Ich will wieder nach Hause!

– Juni 2019 – 

Ich war verzweifelt und furchtbar traurig. Und doch war da etwas in mir, dass nach Kaua’i wollte. Ich wollte wieder nach Hause.

Und Kaua’i half mir tatsächlich, den laaangen Flug so angenehm wie möglich zu gestalten:  Ich hatte auf zwei Flügen nicht nur einen freien Sitzplatz neben mir, sondern die ganze Sitzreihe für mich alleine. Ich konnte mein Bein hochlegen und ganz für mich sein.

In Los Angeles klappte alles wunderbar mit der „Wheel Chair Assisstance“ und ich hatte tolle Hilfe, vor allem mit dem sperrigen Radkoffer. Im Vorfeld hatte ich große Bedenken, wie ich das alleine schaffen sollte, das ganze Gepäck von einem Fließband auf das andere zu heben. Mein Knie war noch nicht stabil genug, dass ich das alles alleine machen konnte.

Der nette Herr von der „Wheel Chair Assisstance“ kümmerte sich um mein ganzes Gepäck, so dass ich ein schlechtes Gewissen hatte und versuchte ihm zu helfen. Worauf er fast sauer wurde. Okay. Lean back, Doris. Let it happen. 

Er brachte mich fast bis zum Abfluggate, von dort aus wollte ich alleine laufen, auch wenn mein Knie ganz schön geschwollen war.  So lief ich alleine zum Gate und es fühlte sich verdammt gut an.

Trotz des ganzen Abschiedsschmerzens werde ich nie den Moment vergessen, als ich auf die Anzeigetafel blickte. Da stand es in großen Lettern: Kaua’i.

Es ging wieder nach Hause. Here I come <3

Der letzte Flug war dann doch richtig anstrengend und ich war dankbar für die Kompressionshose, die mir meine Freundin Frauke mitgegeben hatte. Diesmal gab es keinen freien Sitz und mein Knie schmerzte. Schlafen konnte ich auch nicht, weil die Geräuschkulisse im Flieger ziemlich hoch war, die ich selbst durch meine Ohrstöpsel hörte.

So versuchte ich viel zu trinken, mein Bein zu massieren und immer wieder nach oben zur Decke zu strecken. Zum Glück war ich so flexibel und gelenkig, dass ich es machen konnte. Danke, Yoga.

Und plötzlich war ich wieder da. Und alles war anders.

Meine Vermieterin holte mich vom Flughafen ab und alles lief rund. Doch in mir war großes Chaos. Ein großes Unwohlsein. Ein Fremdsein.

Ich hatte Heimweh. Nach einem zu Hause, das es nicht mehr gab. Nach einer Beziehung, die gescheitert war. 

Am liebsten hätte ich mich irgendwo in eine kleines Mauseloch verkrochen. Oder wäre zurück in den Bauch meiner Mutter geschlüpft.

Als wir im Haus ankamen und sie mir mein Zimmer zeigte, war im Grunde alles in Ordnung. Es war ein schönes Haus. Sie hatte mein Zimmer wundervoll dekoriert und sich ganze viele Gedanken gemacht. Ich war behütet und beschützt. Und doch wollte ich einfach wieder zurück in mein altes Leben.

Ich hatte Angst. Ich war so weit aus meiner gewohnten Zone draußen. Es war für mich kaum auszuhalten. 

Mich. Die Veränderung liebte. Die Extreme liebte. Die Abenteuer liebte. Doch dieses Abenteuer war in diesem Moment eine Nummer zu groß für mich.

So verbrachte ich die folgenden Tage fast ausschließlich heulend am Handy und suchte nach Möglichkeiten, wie ich ganz schnell wieder nach Deutschland fliegen konnte. 

Ich konnte nicht schlafen und durch die Zeitverschiebung war mir das ganz recht, denn so konnte ich die Zeit auch noch am Handy verbringen.

Letztendlich waren es meine Freundinnen, die mich davon abhielten überstürzt zurückzufliegen. Ich weiß nicht, warum sie so beharrlich darauf bestanden hatten, dass ich es wenigstens für zwei Wochen versuche.

Meine Freundin Lucia sagte: „Du bist jetzt so weit gekommen. Versuch es doch wenigstens. Du wolltest unbedingt dorthin.“ Meine Reiki-Lehrerin sagte: „Ich weiß, dass es sich furchtbar anfühlen muss und es tut mir leid, dass ich dir das jetzt sage. Aber es fühlt sich überhaupt nicht gut an, wenn du es jetzt abbrichst. Bitte bleib.“

So machte ich mir in meinen Handy-Kalender einen Termin: Für einen geplanten Rückflug nach Deutschland in zwei Wochen.

Im Grunde war es ebenso die Beharrlichkeit meines Ex-Mannes, die mich blieben ließ. Er zog sich komplett zurück.

Entgegen seiner Aussage im Auto verhielt er sich wie 2016, als wir getrennt waren. Er sagte, dass er nicht kann. Er konnte mir auch nicht sagen, ob und wann er bereit wäre, dass wir noch einmal miteinander reden. 

Es kam sogar noch schlimmer, er war so verletzt, dass er mich auf Facebook blockierte, weil er meine Bilder nicht sehen wollte. Das war das erste Mal, dass mich jemand blockierte. Puh. Hätte ich damals schon geahnt, dass ich wieder in genau die gleiche Situation kommen sollte. Anscheinend hatte ich noch etwas zu lernen. 

Ich blickte mich in meinem Zimmer um. Meine Vermieterin hatte mir ein gerahmtes Bild auf einen Stuhl in die Ecke neben meinem Bett gestellt. Es erinnerte ich sehr an das Bild, das auf der Karte war, die ich beim letzten Trance Tanz zog: Ein engumschlungenes Paar. Diesmal umgeben von Delphinen.