ich die Fähre verpasse, einfach im Auto schlafe und die erste Fähre am Morgen nehme. War schon der Hammer was diese Reise nach Kaua’i und Kanada mit mir gemacht hatte. Ich habe und hätte Sachen gemacht, die ich vorher niemals getan hätte.

Endlich, die Fähre war da! Juchuuuh! Das machte wieder soviel Spaß. Mit diesem kleinen Flitzer auf die Fähre zu fahren und dann schnell nach oben das Schiff erkunden und dann nach draußen und sich den dunklen Nachtwind um die Nase wehen zu lassen.

Ich war wieder seelig. Und so dankbar. Denn ich erinnerte mich an das letzte Mal, als ich auf einem Schiff war. Mit Rollstuhl und Krücken.

Wieso konnte ich dieses tiefe Gefühl nicht verleugnen, dass ich seit diesem Kalalau Trail so viele Geschenke zurück bekam? Erst verlor ich meine Angst vor Wasserfällen, dann konnte ich sogar barfuss über Lavafelsen laufen und mein Knie hielt – es tat nicht einmal weh am nächsten Tag!

Ich habe sensationelle neue Bilder von mir, bin immer noch geflasht von diesem Kuss und wusste ab diesem Zeitpunkt auch was mir so sehr in den letzten Monaten und fast Jahren gefehlt hatte. Küssen mochte mein Ex leider gar nicht gerne, auch wenn er sonst ein toller Mann war. Ich bin einfach total verkuschelt und verknutscht und brauche das.

Und dann dieses Gefühl am Flughafen in Lihue vor dem Abflug und der Aufenthalt in Seattle – das alles wieder alleine machen zu können. In den Bergen wandern zu gehen, mich frei auf diesem Schiff bewegen und Morgen auch noch Tanzen. 

Dankbarkeit erscheint mir als viel zu gering, vielleicht trifft es Demut besser. Tiefe Demut. Mahalo Kaua’i. Mahalo British Columbia. Mahalo Na Pali Kai oder Tristan – wie immer du ihn auch nennen magst.

Tausendfach MAHALO.

Zurück zur Fähre, auf der es immer später und später wurde. 

Langsam bekam ich wirklich Bedenken, ob ich das noch schaffen würde. Na Pali Kai meinte, ob es nicht besser wäre in Nanaimo, wo die Fähre ankam eine Nacht zu bleiben und dann am nächsten Morgen erst weiter zu fahren. Hm. Hmmm.

Na gut, dann suche ich mir eben eine Unterkunft. Und tatsächlich hatte ich gleich etwas Günstiges gefunden, schnell buchen.

Buchungsschritt 1 check. Buchungsschritt 2 check. Buchungsschritt 3 check. Buchung absenden. 

Fehlgeschlagen???

Das WLAN war weg. Ach nein, bitte nicht. Auch das noch. Also wieder SMS an Na Pali Kai, um ihm Bescheid zu geben.

Er meinte, ob er für mich buchen könnte. Das war ja nett. Aber ich brauchte zudem die Route und die kann man per SMS schlecht versenden. Er schlug vor, dort ein Restaurant oder Café zu suchen, damit ich WLAN hatte. Zum Glück gab es das in BC an jeder Ecke.

Na gut, dann fahren wir einfach mal von der Fähre herunter und lassen uns wieder vom Universum führen, denn ich kannte mich an dem Ort null aus. Wie auch, war ja noch nie dort. 

Zack, ein Hotel! Prima! Gleich einmal nach den Zimmerpreisen fragen.

150 Dollar pro Nacht? Okay. Das hätte ich vor einem Jahr noch gemacht, aber jetzt war das nicht drin.

„Darf ich euer WLAN benutzen?“ Ich durfte und fand ganz schnell die Unterkunft, die ich schon auf dem Schiff buchen wollte die sogar fast um die Ecke war. Thank God. Jetzt lief es wieder.

Ich kann mich noch gut an den Moment erinnern, als ich bei meiner äußerst spontan gebuchten Unterkunft unten das Foyer betrat. Es spielte eine Liveband Rockmusik. Da kamen Erinnerungen hoch an die Auftritte mit unserer Band, in der mein Mann immer noch war.

Der Gitarrist und die Sängerin.

Ab diesem Moment war mir auch klar, warum ich noch eine Nacht für mich brauchte. Da gab es noch etwas loszulassen …

So lag ich im Bett und genoss die Livemusik, auch wenn es mich vom Schlafen abhielt. Ich ließ vergangene Bilder kommen und gehen.

Irgendwann werde ich wieder Singen, das weiß ich.

Jetzt fragst du dich vielleicht, warum ich nicht in der Band geblieben bin. 

Ich habe mich bei manchen Auftritten einfach nicht mehr wohl gefühlt. Ich wollte weder in Pubs von halb Betrunkenen gefilmt werden oder zum tausendsten Mal Lieder singen, die für mich keinen Tiefgang hatten, nur weil die Menschen sie dort hören wollten.

Ich wollte mit meiner Stimme Menschen berühren. Und das konnte ich dann bei unseren Yoga-Coaching-Musik-Events. Ja, Yoga war mir zu diesem Zeitpunkt ebenfalls wichtiger.

Trotzdem war es eine lange und schwere Entscheidung, weil es immer ein Traum von mir war, in einer Band zu sein. Unser letzter gemeinsamer Auftritt war bei einer Hochzeit und die Braut hatte sich „Skyfall“ gewünscht. Der schönste Moment war, als ich mit dem Lied am Ende war und in ihre Augen blickte. Sie stand direkt vor der Bühne und lächelte mich dankbar an. Dieses Lächeln war ein wunderschöner Abschluss.

Manchmal muss man etwas loslassen, damit etwas besseres in dein Leben kommen kann.

Als ich nach einer äußerst kurzen Nacht am Morgen aufwachte musste ich schmunzeln, denn das Bettlaken trug ein „D“. Wie gut, dass ich hier sogar mein eigenes Bettlaken hatte. Somit war ich hier genau richtig. 

Okay, ab unter die Dusche und dann los zum Frühstücken. 

Da die Unterkunft kein Frühstück anbot, empfahlen sie mir ein total nettes Café gleich um die Ecke.

Ich war wieder seelig. Mit meinem unglaublich leckeren veganen Wrap, einem Café Latte und Ideen für neue Posts in den Sozialen Medien. Ich glaube ich hätte das noch länger so machen können. Reisen, schreiben und in Cafés schöne Sachen posten. Ich genoß diesen Moment so sehr.

Plötzlich konnte ich nicht anders und musste dem Gespräch der beiden Männer hinter mir lauschen. Sie planten doch tatsächlich ein Musik-Event :-) 

Sollte ich gleich einmal fragen, ob sie noch eine Sängerin brauchen?

So mutig war ich dann doch nicht, aber ich fand es wieder so passend.

Universum, Universum du bist einfach grandios. Und es war auch noch Freitag der 13. Also quasi ein Glückstag. 

Auch wenn es mich das Datum an ein Date erinnerte, das viele viele Jahre zurücklag. 

Ich war damals 18. Also vieeeeeleeee Jahre. Ich glaube, ich bin ihm gefühlt zehn Jahre hinterhergelaufen. Er hatte mir gnadenlos das Herz gebrochen … oh oh … also doch kein so gutes Omen dieses Datum. Aber es gab kein Zurück mehr, ich hatte es ja nicht anders gewollt. 

Dann mal los Richtung Fähre auch wenn es noch viel zu früh war und Na Pali Kai bis am frühen Abend arbeiten musste. Ich wollte einfach keinen Stress mehr, den hatte ich die letzten Tage zu genüge …

–> The Beginning:

Alle Blogartikel zu Hawaii und meinem lebensverändernden Unfall dort

–> So ging es weiter:

Canada – wie die magische Reise weiterging

_

KENNST DU MEIN BUCHPROJEKT?

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.