Ein König im Walmart?

– Juli 2019 – 

„Willst du mit in den Walmart gehen?“ fragte mich Claire.

Sie war so lieb und ihr Freund auch. Sie nahmen mich überall hin mit und zeigten mir schöne Orte und Aussichten. Wir waren zusammen an den verschiedensten Stränden und ich lernte, was „Hang loose“ wirklich bedeutet.

Neulich waren wir Großeinkauf machen. Der Laden ist ungefähr so wie bei uns die Metro und man kann an jeder Ecke irgendwas probieren – so wie bei der Consumenta ;-)

An einem Stand war eine Frau und alles war in kleinen Häppchen extra verpackt. Ich fragte die Frau, ob man es vielleicht auf kleinen Tellern servieren könnte, um Müll zu sparen. Sie sagte zu mir, sie wäre nur ein kleines Licht und ich solle mich an ihren Chef wenden. Sie drückte es sogar noch drastischer aus, als wäre sie niemand. Das tat mir in der Seele weh. Ich hätte sie am liebsten gepackt und geschüttelt – und ihr gesagt, dass sie soviel mehr ist!

Ja, warum tun wir das, uns kleiner machen als wir sind? Und ich nehme mich da nicht aus. Wir sind nicht klein. Kennst du diesen wunderschönen Text von Marianne Williamson? Ich hatte ihn immer wieder gerne im Yoga vorgelesen, weil er mich so tief berührte:

Unsere tiefste Angst ist nicht, 

ungenügend zu sein.

Unsere tiefste Angst ist,

dass wir über alle Maßen kraftvoll sind.

Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit,

was wir am meisten fürchten,

Wir fragen uns, wer bin ich denn,

um von mir zu glauben, dass ich brillant,

großartig, begabt und einzigartig bin?

Aber genau darum geht es,

warum solltest Du es nicht sein?

Du bist ein Kind Gottes.

Dich klein zu machen nützt der Welt nicht.

Es zeugt nicht von Erleuchtung, sich zurückzunehmen,

nur damit sich andere Menschen um dich herum

nicht verunsichert fühlen.

Wir alle sind aufgefordert, wie die Kinder zu strahlen.

Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes,

die in uns liegt, auf die Welt zu bringen.

Sie ist nicht in einigen von uns,

sie ist in jedem.

Und indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen,

geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis,

das Gleiche zu tun.

Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind,

befreit unser Dasein automatisch die anderen.

Du bist nicht klein. Auch diese Dame war es nicht. Und vielleicht dürfen wir alle unseren Mund mehr aufmachen. Für etwas einstehen, was uns wirklich wichtig ist. Zum Wohle aller.

Darf ich dich nun mit den Walmart nehmen?

Da ist wirklich etwas Unfassbares passiert. Aber bevor ich dir das erzähle, muss ich dir noch etwas, im Grunde für mich, total Peinliches erzählen.

Ich stand mit Claire vor allerlei Kräutern und Gemüsepflanzen in Form von Samen. Ich wollte lernen, wie all die Dinge auf Englisch heißen und erklärte ihr wiederum, dass „Dill“ bei uns auch „Dill“ heißt. Am Lustigsten fand ich Rote Bete: „Beetroot“ – quasi nur andersrum und verenglischt :-)

Wir standen vor all den wunderschönen Orchideen und ich erinnerte mich daran, wie all meine Orchideen an unsere Putzfee verschenkt hatte. Ich liebte meine Orchideen und freute mich immer wieder, wenn neue Blüten kamen. Ja, ich sprach sogar mit ihnen, so auch mit unserer Ikea-Palme und den Kräutern am Balkon. Ich fragte sie, wo sie am liebsten stehen wollen und neben welchen Kräutern sie sich am wohlsten fühlen. Ja, ich bin verrückt :-)

Jetzt kommt das Beste: Claire erklärte mir, dass die Orchideen vorher in einem Art Pflanzen-Kindergarten sind und man sie da auch hinbringen kann, damit sie sich erholen können. Du wirst dich jetzt gleich über mich schlapp lachen. Denn immer wenn ich über die Insel fuhr, sah ich Schilder mit „Nursery“ und dachte: „Das hat bestimmt etwas mit Krankenschwestern zu tun“. :-) So wie bei uns der nette mobile Pflegedienst. Als ich dann im Walmart stand musste ich so über mich selbst lachen, als Claire mich aufklärte, dass es sich hierbei um eine Pflanzschule handelte, nicht um Krankenschwestern :-D

Ihr Boyfriend war wie immer damit beschäftigt jeden anzuquatschen und nicht nur das – mich auch noch jedem vorzustellen, was mir am Anfang echt peinlich war ;-) 

Ja, was auf Menschen zugehen anging, konnte ich noch viel von ihm lernen. Auch neue Wörter. Er erklärte mir z.B. den Begriff „The Kind“. Das ist so wie bei uns, wenn du den Namen nicht weißt und sagst „der Nette da“.  Ich musste jedesmal so lachen, wenn er mich so nannte. Irgendwann war es dann unser Running Gag. Immer wenn ich zu Claire und ihrem Boyfriend ins Auto einstieg sagte ich: „Hi, it’s me again. The Kind “. Und grinste bis über beide Ohren, weil ich die beiden so zum Lachen brachte.

Auch mit „I am pretending to be seatbelted – we can go“ :-) – so zu tun, als wärest du angeschnallt. Ach, ich liebe Hawai’i. Was haben wir gelacht.

Jedoch verging mir das Lachen schnell, als er mich einem älteren Mann vorstellte. Er stand neben seiner Frau, hatte eine dunkle Sonnenbrille auf und sah aus wie eine Mischung aus einem Hawaiianer und einem Indianer.

Ja, ich weiß, dass der Begriff „Indianer“ politisch nicht korrekt ist. Du weißt, was ich meine. Ich habe große Ehrfurcht und fühle eine sehr tiefe Verbindung zu diesen wundervollen Menschen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte, die ein paar Wochen später passieren sollte …

Lass uns zurück in den Walmart gehen.

Claire und ihr Boyfriend standen neben mir und Mr. Boyfriend sagte ganz aufgeregt: „Das ist ein König!“.

Ich dachte mir: „Ja, klar.“ Ich glaubte ihm kein Wort und dachte, er wolle mich veräppeln.

Er blieb hartnäckig und sagte, er wäre ein Nachfahre von King Kamehameha, der damalige König von Hawai’i. Er musste wohl sehr viele Frauen gehabt haben und deshalb umso mehr Nachkömmlinge ;-)

Ich war skeptisch. Ein König im Walmart?

Der Mann reichte mir die Hand und nahm just in diesem Moment seine Sonnenbrille ab. Ich blickte in diese tief braunen und zugleich warmen Augen als sich unsere Hände berührten. Diese Augen waren tiefer als tief.

Mir schien es für einen Moment, als würde die Zeit still stehen. Alles würde alles still stehen für einen AugenBLICK.

Als hätte ich in eine andere Welt oder in eine andere Zeitepoche sehen dürfen.

Wer auch immer er war. Da war etwas, das ich mit Worten nicht beschreiben kann. Da war etwas durch Raum und Zeit. Und das ging verdammt in mein System hinein. 

Vielleicht kannst du es fühlen.