Das Herz aller Menschen

– August 2019 – 

Ich war so glücklich, dass ich mit meinem Knie wieder Radfahren konnte. Ja, die Heilung schien schneller voran zu gehen als in Deutschland. Ich war so dankbar, dass ich mein Rad dabei hatte.

Und diesmal wagte ich mich ganz weit aus dem Fenster und fuhr das erste Mal mit meinem Mountainbike Bus. Das ist so cool auf Kaua’i! Du kannst dein Fahrrad einfach vorne am Bus festmachen. Oh Gott war ich aufgeregt, ob ich das alleine hinbekomme und mich nicht anstelle wie der letzte Depp.

Ich war sozusagen doppelt aufgeregt, denn ich hatte bei Sandra in Kalaheo ein weiteres Chrystal Healing gebucht und war so gespannt, was diesmal passieren würde. 

Ich war auf dem Weg zur Bushaltestelle und irgendwie wollte ich diesmal woanders in den Bus einsteigen. Ich hatte noch genügend Zeit und bin mit dem Rad ein paar Stationen weiter gefahren. 

Als der Bus kam überkam mich plötzlich ein Gefühl von Angst.

Steig nicht in diesen Bus ein, sagte eine Stimme in mir. 

Ich war so früh dran, dass es nichts ausmachte den nächsten zu nehmen. Dachte ich …

Leider hatte der nächste Bus exorbitante Verspätung. Verdammt. Hoffentlich bekam ich meinen Anschlussbus in Lihue, damit ich pünktlich in Kalaheo war. Von dort aus musste ich noch mit den Rad ein Stück den Berg hochfahren. 

Hätte ich doch mal den Bus vorher genommen! Mann!

Da saß ich nun in Lihue und war total wütend auf mich, weil ich tatsächlich den Anschlussbus verpasst hatte. Und nicht nur das: Ich war doppelt wütend, weil ich immer noch meine dämliche deutsche Pre-Paid-Handykarte hatte, wo mir eine SMS ein Vermögen kostete. Aber ich musste Sandra Bescheid geben, dass ich mich verspäte. 

„Sendung fehlgeschlagen“ – ach komm schon Kaua’i. Dann versuchen wir es eben noch einmal. Bitte lass die Karte nicht gleich wieder leer sein!

Da, sie hatte geantwortet, so ein Glück. Die Nachricht kam doch an. Puh.

Plötzlich sprach mich ein braungebrannter und schon leicht ergrauter Mann an, der sich an der Bushaltestelle neben mich auf die Bank setzte. Ich weiß gar nicht mehr, was er zuerst sagte. Ich glaube, er fragte, wo ich herkomme und er erzählte mir, wo er herkam. Er kam vom Festland, an den Ort kann ich mich nicht mehr erinnern. 

Er sagte, dass er ein Lakota Indianer ist und erzählte mir von seinem Vater. Und von seiner Schwester, die in Kapa’a ein Healing Zentrum leitet. Da war ich erst vor ein paar Wochen. Es hatte mich magisch dorthin gezogen. Keine Ahnung warum.

Sein ursprünglicher Stammesname berührte mich sehr. Er sagte auf Englisch: „My name is Big Bear Heart.“ Er übersetzte es mit „Das Herz aller Menschen.“

Das Herz aller Menschen. Puh. Das klang nach einer schweren Bürde. Und ich konnte diese Bürde spüren. Das Herz aller Menschen. So kam ich mir auch manchmal vor. 

Natürlich musste ich den Bus verpassen und auch nicht in den davor einsteigen, sonst hätte ich ihn nicht getroffen. Und Angst war in dem Moment das beste Mittel, um mich davon abzuhalten, den ersten Bus zu nehmen.

Mein Bus nach Kalaheo kam und wir verabschiedeten uns.

In Kalaheo angekommen fuhr ich in Windeseile mit dem MTB zu Sandra und war tatsächlich nur wenige Minuten zu spät. Alles war wieder einmal halb so schlimm und wir konnten fast pünktlich beginnen.

Ich liebe es, wie sie die Zeremonie beginnt. Wie sich der Raum nach und nach mit Magie füllt, wenn sie alle Helfer herbei ruft.

In diesem Raum mit all den wunderschönen Steinen.

Schon als Jugendliche habe ich angefangen mit Edelsteinen zu experimentieren. Doch ich bin wieder davon weggekommen. Immer und immer wieder. Diese Welt hatte mir einfach zu viel Angst gemacht. So wie die Dunkelheit.

Ich hatte Panik, wenn es dunkel wurde und ich in meinem Elternhaus allein war. Ich hatte Albträume oder konnte die ganze Nacht nicht schlafen.

Ja, so viele Jahre hatte ich Angst vor der Dunkelheit.

Bis zu meiner Ausbildung für „Inner Clearing“. Das war echt verrückt. Mit nur einer Session war die Angst weg. 

Wir sind mental in die Vergangenheit gereist, um die Situation zu transformieren, die meine Angst ausgelöst hatte. Ich war noch ganz klein und musste am helllichten Tag „Mittagsschlaf“ halten. Aber ich wollte nicht. Ich habe geschrien und geweint. Aber niemand hatte mich aus dem dunklen Zimmer geholt. Die Jalousien waren unten. Es war stockdunkel. Ich war wie gefangen in diesem Babybett.

So haben wir mein Erwachsenen-Ich dazu geholt und ich habe ganz liebevoll mit mir selbst als Baby gesprochen. Mir gesagt, dass alles gut ist. Dass ich behütet und beschützt bin. 

Plötzlich hatte ich keine Angst mehr vor der Dunkelheit.

Das war so befreiend!

Ja, Angst. Ein schreckliches Gefühl. Wie die Angst vor der geistigen Welt. Doch irgendwann war auch die verschwunden.

Heute macht mir eher Angst, wenn ich sie nicht fühlen kann. Wenn ich mich nicht angebunden fühle, weil ich zu sehr im Kopf bin. Dann fühle ich mich alleine gelassen hier unten. 

Von einer Welt, die man nicht erklären kann. Nicht wirklich sehen kann. Die man nicht beweisen kann. Die für mich manchmal so kraftvoll und präsent ist, dass es mich fast umhaut. 

Lass uns zurück nach Kauai’ gehen.

Sandra legte liebevoll ihre ausgesuchten Steine auf meinen Körper und parallel dazu, aus weiteren Steinen, über meinen Kopf, meinen „Soulstar“.

Auf einmal war der Raum voller Indianer. Er war voll davon. Ich verstand das alles nicht. Ich sagte es Sandra und sie sagte: „Ich kann sie auch spüren.“

Keine Ahnung was dann geschah. Ich begann zu schreien. Mit einer Stimme, die nicht meine war. Ich schrie auf Englisch: „Nimm dieses scheiß Teleskop von mir weg!“

Ich habe noch nie in meinem ganzen Leben so eine gewaltige Kraft gefühlt. Und mir war klar, was durch mich sprach: Mauna Kea. Der Vulkan auf Big Island. Es sollte dort oben ein weiteres Teleskop angebraucht werden. An einem heiligen Ort. 

Ganz ehrlich, ich hatte keine große Ahnung, um was es da genau ging. Ich konnte nur fühlen, dass es NICHT RICHTIG war!

Mir war in dem Moment, als könnte die Erde im Bruchteil einer Sekunde alles zerstören. Aber sie tat es nicht. Sie hielt ihre Kraft zurück. Und Kraft ist ein lächerliches Wort dafür, was ich wahrgenommen hatte. 

Sie kam mir vor, wie eine Mutter, die so sehr an ihre Kinder glaubt. Die nachsichtig ist und großzügig. Wenn auch verletzt, geschunden und mit Füssen getreten. Die jedoch so sehr an uns glaubt, dass wir das schaffen.

Mir war, als wäre da ganz viel Dunkles. Dahinter war ganz viel Licht.

Klingt ganz schön kitschig, oder? Fast ein bisschen wie bei Star Wars. Vielleicht habe ich einfach eine zu blühende Phantasie.

Aber das was ich erlebt habe werde ich niemals vergessen.

Ich war in dem Moment zu allem bereit. Ich wäre überall hingeflogen. Hätte alles gemacht. Nur, um etwas für diese Erde zu tun. 

Nach der Session unterhielt ich mich mit Sandra und sie fragte mich, ob ich das mit Standing Rock mitbekommen hatte. Ja, irgendwie. Sie wollten ein Pipeline durch ein heiliges Land bauen. Ich verstand das alles nicht. 

Warum ich? Warum Kaua’i? Warum treffe ich eine Bestseller-Autorin am Strand, die ein Buch über die hawaiianische Kultur geschrieben hat? Warum treffe ich einen Nachfahren des Königs im Walmart und einen Lakota-Indianer an der Bushaltestelle? Warum die schmerzhafte Begegnung im Pool? Um was ging es hier?

Tiefe Schmerzen in der Geschichte? Und wie konnte man sie heilen?

Claire hatte mir in den ersten Wochen viel erzählt, was auf Hawai’i während der Kolonisation passiert war. Es war, als würde jemand ein Messer nehmen und es mir direkt in mein Herz rammen. Wie schlimm muss das gewesen sein, wenn man dir von heute auf Morgen deine ganze Kultur wegnimmt und dir sogar verbietet deinen Kindern hawaiianische Namen zu geben. Dieses Gefühl von Ungerechtigkeit, das in mir aufstieg, kann ich dir nicht in Worte fassen. 

Ich war total überfordert und in meinem Kopf drehte sich alles, während ich mit dem Rad zurück zur Bushaltestelle fuhr. Mein Verstand wollte Antworten, die es nicht gab. 

Ganz ehrlich, ich wäre sofort nach North Dakota geflogen. Ich hatte ja eh schon alles aufgegeben. Ich war in dem Moment zu allem bereit. So schrieb ich Inette Miller, der Bestseller-Autorin, die ich in Salt Pond Beach getroffen hatte und bat sie um rat.

Klar, niemand kann für dich Entscheidungen treffen, aber ich war zu sehr durch den Wind. Ich brauchte einen Perspektivenwechsel.

Sie riet mir, nichts zu überstürzen und meinte, ob ich nicht lieber doch erst wieder nach Deutschland fliegen möchte.

Sie wollte sich so schnell wie möglich mit mir treffen und so verabredeten wir uns in den nächsten Tagen.

Blöderweise war plötzlich meine Kreditkarte gesperrt. Auch das noch.