Tiefe Wunden der Geschichte

– Juni 2019 – 

Claire liebte Schwimmen wie ich und ihre Leidenschaft war es, jeden Morgen zum Public Pool zu gehen und dort ihre „Gang“ zu treffen, wie sie sie liebevoll nannte.

Sie lud mich ein, mitzugehen und natürlich wollte ich mit – auch wenn ich dafür ziemlich bald raus musste.

Angekommen am Pool saßen schon alle da. Claire stellte mich vor und wir unterhielten uns kurz. Es war total nett zu beobachten, wie sich alle austauschten und ich stellte fest, dass wir viel zu früh dran waren. Claire meinte, dass sie den Austausch mag, deshalb wollte sie so früh dort sein.

Es erinnerte mich an meinen ehemaligen Triathlon Verein und das Training dort. Weißt du, ich glaube ich habe das zum Teil so gerne gemacht, weil ich gerne mit den Menschen zusammen war. Was haben wir zusammen gelacht und rumgealbert, auch beim Schwimmen. Auch wenn ich überhaupt keine Lust auf manche Einheiten hatte, aber alleine die positiven Vibes durch andere haben mich so manche Grenzen überschreiten lassen. Vor allem bei Sprints oder Intervalltraining. Und dafür bin ich sehr dankbar.

Lass uns zurück nach Kaua’i gehen an den Public Pool. Der übrigens kostenfrei für alle ist. Wow. Alleine das, fand ich so toll. Wie sehr hatte ich nach meinem Knie-Unfall Schwimmen vermisst und ich liebe es noch mehr unter freiem Himmel zu schwimmen und beim Rückenschwimmen den blauen Himmel zu sehen. Daneben noch die riesigen Palmen. Ich war seelig. 

Du musst wissen, dass ich zwar irgendwie so eine Spiri-Tante geworden bin, aber der Anteil der Triathletin ist trotzdem noch da. Ich meine, ich habe den Sport fast mein halbes Leben gemacht. 20 Jahre. Das ist eine lange Zeit und natürlich hat mich das geprägt.

Was hat dich geprägt?

So bin ich auf Kaua’i in meiner triathletischen Manier in den Public Pool rein und zügig losgekrault. Ich mache das immer so, vor allem, damit mir schnell warm wird.

Ich war es gewohnt, dass man im Kreis schwimmt und man sich Bahnen teilt, aber in jedem Schwimmbad ist das anders. So auch auf Kaua’i. Jeder hatte eine eigene Bahn und in dem Fall gehörte die Bahn, auf der ich schwamm, schon jemanden anderem. Was ich nicht wusste. Einem etwas älteren Mann.

Dummerweise bin ich dann auch noch mit ihm zusammengerumpelt und habe mich gleich dafür entschuldigt. Weißt du im Training war das ganz normal, dass man sich mal berührt oder einen kleinen Schlag abbekommt. Das war in der Regel kein großes Ding. Wir sind einfach weitergeschwommen.

Doch an diesem Tag, in diesem Pool, war es ein Großes. Er war ziemlich sauer auf mich.

Als wir gemeinsam am Beckenrand ankamen hatte er mich wüst auf Englisch beschimpft und sagte: I am a JEW! (Ich bin Jude.)

Er wusste, dass ich Deutsche bin und alleine dieser Satz hatte mich tief verletzt. Es war mir, als würde er in dem Moment ein Messer in mein Herz rammen. 

Schlagartig wurde mir bewusst, dass es hier um viel mehr ging, als um eine kleine Kollision in einem Schwimmbecken. Hier waren tiefen Wunden der Geschichte nach oben gekommen und mein unachtsamen Verhalten war der Auslöser dafür.

So schwommen wir weiter und ich überlegte mir, was ich tun konnte, um die Situation zu de-eskalieren. Natürlich war ich auch irgendwo fassungslos und verletzt, weil ich mir dachte, hey, ich kann doch überhaupt nichts dafür, was damals passiert ist. Ich war da noch noch nicht einmal geboren …

Ich ging irgendwann aus dem Wasser und nahm mir nach dem Duschen ein Herz, auf ihn zuzugehen und mich noch einmal zu entschuldigen. In dem Moment entschuldigte er auch sich und sagte mir, dass er jeden Tag extra so früh aufsteht, damit er auf seiner Bahn schwimmen kann. Er schwimmt immer zwei Stunden und es ist für ihn wie ein heiliges Ritual. Zumindest hatte ich das so verstanden.

Und dann komme ich daher und werde zum Platzhirsch.

Plötzlich konnte ich ihn soviel besser sehen und verstehen. Seine Wunden sehen. Meine Wunden sehen. Auch wenn ich nicht unmittelbar vom Holocaust betroffen war, aber es ist alles in unseren Zellen gespeichert.

Vielleicht ist es an der Zeit all diese toxischen Zellerinnerungen zu heilen. Durch Raum und Zeit. Bis in alle Sphären und Tiefen. Ganz und gar zu heilen.

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