Ohana heißt Familie

– Juni 2019 – 

Ich wollte unbedingt Claire wiedersehen. Sie hatte mir nach meinem Unfall so geholfen und war für mich wie eine zweite Mutter in dieser Zeit.

Wir verabreden uns zum Schwimmen und sie wollte mich abholen, um mit mir zum Anahola Beach zu fahren. Ich freute mich so sehr, sie zu sehen!

Und sie war glücklich, dass ich so gut laufen konnte. Als wir uns damals verabschiedet hatten, saß ich die meiste Zeit im Rollstuhl.

Als wir nach Anahola fuhren brachten wir uns im Schnelldurchlauf auf den neuesten Stand, was in den letzten Monaten passiert war. Klar, hatte wir immer wieder Kontakt über den Messenger, aber persönlich miteinander zu sprechen ist einfach viel schöner.

Ich genoss es, trotz meiner Traurigkeit, so sehr mit ihr an der Bucht entlang zu schwimmen. Es war das erste Mal, dass ich wieder eine längere Strecke seit dem Unfall schwamm. Und es tat so gut.

Claire erzählte mir von Anahola, wies mich in die hawaiianische Geschichte ein, die sie jahrelang studiert hatte und den schrecklichen Vorkommnissen während der Kolonisation. Die immer noch allgegenwärtig war. 

Ich kann dir nicht sagen, was in diesem Moment in mir passiert war. Ich meine, ich habe wirklich kaum Ahnung von der Geschichte Hawai’is, der Kultur und der Tradition. Ich will auch keine Zahlen und Fakten mehr auswendig lernen müssen wie und der Schule. Ich will die Orte fühlen, an denen ich bin. Und das was ich fühlte war diesmal ganz anders, als die Male zuvor. Ich fühlte den tiefen Schmerz.

Jedesmal wenn ich über die Insel fuhr wünschte sich irgendein Teil in mir, dass Hawai’i einfach wieder ganz und gar wie in seinem Ursprung Hawai’i wäre.

Claire beschrieb die einzelnen Inseln von Hawai’i und verglich sie miteinander. Ich fragte sie, warum ich mich ausgerechnet so sehr mit Kaua’i verbunden fühlte. Sie meinte, vielleicht weil es die Ursprünglichste von allen Inseln wäre. Ich hörte ihr so gerne zu und wollte von ihr lernen.

Ich war Claire so dankbar, dass sie mich immer wieder mitnahm – auch zusammen mir ihrem „Boyfriend“, der so endlos cool war!

Als ich von Anahola zurückkam war sie wieder da. Die Traurigkeit. Hing es mit dem Haus zusammen, in dem ich war?

Ich fragte meine Vermieterin wer hier zuvor gewohnt hatte. Und sie sagte tatsächlich, dass es eine Familie war und sich die beiden getrennt hätten. Sie selbst nehme das nicht mehr wahr, aber ich war noch zu sehr in dieser Frequenz, dass es voll an mein System andockte.

Jetzt fragst du dich vielleicht, was ich mit „Frequenz“ meine. Jede unserer Emotionen hat eine bestimmte Schwingungsfrequenz. Dabei schwingt die Liebe am Höchsten. Auch Freude oder Dankbarkeit schwingen sehr hoch. Traurigkeit, Neid, Wut oder der gleichen haben eine sehr niedrige Schwingung.

Ehrlich gesagt glaube ich nicht daran, dass wir immer hoch schwingen können, da wir Menschen sind und auf diesem Planeten der Gegensätze leben. Der Polarität. Dennoch glaube ich auch, dass wir immer mehr in höhere Schwingungen kommen können, wenn wir daran arbeiten. Unsere Emotionen lernen, besser zu regulieren und dadurch unsere Frequenz verändern.

Was wiederum ähnliche Umstände in unsere Leben ziehen wird. In diesem Fall war es ein Scheidungshaus. Und auch meine Vermieterin hatte sich kurz vorher von ihrem Freund getrennt. Der wesentlich jünger war als sie. Auf Hawai’i schien das gängiger zu sein, das Frauen wesentlich jüngere Männer als Partner hatten.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich mir darüber nicht so viele Gedanken gemacht. Alle meine Partner waren immer fast gleich alt, bis auf ein paar Jahre hin oder her. Doch sollte mich Kaua’i schon bald mit diesem Thema konfrontieren. Mehrmals.

Meine Vermieterin hatte das Haus erst gekauft und war noch mitten und der Verschönerungsphase, auch für den Garten. Sie wollte allerlei Dinge anpflanzen.

Da war ich natürlich gleich in meinen Element und ich schwärmte ihr von Claires tollem Garten vor.

Auch in meinem Kopf hatte ich vor vielen Jahren schon meinen Obst- und Gemüsegarten kreiert. Ich wusste genau, wie er aussah. Und meine Freunde die Gärten haben sagten immer: Überleg dir das gut. Das ist eine Menge Arbeit. 

Kann sein. Ich will es trotzdem ;-)

Ich schwärmte meiner Vermieterin so sehr von Claires Garten vor, dass es sie neugierig machte und sie sich als Inspiration diesen Traum von einen Garten ansehen wollte. So vereinbarten wir zwei Tage später einen Termin mit Claire, um sie zu besuchen.

Am Tag darauf nahm mich meine Vermieterin mit in die Stadt und ich ging ans Meer, während sie Besorgungen machte. Sie war wirklich nett und sehr bemüht. Sie zeigte mir auch eine Lotion für mein Knie: Noni. Ja, den schrecklichen Saft, den mir mein Yogalehrer im Krankenhaus empfahl gab es sogar als Lotion und als getrocknete Blätter, die etwas besser schmeckten. Mir war alles recht, was helfen konnte. Ich liebe es neue Dinge auszuprobieren, vor allem alternative Heilmittel.

Als ich am Meer entlang lief ging mein Gedankenkarussell los. Im Grunde schon vorher. Es war wie ein Invasion in meinem Kopf. Junge. Junge. Boah. Da half nur Eines: Ich sprach ALLES aus, was ich dachte. Das half.

So lief ich und lief ich am Meer entlang. Sprach mit mir selbst. Ließ die Tränen kommen und gehen. Arbeitete mich durch alle Schichten durch, was hochkam.

Der Heilungsmarathon hatte begonnen. Und das Meer half mir so sehr dabei mein Herz und meinen Verstand von Altem zu reinigen. Danke, Kaua’i.

Nach ein paar Stunden ging es mir besser. 

Und weißt du was meine Leidenschaft war? Alles, was mir half mit meiner Morgenroutine-Gruppe zu teilen. Ich hatte ihnen versprochen, dass ich sie mit auf die Reise nehmen werde und ich war so unfassbar dankbar für die Menschen in dieser Gruppe, die ich seit über einem Jahr aufgebaut hatte. Jeden Sonntag Abend teilte ich meine Ideen, damit sie pünktlich am Montag Morgen ankam. So wurde die Montag-Morgenroutine für mich zur Sonntag-Abendroutine.

Am nächsten Tag fuhren wir zu Claire und ich war so aufgeregt wieder dort zu sein, vor allem, was es mit mir machen würde, wenn ich dort war. Es war, als wäre es erst gestern gewesen, als ich schmerzverzehrt ins Auto robbte und einfach nicht nach Deutschland fliegen wollte.

Weißt du was das Überraschende war? Es machte gar nichts mit mir. Ich war einfach so happy. Ich umarmte alle und lief durch den Garten. Ich fühlte mich so pudelwohl dort.

Ich hatte echt Schiss davor und das war völlig unbegründet. Okay, ich ging nicht in mein altes Zimmer. Das bekam ich noch nicht auf die Reihe. Noch nicht.

Und ich sah Marcus zum ersten Mal, den Sohn von Claire. Denn, als ich während meines Unfalls dort war, war er in Europa unterwegs. Er zeigte meiner Vermieterin der Garten und erklärte alles – oder war es Claire? Ich weiß es gar nicht mehr. Egal. Aber auch Marcus war toll, ein ganz besonderer Mensch mit einem ganz besonderen Charisma. Im Grunde vom Aussehen her der absolute Hammer. Aber ich war in diesem Moment weit davon entfernt offen für irgendetwas Neues zu sein. Da hättest du mir Jared Leto vor die Nase setzen können ;-)

So genossen wir gemeinsam die Avocado- und Papayabäume, die Bananenstauden, Maracuja, Feigen, Kräuter und vieles mehr. Die Zitrusfrüchte wie Orangen und Zitronen waren noch nicht reif. Sie reifen erst im Oktober/November. Wusstest du, dass eine Banane neun Monate braucht, um zu wachsen? Wie ein Baby im Bauch seiner Mutter.

Als wir wieder zurück bei meiner Vermieterin waren kam sie am Abend noch in mein Zimmer und wollte mit mir sprechen. Sie sprach im Grunde das aus, was ich auch schon dachte. Sie meinte, sie hätte gesehen, wie wohl ich mich dort fühlte und dort so viele Menschen wären, die ich kannte – und es mir sicher gut täte von Menschen umgeben zu sein. Hier war nur sie und ich. Und sie hätte auch nicht gedacht, dass ich noch so traurig wegen der Trennung wäre.

Ja, ich brauchte definitiv Menschen um mich nach der monatelangen Zeit alleine auf dem Sofa.

Ich wollte eine Nacht darüber schlafen und ihr am Morgen Bescheid geben.

Am nächsten Tag war ich mir sicher: Ich wollte wieder in das ursprüngliche Haus und schrieb Marcus an. Tatsächlich zog heute jemand aus dem oberen Zimmer aus und ich könnte sofort einziehen, wenn ich wollte.

Rate mal welches Zimmer … 

Genau das, das ich das Jahr zuvor schon gebucht hatte für die zweite Hälfte meines Aufenthaltes. Jedoch nie von innen sah, weil dann der Unfall passierte.

Jetzt war es mein Zimmer. Plötzlich ging alles ganz schnell. Ich packte meine Sachen und meine Vermieterin fuhr mich hin. Es war im Grunde ein Katzensprung. Schon wieder verrückt, dass es so nah beieinander lag. 

Es war als würde ich einen Quantensprung machen. Ich liebte dieses Haus, schon beim ersten Mal. Und jetzt war ich auch noch in meinen Lieblingszimmer untergebracht. Es fühlte sich verdammt gut an. Ich war dort, wo ich sein sollte. Bei meiner hawaiianischen Familie. Ohana.

Weiß du im Grunde bedeutet für mich Familie nicht unbedingt die Ursprungsfamilie. Für mich ist dieser Begriff viel weitereichender und schließt meine Freunde mit ein. Menschen, die mir wirklich Nahe sind.

Und selbst da würde ich keine Einschränkungen mehr machen wollen, denn im Grunde sind wir alle miteinander verbunden. Wir sitzen quasi alle im gleichen Boot. Und wenn wir unseren Heimatplaneten scheiße behandeln, dann trifft es uns alle. 

Wenn wir dagegen alle immer mehr an uns selbst arbeiten und unsere Frequenz erhöhen, haben alles etwas davon. Wir unterstützen uns somit gegenseitig, auch wenn sich viele dessen noch nicht bewusst sind. Aber ich hoffe, dass dieses Bewusstsein sich immer schneller verbreitet. So sei es.

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