Mein altes nerviges ICH

– Juli 2019 – 

Lass uns über Steve reden. 

Wer ist denn Steve nun wieder?

Das war mein neuer Zimmernachbar. Er kam auch aus den Staaten. Und zumindest war er ein wenig älter, als der Typ, den ich an der Bushaltestelle getroffen hatte.

Wieso konfrontierte mich Kaua’i mit wesentlich jüngeren Männern?

Und nicht nur das.

Kennst du, wenn das Leben dich gerade mit deinem alten ICH konfrontiert? 

Boah, das kann dich ganz schön triggern. Zumindest, wenn da immer noch rudimentäre Anteile in dir sind.

Manchmal musst du vielleicht sogar über dich selbst lachen. Zumindest ist es bei mir so :-)

Ich sage dir, Steve war so ein Spiegel. Wir hatten uns auf Anhieb gut verstanden.

Wir diskutieren über Gott und die Welt, vor allem über spirituelle Themen. Er probierte gerade eine neue Ernährungsform aus, interessierte sich für Energiearbeit und war, wie ich, ein ziemlicher Klugscheißer. Also, so wie ich – früher ;-)

Er zeigte mir all die Sachen, mit denen ich meinen Ex-Mann wahrscheinlich in den Wahnsinn getrieben hatte, weil ich ihm irgendetwas schmackhaft machen wollte, was gar nicht sein Ding war und Steve half mir dabei, ihn soviel besser verstehen zu können. Also meinen Ex.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass er, also mein Ex, es hasste, wenn ich in unserer Wohnung „Palo Santo“ zum Einsatz brachte. Das heißt übersetzt „Heiliges Holz“ und hat eine starke Reinigungswirkung. Jennie hatte es an der schamanischen Fortbildung dabei und ich habe mir gleich danach einen ganzen Packen davon bestellt. 

Die Räucherwirkung war für mich tatsächlich noch besser als. z.B. weißer Salbei.

Mein Ex fand den Geruch furchtbar, was ich überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Ich mochte den Geruch. Auch von manchen Räucherstäbchen. Von ein paar bekam ich auch Kopfschmerzen, aber von Palo Santo nicht.

Zurück nach Kaua’i und meinem alten nervigen ICH in Form von Steve.

Ich stand in der Küche und kochte mir etwas zu Essen. Plötzlich lief er wie ein aufgescheuchtes Huhn um mich herum und räucherte alles mit Palo Santo aus.

Boah. Das ging ja gar nicht. Ich sagte zu ihm auf Englisch: „Kannst du das vielleicht später machen, wenn ich nicht gerade koche?“ Das roch total unangenehm.

Achtung: Ein erkenntnisreicher Moment!

Palo Santo riecht unangenehm? Seit wann das denn bitte schön? Ich kann es dir nicht erklären, aber plötzlich konnte ich mich so gut in meinen Ex hineinversetzen. Und es wurde noch besser.

Steve liebte es über spirituelle Themen zu diskutieren und mich von seiner Meinung zu überzeugen. Der Gesprächsverlauf sah dann immer so aus: Zu Beginn fand ich es noch total spannend und stieg voll mit an. Aber irgendwann wurde es für mich anstrengend. Lag wahrscheinlich auch zum Teil daran, dass er allerlei Worte benutzte, dich ich nicht verstand.

Zum anderen tat ich mich in seiner Gegenwart besonders schwer, mich angemessen auf Englisch auszudrücken. 

Was ebenfalls ein sehr spannendes Thema war, denn meine Wortkunst war abhängig von meinem Gegenüber. Bei manchen Menschen floss es nur so dahin und wiederum bei anderen gatzte ich herum, als gäbe es kein Morgen mehr.

Konnte es sein, dass ich immer dann blockiert war, wenn ich mich unter Druck fühlte? Doch wer baute den Druck auf? Der Mensch, der mir gegenüber war oder ich selbst?

Eines ist mir in den letzten Jahren massiv klar geworden: Wir beeinflussen uns gegenseitig mehr, als uns lieb ist. Vor allem dann, wenn wir von jemanden eine Meinung haben. Nehmen wir z.B. Kinder. Wenn du denkst, dass ein Kind das und das nicht kann, dann wird das einen starken Einfluss auf das Kind haben. Es wird es fühlen und verinnerlichen. Soweit, dass andere Menschen dann genauso über das Kind denken, weil dieses Kind es ausstrahlen wird. 

Eine Frau war einmal der Meinung, dass ich unzuverlässig wäre, weil ich tatsächlich ein- oder zweimal etwas versemmelt hatte. Und plötzlich passierte mir das ausgerechnet bei ihr immer wieder. Ich kam aus der Nummer gar nicht mehr raus, obwohl ich die meiste Zeit meines Lebens die Pünktlichkeit in Person war.

Jetzt fragst du dich vielleicht wie jemand anders soviel „Macht“ über dich haben kann. Das ist ein gute Frage. Ich kann es mir nur so erklären, dass ich sehr feinfühlig für Schwingungen im Außen bin. Mittlerweile komme ich auch immer tiefer, woran das liegen könnte. Aber diese Geschichte erzähle ich dir später.

Lass uns zurück an den Tisch gehen, an dem ich mit Steve saß und mein Kopf immer mehr zu explodieren schien, weil mir dieses Gespräch einfach zu anSTRENGend wurde. Es floss nicht zwischen uns, da war kein „Panta Rhei“ – alles fließt.

Weißt du, ich dachte mir: „Hey, wir sind hier auf Kaua’i. Ich habe wirklich eine scheiß Zeit hinter mir – wollen wir das Leben nicht einfach mit Leichtigkeit genießen?“ Ich sagte zu ihm: „Können wir nicht irgendwas was Schönes machen? Spaß haben? Das Leben auskosten?“

Nein. Er wollte lieber, gefühlt, sich selbst kasteien. Und war, gefühlt, sehr streng mit sich.

Ich wollte nicht mehr streng mit mir sein und ich wollte nicht mehr leiden.

Aber vielleicht war es zu früh. Vielleicht war ich noch nicht so weit und wollte die Prozesse nur wegschieben. Vielleicht.

Und vielleicht wurde bald alles viel-leichter ;-)

Nein, Steve war schon okay. Er brachte mir viele Wörter bei, z.B. „hilarious“, weil er meinte, dass ich so urkomisch sei. Er sagte immer: „You are hilarious, Doris.“

Ja, Humor hatte mir immer geholfen. Am meisten kann ich mich über mich selbst kringelig lachen :-D

Steve hatte mich sehr unterstützt, mein Englisch zu verbessern und das für mich schwierige Wort „vulnerable“ auszusprechen. Verwundbar, verletzlich. Ja, das wurde ich in den letzten Jahren immer mehr. Eine ursprüngliche triathletische Ironlady, die verletzlich wurde. Oder einfach zurück zu ihren Wurzeln fand, denn als Kind oder Jugendlich war ich das bereits.

Da er sich auch für Astrologie interessierte, saßen wir oft nebeneinander am Sofa und ich übersetzte ihm den monatlichen Sternen-Newsletter, den ich per eMail bekam.

Wir machten zusammen eine richtig coole Energiesession, ohne uns zu berühren, und waren sehr nahe an dem Thema dran, was die Welt wirklich heilen könnte.

Ich las gerade das Buch „Grandmother’s Wisperer“ und auf jeder zweiten Seite war ich so tief berührt, dass der Inhalt mich zum Weinen brachte. Auch wenn ich nicht jedes Wort auf Englisch verstand, aber die Essenz dahinter ging so tief in ein System hinein, dass mir langsam dämmerte, warum ich hier war …

Eines Tages ließ sich Steve tatsächlich dazu breitschlagen, dass wir mit dem Bus in die Hanalei fuhren. Ich glaube, das war der schönste Tag, den wir zusammen verbracht hatten. 

Am Abend standen wir uns gegenüber in der Küche und er nahm mich in den Arm. Wir bedankten uns gegenseitig für den tollen Tag und es war dieser eine Moment wo ich ihn hätte küssen können. Aber ich tat es nicht. Irgendetwas in mir hinderte mich daran. Irgendetwas in mir war skeptisch. Es war, als würde mein geistiges Team zu mir sagen: „Geh nicht weiter.“ Und in den nächsten Tagen war es, als würde ich die Anweisung von ihnen bekommen, dass wir nun wieder unsere eigenen Wege gehen sollten. Was wir dann auch taten.

Rückblickend habe ich durch ihn soviel gelernt und für diese Erfahrung bin ich ihm sehr dankbar.

Er hatte mir klar gemacht, dass es zwar eine schöne Vorstellung ist, mit jemanden zusammen zu sein, der Englisch sprach. Aber auch sehr unangenehm, wenn man sich nicht in der Lage fühlt, sich entsprechend ausdrücken zu können. Ich hinterfragte diese schöne Vorstellung, ob ich das wirklich wollte oder, ob ich nur die Vorstellung mochte. Mir war klar geworden, dass das für mich kein einseitiges Ding sein konnte. Wenn dann musste er auch Deutsch können. Zumindest so, dass ich mir nicht wie der letzte Depp vorkam ;-)

Er hatte mir ebenso bewusst gemacht, dass ich jemanden an meiner Seite brauche, der sportlich ist. Nur spirituell-philosophisch alleine reichte nicht.

Einmal fragte ich Steve, ob er mit mir wandern gehen würde. Ich meine, ich war mit meinem Knie immer noch total gehandicapped. Ich war seit dem Unfall nicht mehr wandern und wollte langsam wieder damit beginnen.

Aber das war ihm zu anstrengend. So fuhr er mich mit seiner Vespa zu einem Trail, an dem ich ein klein wenig laufen konnte. Das war wirklich nett von ihm.

Auch, dass er mich dazu inspirierte im Zelt im Garten zu übernachten, was eines der tollsten Nächte war. Zur gleichen Zeit schrieb mir eine Freundin, ob ich nicht einmal draußen schlafen möchte. Wow, was war ich am Morgen danach aufgeladen. Mein ganzer Körper fühlte sich an, als würde er vor Kraft nur so strotzen. Als hätte mich die Erde über Nacht magisch aufgetankt. Und mir tat gar nichts weh, nicht einmal mein Rücken. Das war faszinierend.

Ja, die Begegnung mit Steve beinhaltete viele Geschenke: Aus meiner partnerschaftlichen Vergangenheit, über meinen jetzigen ZuSTAND, der im Grunde nicht stillsteht – und über meine Zukunftswünsche.

In meinem Kopf legte ich eine imaginäre Liste an, wie der Mann an meiner Seite sein sollte. Diese Liste hatte ich schon einmal gemacht. Vor elf Jahren, bevor ich meinen Ex-Mann traf, der vielem entsprach, was darauf stand. Einigem auch nicht. Und elf Jahre später hatten sich meine Wertvorstellungen verschoben. Vieles was mir damals wichtig war, war es nun nicht mehr. Aber die Sportsache musste mit rein. Ich glaube, ich hatte bisher nur einen Partner, der so gar nicht sportlich war und das ging nicht lange gut.

So kam auf die Liste: Zusammen Sport machen, wie es uns Spaß macht. Das klang gut.

Diese magische Liste sollte noch einmal ihren Feinschliff bekommen. Animiert und inspiriert durch die Autorin des oberen Buches, die ich ein zweites Mal auf Kaua’i treffen durfte. Sei gespannt :-)

Verabschieden wir uns nun von Steve und zugleich meinem alten nervigen ICH.

Danke, dass du mir soviel gezeigt hast. Dass du in meinem Leben warst, mich zu so vielen Dingen motiviert hast, z.B. meine erste Podcastfolge auf Kaua’i aufzunehmen. Oder mit mir einen meiner Lieblingsfilme „Peaceful Warrior“ angesehen hast.

Mir gezeigt hast, was ich nicht mehr will. Oder besser gesagt: Wie derjenige sein soll, der irgendwann an meiner Seite ist.

Danke. Danke. Danke.

***

Möchtest du auch mit einem alten nervigen ICH Frieden schließen? (Klick)